Liegt nicht aber im Sehen und Beschreiben schon – durch Ausgrenzung und Hervorhebung – Wertung, also Moral, Gewissen? Da für Jünger Geschichte und Wirklichkeit ein nicht korrigierbares, über den Menschen verhängtes Geschehen bilden, stellt er auch keine Fragen: nicht die nach individueller und kollektiver Verantwortung, nicht die nach der Korrekturbedürftigkeit der vier Essentials seines nationalrevolutionären »Programms«. »Schreckensbilder« wie Krieg und Kriegsverbrechen werden vielmehr immer wieder gerechtfertigt als Produkte des Schicksals und eingefügt in den »Spiegel« der Geschichte – unbegriffen abgestellt in der Kammer der Geschichte. Nicht um Fehleranalyse geht es, sondern um Entlastungsstrategie und Selbstbestätigung durch Widerspiegelung von Schreckensbildern. In einem der drei »Briefe an meine Freunde« Jüngers heißt es am 15. Juli 1946: »Überhaupt muß ich meine Leser bitten, meine Autorschaft als ganzes zu nehmen, in dem zwar Epochen, nicht aber Widersprüche zu unterscheiden sind. Ich möchte nicht zu jenen Zahllosen gehören, die heute nicht mehr an das erinnert werden wollen, was sie gestern gewesen sind.«
Schon in der 1941 entworfenen, im November 1943 geschriebenen und nach Kriegsende redigierten Schrift »Der Friede« suchte Jünger nach Entlastungsstrategien. Zwar distanzierte er sich darin vom »Dritten Reich« und modellierte – sympathischerweise – ein vereintes Europa, wehrte Schuldzuweisungen aber ab. Nicht der deutsche Nationalismus und Nationalsozialismus hätten den Krieg bewußt herbeigeführt, heißt es, sondern das »Walten des Weltgeistes«, der »Zug des großen Werdens« – Jüngers und des Seinsphilosophen Heideggers über alle Geschichte verhängtes Schicksal. Und um Schuld zu suspendieren und moralisch zu entlasten, erklärte Jünger neben den Deportierten auch gleich die deutschen Soldaten und die deutsche Zivilbevölkerung zu Opfern. Alle sind sie, befand er in der Ausgabe von 1960 der zu religiöser Besinnung und Kirchgang anhaltenden Weltanschauungsprosa »Der Friede«, Werkzeuge eines Reinigungsaktes der Schöpfung – eine groteske Entwertung des Leids der Opfer. Jünger: »Die Mannigfaltigkeit der Fronten verhüllte den Tätern und Leidenden die Einheit des großen Werkes, in dessen Bann sie wirkten – doch wird sie durch ihre Zeugung, durch ihre Verwandlung zum Opfer offenbar« 14. Zwar spricht Jünger auch von den »Judengräueln« und davon, daß sie »das Universum gegen uns aufbringen«, setzt sie aber gleich mit dem »roten Schrecken«, den Verbrechen Stalins. Daß sich die Wehrmacht Hitler und seinem rassischen Vernichtungskrieg im Osten zur Verfügung stellte, ist für Jünger Folge eines »Weltbürgerkrieges«, nicht Ergebnis einer bereits Jahre vorher immer wieder programmatisch verkündeten Rassendoktrin. Und den Totalitarismus Stalins und Hitlers setzt er insofern gleich, als er beide zu Geschöpfen des Rationalismus erklärt: »Im Treibhaus der Kriege und Bürgerkriege trugen die großen Theorien des vorigen Jahrhunderts Früchte, indem sie sich zur Praxis wendeten. Nun trat zutage, daß das kalte Denken sie erfunden hatte, sei es, daß sie die Gleichheit, sei es, daß sie die Ungleichheit der Menschen kündeten.« 15Jüngers Argumentation fand Nachfolger – Ernst Nolte zum Beispiel.
5. Ernst Nolte kopiert Ernst Jünger im »Historikerstreit«
1986, vierzig Jahre nach Jüngers »Friedens«-Schrift und dem wenig später ähnlich argumentierenden Essay »Der gordische Knoten«, hat der Historiker Ernst Nolte im sogenannten Historikerstreit Jüngers Weltbürgerkriegsthese erneuert. Unter der Überschrift »Die Vergangenheit, die nicht vergehen will« veröffentlichte »FAZ«-Herausgeber Joachim Fest am 6. Juni 1986 in seinem Blatt einen Aufsatz, in dem Nolte behauptete: Es bestehe eine ursächliche Verbindung zwischen den Klassenmorden unter Lenin und dem nationalsozialistischen Rassenmord an den Juden. Ein bewußter Tabubruch: »Vollbrachten die NS, vollbrachte Hitler eine ›asiatische‹ Tat vielleicht nur deshalb, weil sie sich und ihresgleichen als potentielle oder wirkliche Opfer einer ›asiatischen‹ Tat betrachteten? War nicht der Archipel Gulag ursprünglicher als Auschwitz? War nicht der ›Klassenmord‹ der Bolschewiki das logische und faktische Prius des ›Rassenmordes‹ der Nationalsozialisten? … Aber so wenig wie ein Mord oder gar ein Massenmord durch einen anderen Mord ›gerechtfertigt‹ werden kann, so gründlich führt doch eine Einstellung in die Irre, die nur auf einen Mord und den einen Massenmord hinblickt und den anderen nicht zur Kenntnis nehmen will, obwohl ein kausaler Nexus wahrscheinlich ist.« 1Noltes Strategie: Die Naziverbrechen werden als Antwort auf – angeblich bis 1989 – fortdauernde bolschewistische Vernichtungsandrohungen verständlich gemacht und so relativiert. Das von den Nazis organisierte Verbrechen der Judenvernichtung, behauptet er, sei – »mit alleiniger Ausnahme des technischen Vorgangs der Vergasung« – keineswegs einmalig gewesen. Ein unbelasteteres Nationalbewußtsein solle sich endlich wieder entfalten können.
Nolte schlug damit die Verbrechen des NS-Regimes der Historie zu und versuchte sie zu »entsorgen«: Indem er Auschwitz innerhalb eines ideologischen Weltbürgerkrieges darstellte als bloße Reaktion auf Stalins Gulag. Nolte folgte Jünger bereitwillig: Erklärte der in »Der Friede« Verbrechen und Terror der Nazis damit, daß der Überlebenskampf sie dazu gezwungen habe, »asiatische« Methoden zu kopieren, so spricht Nolte vom »bolschewistischen Antibolschewismus«. Deutschland als Träger der abendländischen Kultur versus kulturzerstörerischem Bolschewismus – diese Konstellation erklärt für Jünger wie für Nolte Hitler.
Und ganz wie Jünger konstruiert Nolte ein Weltbild, in dem eine »ewige Linke« durch ihre Forderung nach Gleichheit »Verschwörungen zur Vernichtung der Kultur« angezettelt habe und anzettele. Permanent, vom Spartakusaufstand bis zur Oktoberrevolution, habe sie, will Nolte es in seiner Verschwörungstheorie wissen, »Massenerregung«, »Volksaufstand«, »Klassenmord« inszeniert. Und auch heute seien die linken »Egalitätsideologen« dabei, führt Nolte 1993 in der »Schlußbetrachtung« seiner »Streitpunkte« aus, die »geschichtliche Bevölkerung« der Deutschen, den ›deutschen Volkskörper‹, durch Multikulturalismus zu zerstören. Das Ziel der »Egalitätsideologen«: »Deutschland nicht bloß zu einem Einwanderungsland, sondern zu einer ›multikulturellen Gesellschaft‹ zu machen und dadurch endlich jene Schichten und Gruppen in Deutschland auszuschalten, denen man die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs und am Sieg des Nationalsozialismus zuschreibt.« 2Die klassische rechte Verschwörungstheorie.
6. Galionsfigur der Neuen Rechten
Ernst Jünger, geadelt von Ernst Nolte, Karl Heinz Bohrer, Botho Strauß und Frank Schirrmacher, wurde in der Bundesrepublik zur Galionsfigur der Rechten, und er ist es noch immer. In der Wochenzeitung »Junge Freiheit«, dem wichtigsten Publikationsorgan der Neuen Rechten, spielt er die Rolle eines Säulenheiligen. Mit Jüngers Foto in einer ganzseitigen Anzeige warb sie zu dessen hundertstem Geburtstag. 1Neben dem »wehrhaften« Jünger stellt Götz Kubitschek, Redakteur der Sonderbeilage, in magisch-mythischer Beschwörung den mythisch-magischen Denker der Gegenaufklärung in den Vordergrund: »Ernst Jünger spricht aus, was wir ahnen: das Vorhandensein eines nicht faßbaren Hintergrundes, den man nie ›haben‹ kann, sondern höchstens ab und zu berühren.« 2Diesen angeblich »nicht faßbaren« »Hintergrund« beschreibt der rechte Historiker Karlheinz Weißmann als Wahrnehmen von Transzendenz: »Jünger war ein Nationalist, aber er war von vornherein und immer mehr als das … Zu Jüngers Botschaft gehörte immer, daß es gut bleibt, ›zu ahnen, daß hinter den dynamischen Übermaßen unserer Zeit ein unbewegliches Zentrum verborgen ist‹«. 3Was unter Jüngers »Zentrum« zu verstehen ist, erklärt Roland Bubik, Redakteur der »Jungen Freiheit«, zur Grundmeinung des Konservativen von heute: »Die kulturelle Formierung einer Gesellschaft, getragen durch Volk, Staat und Religion, ist der Mechanismus zur Konstituierung der konkreten ›Würde‹ des einzelnen Menschen … Der Konservative … hat von jeher die Würde des Menschen als nur in der Partikularität einer kulturellen Identität erlebbar begriffen.« 4»Partikularität einer kulturellen Identität« – das bedeutet die »Besonderheit« des Deutschen, den deutschen Sonderweg. Nur dies zählt. Horst Seferens hat 1998 in seiner Jüngerstudie »Leute von übermorgen und von vorgestern« dargestellt, wie sich ein konservatives Netzwerk von Autoren und Zeitschriften hinter Ernst Jünger zusammengefunden hat. Ihn verklärt es zum »weitsichtigen Prognostiker und Diagnostiker des Endes der Moderne« und zum »sinnstiftenden Propheten einer hoffnungsvollen Zukunftsperspektive«. 5Ist das eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive, wenn ausdrücklich im Namen Jüngers im rechten Theorieorgan »Der Pfahl« Autoren wie Günter Maschke, Hartmut Lange, Axel Matthes und Gerd Bergfleth für das Ende von Aufklärung und offener Gesellschaft plädieren? »Reif zum Untergang«, so Gerd Bergfleth, sei die Bundesrepublik mit ihrem »Emanzipationswahn« und »Menschenrechtsgeklingel«. 6Anthropozentrisches Denken solle ersetzt werden durch mythisch-geozentrisches. Endlich anerkannt werden solle die »Oberhoheit« von Erde und Natur. Mit Jünger solle deshalb gelten: Wollen, »was die Erde will«. Das heißt doch wohl: Erde – das meint erzkonservativ auch Blut und Boden. »Menschenrechtsgeklingel« – das bedeutet Absage an die Menschenrechte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.
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