Die Verachtung und Beschimpfung der »Schmierfinken«, der Journalisten, setzt sich fort in der – bei Botho Strauß, Martin Walser, Peter Handke et alii – üblich gewordenen gnadenlosen Schelte auf die Medien. Auch der Rundfunkjournalist Burkhard Müller-Ullrich holt in seinem Pamphlet »Medienmärchen. Gesinnungstäter im Journalismus« zum modischen Rundumschlag gegen seine eigene Zunft aus. Verantwortlich für die Verbreitung der Lüge im Journalismus ist für Müller-Ullrich der »Gesinnungsjournalist«. Der verstehe sich nämlich, so Müller-Ullrich ganz im Klischeejargon der Walser, Strauß, Bohrer, Handke »als Vorkämpfer des Guten in der Welt« 3sowie als »Abgeordneter einer höheren Moral« und übe so, in gefährlichem »Puritanismus« und »totalitärem Wahrheitspathos« einen »linksökologischen, multikulturellen Meinungsterror« aus. Allzu viele »Friedensforscher, Menschenrechtler und Umweltschützer« tummelten sich in einem Metier, das eigentlich etwas »für Zyniker, Rauhbauze und Sprachgenies« sei und betätigten sich als »Zeitgeistverstärker ohne eigenen Intelligenz-Input« und ließen es an journalistischen Tugenden wie Zweifel und Willen zur Transparenz fehlen. Einige der von Müller-Ullrich angeführten vermeintlichen Beispiele zeigen, wie sehr er selbst ein Opfer seiner rechtsideologischen, reaktionären Kontaminierung wird. So führt er an, daß das Waldsterben nur ein »journalistischer Wahn«, ein bloßes Rauschen im Blätterwald sei. Die »volle Wahrheit« vielmehr sei: daß die Öffentlichkeit zehn Jahre lang »mit apokalyptischen Artikeln« in einer »einzigen morbiden Orgie deutschen Gesinnungskitsches« »irregemacht« 4worden sei, um das »politische Empörungsmaterial« zu steigern. Der neue offizielle Schadensbericht sagt das Gegenteil. Nach Müller-Ullrichs Darstellung haben »die Medien« im Falle der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Bevölkerung aus »Katastrophenlust« »zielstrebig und konsequent hysterisiert« 5. 1996, zehn Jahre nach dem Unfall, erweckt er den Eindruck, als ob es weder unmittelbare Strahlenopfer, noch Spätfolgen, noch überhaupt eine atomare Fallout-Wolke gegeben habe. Tschernobyl – ein »Mediengau« von »professionellen ›Aufbauschern‹ der Wirkungen von ionisierender Strahlung« 6? Medien – einen bequemeren Sündenbock gibt‘s nicht. Obwohl die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung sowie Gedankenfreiheit leidvoll erstrittene kerndemokratische Elemente sind. Und neben Legislative, Exekutive und Justiz als sogenannte vierte Gewalt Selbstausdruck der Demokratie sind. Müller-Ullrich freilich weist den Anspruch, »vierte Gewalt« zu sein, als Anmaßung zurück. »In Wahrheit steuern die modernen Massenkommunikationsmittel zum allgemeinen Erkenntnisfortschritt ziemlich wenig bei, weil sie von Nonsense total verseucht sind. Das gilt nicht nur für das ›Nullmedium‹ Fernsehen (um Hans Magnus Enzensbergers wunderhübschen Ausdruck zu gebrauchen), sondern auch für die dem Logos mehr verpflichteten Formen des Journalismus im Radio und in der Presse.« 7Richtiger ist: Auch in den seriösen Instituten von Fernsehen, Rundfunk und Presse ist das dem Logos verpflichtete Qualitätsangebot durchaus vorhanden. Unverzichtbar ist die im Grundgesetz festgelegte und vom Bundesverfassungsgericht mehrfach bestätigte »Grundversorgung« mit Information, Kultur und Bildung. 8
Der Zeitgeist sagt: Wir brauchen Männer, die notfalls mit ihrem Leben einstehen, nicht das »Gelabere« (Bohrer) der Journalisten und Medien. Nicht ohne Verständnis zitierte deshalb Joachim Fest 1993 in seiner Jüngeriade »Die schwierige Freiheit« die zynische Bemerkung von Francis Fukuyama, daß »eine liberale Demokratie, die alle 20 Jahre einen kurzen, entschlossenen Krieg zur Verteidigung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit führen könnte, bei weitem gesünder und zufriedener wäre als eine Demokratie, die in dauerhaftem Frieden lebt« 9. Wobei wir wieder bei Jüngers »Stahlgewittern«, bei »Feuer und Blut« wären. Der Krieg als Vater aller Dinge. Alle zwanzig Jahre ein neues Abenteuer namens Krieg?
9. Zerfetzte Gesichter oder eine neue Ästhetik des Schreckens
Jüngers martialische Kriegsprosa gilt im Rahmen solch geistiger Wiederaufrüstung als vorbildhaft. So reklamierte – da heute angeblich wieder Bedarf bestehe nach der Darstellung des Grauens – unter der Schlagzeile »Zerfetzte Gesichter. Die Ästhetik des Schreckens hat es hierzulande schwer« Thomas Medicus in der »Frankfurter Rundschau« 1Jüngers Darstellung kriegerischer Gewalt als »durchaus so etwas wie ein auf anthropologische Tiefenschichten zielendes ästhetisches Erkenntnismittel«. Wie bitte? Zu befreien sei dies »ästhetische Erkenntnismittel« nur von Jüngers ideologischer Kontaminierung. Das muß man zweimal lesen. Blut, ideologisch gereinigt, soll doch bitte schön ästhetisch gelungen auf Buchseiten fließen? Welcher Zynismus, welche Abwesenheit von humaner Sensibilität, angesichts der in der Vergangenheit doch längst auselaborierten Ästhetik des Kriegsgrauens nach ganz frischer Kriegsgräuelästhetik zu verlangen.
10. Demokratische Offenheit für Sinnangebote wird mißverstanden als orientie rungslose Beliebigkeit: Joachim Fest, Arnulf Baring et alii
Gedankliche Schulterschlüsse mit Ernst Jünger vollzogen und vollziehen nicht nur Ernst Nolte, die Autoren der »Jungen Freiheit« oder Botho Strauß und Karl Heinz Bohrer, sondern auch einflußreiche konservative Historiker und Publizisten wie Joachim Fest und Arnulf Baring. Die prinzipielle Offenheit der westlichen Demokratie für gewaltfreie Sinnangebote und damit die Praktizierung von Toleranz wird von ihnen mißverstanden als orientierungslose Beliebigkeit. Gleichgültigkeit gegenüber der Sinnfrage, so schreibt der einstige »FAZ«-Herausgeber Joachim Fest 1993 in seinem Essay »Die schwierige Freiheit. Über die offene Flanke der offenen Gesellschaft«, sei das Krebsübel der Demokratie. Und warum? »… es ist der große, gleichsam angeborene Mangel liberaler Gesellschaften, daß sie keinen greifbaren, die Leiden und Ängste der Menschen rechtfertigenden Lebenssinn vermitteln. Auch halten sie keinen mobilisierenden Zukunftsprospekt bereit und werfen den Einzelnen auf lediglich das zurück, was er als individuelle Erfüllung begreift. Jene Postmoderne, die das Lebensgefühl der fortgeschrittenen Industriegesellschaften ausmacht, ist im Grunde nichts anderes als der wiewohl verzerrte Ausdruck der auf den eigenen Begriff gekommenen, ihm jedenfalls nahegerückten offenen Gesellschaft: eine Welt, in der auch die moralischen Horizonte offen sind, wo alles geht und das heißt zugleich, nichts wirklich wichtig ist; in der … eine Generation von Erben mit dem Vermächtnis mühsam erworbener Prinzipien ein fröhlich-verzweifeltes Feuerwerk veranstaltet, dessen Glut die Reichtümer wie die Wahrheiten dahinschmelzen läßt.« 1Fests und Barings altjüngersche, urkonservative Dauerklage: Allgemein verbindliche Normen und Werte schmölzen angeblich dahin, Freiheit werde im Namen der Freiheit überdehnt.
Ausgeblendet wird, daß religiöse, kulturelle Freiheit nicht Relativität der Werte bedeutet. Sie bildet vielmehr einerseits den »Rahmen«, so der Freiburger Politologe Dieter Oberndörfer 2für die »von den Bürgern immer neu zu führende Auseinandersetzung über die maßgeblichen Orientierungen ihres Handelns« 3; andererseits sind Rahmen und Inhalte dieser ständigen Auseinandersetzung niedergelegt in den Artikeln der Verfassung, im »normativen Fundament der Republiken« 4. Die Verfassung ist Seele, Herz und Kopf der Bundesrepublik. Das Bestehen auf alle tragender und alles einender Ganzheit sowie verbindlicher metaphysischer Sinnstiftung dagegen ist dem Geist der Moderne (und der Deklaration der Menschenrechte sowie der – demokratischen – Verfassung) entgegengesetzt: widerspricht der Toleranz und Akzeptanz des Anderen, des Unterschiedlichen, der Differenz, dem Aushalten von nicht auflösbaren Widersprüchen, dem Klima des Zweifelnkönnens und -sollens. Fests und Barings konservative Kulturkritik ignoriert, daß Gegenstand der Verfassung durchaus »die Reichtümer wie die Wahrheiten« (Dieter Oberndörfer) menschlichen Zusammenlebens sind. Insofern liegt dort, in der Formulierung der Grund- und Menschenrechte, das ideelle Zentrum, das den Einzelnen und die Gesellschaft sinnstiftend zusammenschließt. Dafür fehlt Baring, Fest, Herzinger et alii offenbar jeder Sinn. Oder? Sie blenden aus, daß »Verfassungspatriotismus«, das Praktizieren zum Beispiel des der Aufklärung verpflichteten Menschenrechtskataloges mitsamt seines aufklärerischen Toleranzgebotes, der bessere Patriotismus ist. Besser und humaner allemal als jener, der mit dem andere ausgrenzenden Partikularsystem »deutsche Leitkultur« den (zu Recht) gescheiterten deutschen Sonderweg noch immer in irgendwelchen verdrucksten Restformen im Marschgepäck trägt. Tun das nur noch wenige oder doch eher noch etliche? Und vielleicht noch immer viel zu viele? Susan Sontag hat noch kurz vor ihrem Tod am 28. Dezember 2004 5jene, die sich aufgrund ihres Andere und Anderes einschließenden Wahrnehmungsvermögens als »Unruhestifter, als Stimmen des Gewissens« zu erkennen geben, aufgefordert, denen entgegenzutreten, »deren Vorstellung von Erziehung und Kultur auf die Einimpfung von Ideen (›Idealen‹) wie etwa der Liebe zur Nation oder zum eigenen Stamm hinausläuft«. Davon gibt es viele zwischen Flensburg und Freiburg, zwischen Kamenz und Koblenz. Laut und unentwegt rufen sie nach »deutscher Leitkultur«, ohne zu verstehen, daß bereits die Leitwerte der Verfassung die beste kulturelle Anleitung und Leitkultur bilden. Und daß eben »deutsche Leitkultur« »dem Wesen von Kultur widerspricht« (Salomon Korn) 6, weil Kultur bedeutet: Vielfalt, Differenz, Pluralismus, Akzeptanz des Fremden und Anderen, Toleranz. Leitkultur indes läuft auf Verpflichtung zur Assimilation und Integration hinaus, Kultur aber bedeutet Anerkennen des Anderen. (Wobei reziprok die Akzeptanz von Verfassung und Sprache der wiederum Anderen selbstverständlich ist.)
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