Samba, Sonne, Strandfußball
Über noch mehr brasilianisches Flair verfügt der Strandfußball. Die Strände der Copacabana sind ohne braungebrannte Strandkicker kaum vorstellbar. Samba, Sonne, Strand – diese Erlebnistrias scheint den brasilianischen Spielern, auch fern der Heimat, eingeschrieben zu sein.
Wie so häufig wurde auch im Falle des Strandfußballs aus der Not, die erfinderisch macht, schließlich ein eigenes Markenzeichen. Zu Beginn der 1920er-Jahre hatte das Fußballfieber bereits weite Teile der Bevölkerung gepackt, doch eine Aufnahme in die Vereine stand größtenteils nur wohlhabenden und weißen Spielern offen. Das Anwachsen der Metropole Rio de Janeiro brachte ein zunehmendes Verschwinden innerstädtischer Freiflächen mit sich. Wo also sollten die ärmeren Fußballfreunde ihrem Vergnügen nachgehen? Die Zeit des Strandfußballs war gekommen. Dieser breitete sich so rasch aus, dass der Bürgermeister Rios ein Verbot in die Wege leiten wollte – das Einreichen einer Petition mit 50.000 Unterschriften ließ ihn rasch von diesem Vorhaben Abstand nehmen. Zwar waren die Vereinsstrukturen elitär und von kolonialem Rassismus geprägt, doch bereits zu jener Zeit ließ sich das Volk nicht um seinen Fußball betrügen. Mit der zunehmenden Etablierung des Fußballs schwang sich auch der Strandfußball zu neuen Höhen auf.
In den 1950er- und 1960er-Jahren wimmelten Rios Strände von Fußballern, die elf gegen elf auf Sand um Ball, Sieg und Selbstverwirklichung rangen. Teams steckten ihre Strandabschnitte an der Ipanema und der Copacabana wie Claims ab und beanspruchten zu regelmäßigen Spielen ihr Territorium. Den Scouts der Vereine, die sich zu dieser Zeit Spielern aus allen Schichten geöffnet hatten, blieb das Treiben nicht verborgen. Der Strand wurde zum leicht anarchischen Laufsteg für zukünftige Profikarrieren. Mit der Zunahme des Strandfußballs, des Tourismus und der Bevölkerungszahl in der Metropole aufgrund der Arbeitsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es eng an den Stränden. Zwischen 1940 und 1960 hatte sich die Bevölkerungszahl Rios annähernd verdoppelt. Die räumliche Enge, der Kampf um die Plätze und das zunehmende Spektakel führten zu teils wilden Auseinandersetzungen an den Stränden. Die Folge waren Reglementierungen und Einschränkungen des spielerischen Wildwuchses. Anfang der 1960er-Jahre war Strandfußball erst ab 14 Uhr erlaubt, Plätze wurden ausgewiesen und die Ordnung überwacht.
Doch Brasilien wäre nicht es selbst, wenn nicht auch diesem neuen Notstand durch Erfindungsreichtum begegnet worden wäre. So kamen zu dieser Zeit einige verscheuchte Strandfußballer auf die Idee, einfach auf die am Strand längst zur Institution gewordenen Beachvolleyballplätze auszuweichen und den Ball mit dem Fuß übers Netz zu jonglieren. In Deutschland kennt man das Spiel meist als „Fußballtennis“, treffender ist jedoch die ursprüngliche Bezeichnung „Footvolley“. Eine neue Spielart des Fußballs war geboren, die insbesondere auch von den kickenden Mädchen und Frauen begeistert angenommen wurde, da beim Footvolley weniger Athletik und Zweikampfhärte gefragt, sondern vor allem technisches und akrobatisches Geschick ausschlaggebend war.
Die Wohlhabenderen unter den Strandkickern verließen hingegen das öffentliche Territorium Strand wieder und besannen sich auf die Exklusivität der Fußballanfangsjahre. Ihr Rückzug vom Strandfußball führte die Mittel- und Oberschicht zurück in die Stadtzentren. Zu jener Zeit wirtschaftlicher Prosperität und die durch den WM-Sieg 1958 angeheizte Fußballbegeisterung galt es in den höheren Schichten als enorm statusfördernd, sich in den Städten private kleine Rasenplätze anzulegen, um Sport und gesellschaftliche Begegnung zu verbinden. Wer über genügend Mittel verfügte, sich die aufwendig zu pflegende Rasenfläche im tropischen Klima leisten zu können, der empfing Geschäftspartner und bedeutende Persönlichkeiten zu Grillfesten, auf denen dem Bier und privaten Kick gefrönt wurde. Diese vorwiegend reinen Männergesellschaften stellten sozialen Zusammenhang sicher und waren Nährboden für allerlei Geschäftliches.
Der Strandfußball selbst war natürlich nie totzukriegen. Wo immer ein Ball ist, wird gespielt. Doch nach der wilden und freien Anfangszeit erlebte der Strandfußball seine Phase der Domestizierung und schließlich der Anpassung an die neuen Gesetze der Kommerzialisierung. Anfang der 1990er-Jahre wurde für das Fernsehen der „Beach Soccer“ erfunden, bei welchem jeweils fünf Spieler in drei Perioden à zwölf Minuten gegeneinander antreten. Seit 1998 ist Beach Soccer an der Spitze offiziell Profisport. Frühere brasilianische Nationalspieler wie Romário oder Zico verdienten sich nach ihrer Fußballkarriere ein paar Reals dazu und dienten als populäre Zugpferde der Vermarktung.
Traum und Wirklichkeit
Die brasilianische Variante des Tellerwäscher-Mythos ist der Fußballer, der vom Strand oder Bolzplatz weg verpflichtet wird und zu Ruhm und Reichtum gelangt. Von der Wirklichkeit ist er weit entfernt, zumindest, wenn man die Wirklichkeit an den Strukturen misst, die die riesige Masse armer Fußballer ausbeuten, und nicht an den sehr seltenen Ausnahmen.
Das gewaltige Reservoir an Fußballtalenten wurde und wird von den brasilianischen Vereinen weidlich genutzt und ausgenutzt, wobei aus der Not der meisten begabten Spieler Kapital geschlagen wird. Der heutige Traum vom Profifußball führt nicht mehr über den spielerischen Freizeitkick, sondern über die Peneiras, die Spielersichtungen der Vereine. An diesen zentral organisierten Fußball-Assessment-Centern nehmen jedes Jahr Tausende Jugendliche teil. Katrin Sturm und Carsten Bruder nennen in Zwischen Strand und Stadion die Zahl von 20.000 Teilnehmern pro Jahr allein bei den Sichtungen des FC São Paulo. Von diesen 20.000 Spielern werden etwa 90 Spieler im Durchschnitt in die Jugendmannschaften des Vereins aufgenommen. Aus dem Kreise dieser Auserwählten schaffen ca. zwei Prozent den Sprung in den Profikader. Die Spieler opfern diesem Traum die wichtigsten Jahre ihrer Jugend und bekommen in den Akademien der Vereine, in denen sie jahrelang untergebracht werden, zumeist keine Schulbildung. Schaffen Sie es nicht, stehen sie vor dem Nichts, und diejenigen, die es schaffen, geraten sehr häufig in die Hände von Beratern, die den Vereinen zuarbeiten und die mangelnde Bildung ihrer Mandanten weidlich zum eigenen Vorteil ausnutzen. Von dem brasilianischen Elend und dem Traum vom Profifußball nähren sich Vereine und eine ganze Wirtschaft drum herum prächtig.
Um diesem Missstand bei der Ausbeutung der Talente Einhalt zu gebieten, haben in den vergangenen Jahren vermehrt ehemalige Spieler die sogenannten Escolinhas gegründet. Das Problem an den privat betriebenen Talentschulen ist jedoch, dass diese, abgesehen von einigen Förderstipendien für besonders talentierte arme Jugendliche, kostenpflichtig sind, wodurch sie in der Regel ausschließlich von Mittel- oder Oberschichtkindern besucht werden können.
Auch muss erwähnt werden, dass viele Spieler in den letzten Jahren, unter ihnen Weltstars wie Kaká, eng mit den zahlreichen evangelikalen Sekten Brasiliens in Kontakt gekommen sind und niemand beurteilen kann, welchen Formen der Indoktrination junge Fußballschüler in den Escolinhas ausgesetzt sind.
In seiner dreijährigen Zeit als außerordentlicher Sportminister legte Pelé ein Programm für öffentliche Fußballschulen auf, die Kindern aus allen Schichten offen stehen. Nicht nur Karriereförderung und karitative Motive waren ausschlaggebend: Die wachsende Jugendkriminalität in den Ballungsräumen machte politisches Engagement nötig. Der Erfolg nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung der Jugendkriminalität gibt diesen Projekten recht. Professor Mauricio Murad von der Universität des Bundesstaates Rio de Janeiro stellt im Hinblick auf die soziale Bedeutung des Fußballs für sein Land fest: „Mithilfe des Fußballs als einem sehr wichtigen kollektiven Ritual erhalten wir Zugang zu den grundlegenden Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens und der brasilianischen Geschichte. Fußball ist in Brasilien mehr als ein Massensport und unser Sport Nummer eins. Fußball ist eine Metapher des gesellschaftlichen Lebens in Brasilien, eine Zusammenfassung seiner wichtigsten Charakteristika“; und zieht für die öffentlichen Fußballprogramme das positive Fazit: „Sogar die UNO unterstützt und finanziert zusammen mit der FIFA seit einigen Jahren Zehntausende von Fußballsportzentren, deren Konzept in der Zusammenführung und gegenseitigen Beeinflussung der Kulturen besteht. Über ihre Funktion als Freizeitzentren hinaus dienen sie Kindern und Heranwachsenden auch als Treffpunkt, als Ort des Gedankenaustauschs und der Solidarität, erst recht, wenn sie in einem schwierigen sozialen Umfeld leben. Vom Elitären und Exklusiven zum Populären und Demokratischen, das ist die wesentliche historische Kurve des Fußballs in Brasilien.“
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