»Was … was haben Sie vor?«
»Dir die Schamhaare abzurasieren«, antwortete die Ärztin, als wäre es die normalste Sache der Welt. »Dein späterer Besitzer wird sich möglicherweise dafür entscheiden, die Haarwurzeln zu veröden, aber solange du hier bist, wirst du alle paar Tage rasiert. Entspann dich also, und halt vor allem still!«
Es blieb Julie nichts anderes übrig, als dem Rat zu folgen und zuzusehen, wie die Haare zwischen ihren Beinen verschwanden. Als die Helferin fertig war und die Reste des Schaums mit einem feuchten Tuch abwischte, fühlte sich Julie so nackt und schutzlos wie niemals zuvor in ihrem Leben.
Die Ärztin nahm den Knebel wieder zur Hand.
»Nein!«, flüsterte Julie erschrocken. »Bitte nicht wieder!«
»Es muss sein. Mund auf!«
»Sagen Sie mir wenigstens, was mich erwartet«, sagte Julie, dann sperrte sie gehorsam den Rachen auf.
»Das wissen wir nicht«, antwortete die Ärztin, während sie den Knebel in Julies Mund steckte. »Die Untersuchung ist eine Standardprozedur.« Sie verschloss den Knebel im Nacken. Dann nahm sie etwas zur Hand, das wie ein Gummiball aussah, steckte es an die Vorderseite des Knebels und begann, ihn rhythmisch zu drücken. Der Gummiball wuchs in Julies Mundhöhle an und presste ihre Kiefer auseinander. Immerhin blies die Ärztin den Knebel nicht so weit auf, wie es der Mann im Lieferwagen getan hatte.
»Die meisten werden, nach einer mehr oder weniger umfassenden Konditionierung, an den Meistbietenden verkauft.«
Julie keuchte. Das konnte nicht sein! Das war bestimmt alles nur ein schrecklicher Albtraum!
Die Ärztin entfernte den Gummiball wieder und beugte sich zu Julies Kopf herunter. »Nur Mut! Vielleicht kommst du zu einem guten Herrn oder einer guten Herrin, das gibt es durchaus. Dann hast du das Schlimmste hinter dir, wenn du erst einmal hier heraus bist und die Konditionierung abgeschlossen ist. Die allerdings …« Für einen Augenblick senkte sich Leid wie ein Schleier über den Blick der Ärztin. Dann zuckte sie mit den Schultern, als könnte sie damit eine schreckliche Erinnerung abschütteln. »Ich kann dir nur einen Rat geben, einen wirklich guten, ernst gemeinten Rat: Wenn man dir etwas befiehlt, tu es, was auch immer es sein mag! Sofort und ohne den geringsten Widerspruch!«
Schwärzeste Verzweiflung senkte sich über Julies Geist. Sie schloss die Augen.
Aufwachen! , dachte sie konzentriert. Du musst aufwachen! Das ist nur ein schlimmer Traum! Nur ein Traum, nur ein Traum …
Sie öffnete die Augen wieder.
Nichts hatte sich verändert. Die beiden Frauen wandten ihr die Rücken zu. Die Ärztin hatte immer noch einen verstriemten Po.
Julie war immer noch an den Stuhl gefesselt.
Das ist kein Traum! Das ist die Wirklichkeit. Schrecklicher als ein Traum jemals sein könnte!
Die Ärztin wandte sich wieder Julie zu. In den Händen hielt sie einen stählernen Ring, an dem mehrere Ösen befestigt waren. Sie klappte ihn auseinander. Nun waren es zwei Ringhälften, die an einer Stelle mit einem Gelenk verbunden waren. Julie erkannte, worum es sich handelte, als die Frau es um ihren Hals legte: Ein Halsband von genau der Art, wie die beiden es trugen! Es klickte, als das Schloss im Nacken einrastete. Es war so schnell gegangen, dass sie nicht einmal dazu gekommen war, sich zu wehren.
Nicht, dass ihr das etwas genutzt hätte.
»Ist es fertig?«, rief eine männliche Stimme.
»Alles fertig«, bestätigte die Ärztin und nahm der jüngeren Frau das Protokoll aus der Hand. »Hier die Ergebnisse. Keine Drogen, nicht einmal Nikotin. Trächtig ist es auch nicht.«
»Ausgezeichnet.«
Ein Mann trat in Julies Blickfeld. Angstvoll sah sie zu ihm auf, während er ihren nackten Körper mit unverhohlenem Interesse musterte. Er war etwa fünfundvierzig Jahre alt, hatte einen schwarzen Vollbart und ein wenig Vertrauen erweckendes, von einer Wangennarbe verunziertes Gesicht. Außerdem schien seine Nase einmal gebrochen gewesen zu sein. Wie die beiden Fahrer des Lieferwagens trug er eine schwarze Uniform.
Der Mann hielt etwas Rotes hoch. »Fehlt nur noch dies!«
Julie hielt vor Schreck den Atem an. Das Ding war eine Plastikmarke von der gleichen Art, wie die Ärztin und ihre junge Kollegin sie am Ohr trugen, allerdings rot anstelle von blau. Darauf stand eine Nummer: 4279. Hinter der Nummer war ein Chip in die Marke eingelassen, wie bei einer Kreditkarte.
Er will doch nicht etwa …?
Die Ärztin reichte ihm etwas, das einem Klammerapparat ähnelte. Er legte die Plastikmarke in das zangenähnliche Vorderteil ein, ging um den Stuhl herum und beugte sich zu Julie herab. Sie versuchte, den Kopf wegzudrehen, doch der Mann packte ihn mit einer Hand und hielt ihn damit so fest wie ein Schraubstock. Im nächsten Augenblick machte es »klack«, und ein scharfer Schmerz durchzuckte Julies rechtes Ohrläppchen. Sie jaulte in den Knebel. Der Mann lachte und ließ ihren Kopf wieder los.
Während die Schmerzen langsam nachließen und in ein dumpfes, aber stetes Pochen übergingen, wurde sie losgeschnallt. Als sie wieder auf den Beinen stand, nahm der Narbige ein Paar Handschellen von seinem Gürtel und fesselte damit ihre Hände abermals hinter ihrem Rücken zusammen. Anschließend erhielt sie auch noch eiserne Fußfesseln, die durch eine höchstens dreißig Zentimeter lange Kette miteinander verbunden waren, so dass sie nur kleine Schritte machen konnte.
»Erhält es die übliche Konditionierung?«, fragte die Ärztin.
Der Schwarzuniformierte grinste breit. »Die Käufer stehen darauf.« Er deutete auf Julies patschnasse Hose, die mittlerweile in einen Plastikbeutel gewandert war. »Außerdem scheint es nicht stubenrein zu sein. Auch dieses Problem wird durch die Konditionierung in der Regel beseitigt.«
Er packte Julie an der Schulter und schleifte sie aus dem Raum.
Julie Hurt wankte einer düsteren Zukunft entgegen.
6
Der Wärter führte Julie mit klirrender Fußkette durch einen kahlen Gang in einen anderen Raum. Er war groß und nüchtern eingerichtet: weiß gestrichene Schränke, Arbeitstische und medizinische Geräte an den Wänden. In der Mitte eine niedrige, leicht geneigte Liege, auf die eine Frau mit brauner Lockenfrisur geschnallt war, nicht viel älter als Julie selbst. Sie trug ebenfalls Knebel und Halsband sowie eine rote Marke am rechten Ohr: 4278. Die Frau war nackt, und ihre Schamhaare mussten genauso wie die von Julie frisch rasiert sein, denn die Haut zwischen den leicht gespreizten Beinen war noch gerötet. Von ihrem Kopf und ihren Brüsten führten mehrere Drähte zu einem aktenkoffergroßen Gerät, das neben der Liege auf einem fahrbaren Tischchen stand. Ein Mann in einem weißen Kittel schaltete an dem Gerät herum.
Es gibt also nicht nur Schwarzuniformierte hier , dachte Julie, und irgendwie erleichterte sie diese Erkenntnis. Vielleicht ist er ein richtiger Arzt! Vielleicht kann man mit ihm reden …
Doch dazu musste sie erst einmal den schrecklichen Knebel loswerden.
Bei ihrem Eintreten hatte der Mann den Kopf gewandt. Er war an die sechzig Jahre alt, hatte kurzgeschnittene, weiße Haare und ein fleckiges, eingefallen wirkendes Gesicht. Er sah müde aus.
»Was denn, noch eines?«, fragte er stirnrunzelnd Julies Wärter. »Wissen Sie, wie spät es ist?«
Er deutete auf eine Uhr an der Wand. Julies Blick folgte der Geste: Es war kurz vor neun Uhr abends. Plötzlich spürte sie ihren leeren Magen. Sie hatte seit dem Mittag nichts gegessen, und dieses Mittagessen war wegen ihrer Aufregung ziemlich spärlich ausgefallen.
Der Narbige zuckte mit den Schultern. »Ist bestimmt das Letzte für heute.«
Der Arzt – Julie beschloss, ihn Arzt zu nennen, weil sie dieser Gedanke ein wenig beruhigte – seufzte. »Na gut. Stecken Sie es in den Käfig dort, bis ich mit diesem hier fertig bin.«
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