Julie schloss die Augen und erwartete das gleiche Knattern, das sie vorhin gehört hatte. Doch noch kam es nicht. Stattdessen machte der Arzt sich zwischen ihren Beinen zu schaffen. Sie riss die Augen wieder auf: Er war dabei, identische Plättchen mit identischen Drähten an ihren kahlgeschorenen Schamlippen zu befestigen. Julie begann, am ganzen Körper zu zittern. Der Arzt musterte sie interessiert und wandte sich wieder dem Apparat zu.
Im nächsten Augenblick kam die Entladung, auf die Julie so angsterfüllt gewartet hatte. Eine Schicht ihres Bewusstseins, die vom Rest ihres Gehirns auf eine seltsame Weise abgetrennt zu sein schien, wunderte sich über deren geringe Lautstärke, eher ein statisches Knistern als das Krachen, das sie in Erinnerung hatte.
Dann erreichte sie der Schmerz.
Ein sengender Blitz fraß sich, ausgehend von ihren Brüsten und ihren äußeren Schamlippen, in Nullzeit durch ihren Körper. Sie spürte ihn an den Fußsohlen, in den Finger- und Zehenspitzen, den Haarwurzeln, den Pobacken, überall. Ihre Muskeln – jeder einzelne Muskel, jede einzelne Faser – kontrahierten wie Froschschenkel in einem medizinischen Experiment. Und sie glühten .
Äonen später, als sie wieder sehen konnte, schwebte das verschwommene Gesicht des Arztes über ihr.
»Faszinierend. Und das war erst Stufe eins! Ich bin mal gespannt …«
Erneut ein Knistern …
… und viel, viel später ein weiteres.
Julie musste zwischendurch das Bewusstsein verloren haben, denn mit einem Mal fühlte sie sich frei von allen Fesseln. Der Arzt half ihr, sich aufzurichten. Eine Unterhaltung zwischen ihm und dem Wärter drang an ihre Ohren; sie hörte die Worte und Sätze, ohne ihren Sinn zu verstehen. Julies Welt bestand aus Schmerzen, vor allem im Kopf, und einem Gefühl der Desorientierung, der Irrealität, als stünde sie unter Drogen.
»Ein hochinteressantes Spezimen. Stark überhöhtes Schmerzempfinden. Es wird keine größeren Probleme mit ihm geben.«
Die Antwort des Schwarzuniformierten verstand Julie nicht.
»Wie auch immer, ich mache Schluss für heute. Den Papierkram erledige ich morgen früh. Ich habe meiner Frau versprochen, nicht wieder so spät nach Hause zu kommen. Mein Enkel hat morgen Geburtstag und …«
Der Rest verschwand in einem Murmeln. Julie fühlte sich hochgezogen, spürte, wie ihre Hände wieder hinter ihrem Rücken gefesselt wurden, hörte das Klirren der Fußkette, als sie erste zaghafte Schritte machte. Hätte sie der Wärter nicht gestützt, wäre sie gefallen.
Das Nächste, woran sie sich später erinnerte, war ein winziger und niedriger Raum, umschlossen von kahlen Betonwänden: Julies Nachtquartier für die folgenden Wochen. Eine wenige Watt schwache Birne über der eisernen Tür ließ sie das Innere der Zelle mehr erahnen als sehen. Der Betonboden war größtenteils mit Streu bedeckt, wie in einem Stall. Ihr Halsband war durch eine Kette mit der Wand verbunden. Immerhin hatte man ihr die Hand-, wenn auch nicht die Fußfesseln abgenommen, so dass sie halbwegs bequem liegen konnte. Auch von dem schrecklichen Knebel hatte man sie befreit. Ganz am Rande ihrer Reichweite stand ein Blechnapf mit Wasser und ein weiterer, der einen zähflüssigen und geruchlosen Brei enthielt. In einer Ecke war ein quadratischer Gitterrost in den Boden eingelassen, aus dem schrecklicher Gestank drang. Sollte das etwa die Toilette sein?
Julie trank zunächst etwas Wasser, dann tauchte sie einen Finger in den Brei und schleckte ihn ab. Im nächsten Moment zog sich ihr Magen zusammen und hob sich. Sie konnte sich gerade noch abwenden, bevor sie sich erbrach.
Die Nachwirkungen der Elektroschocks! Ich muss warten, bis sich mein Körper wieder erholt hat .
Immerhin konnte sie trinken, ohne dass ihr Körper sich gegen sie wandte.
Sie legte sich in Fötalstellung auf den Boden und schloss die Augen. Langsam ließ die geistige Lähmung, die sie irgendwann im Laufe dieses endlosen Abends befallen hatte, ebenso nach wie die Schmerzen in ihrem Kopf und in ihren Brüsten. Endlich war sie wieder in der Lage, halbwegs klare Gedanken zu fassen, die nicht von Schrecken und Panik diktiert waren.
Was war geschehen? Eine Verwechslung mit einer anderen Urlauberin?
Sie schüttelte den Kopf, was die Kopfschmerzen sofort wieder aus ihrem leichten Schlummer weckte. Nein, die Verwechslungstheorie war gestorben. Julie musste sich der Tatsache stellen, dass sie regelrecht »einkassiert« worden war und dazu ausersehen, an den Meistbietenden verkauft zu werden, allerdings erst nach einer »umfassenden Konditionierung«. Julie wusste nicht einmal genau, was dieses Wort bedeutete. Sicherlich nichts Gutes.
»Es wird nicht vielen abgehen«, hatte der Wärter im Untersuchungszimmer gesagt. Es: Damit war sie gemeint, Julie Hurt! Sie war nur noch eine Sache, ein Ding, das jemandem gehörte und mit dem dieser machen konnte, was er wollte. Auch es verkaufen.
Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Diesmal waren es Tränen eines inneren Schmerzes, Tränen der Trauer und der Hoffnungslosigkeit. Nein, es gab wirklich nicht viele Menschen, die sie vermissen würden. Ihre Kollegen im Restaurant würden denken, sie hätte von der Arbeit genug gehabt und »auf dem kurzen Weg gekündigt«, was in dieser Branche nicht selten vorkam. Keiner würde Julies Verschwinden für wichtig genug halten, um es der Polizei zu melden. Und wenn doch, was würden die tun? Was konnten sie tun? Wie sollte man Julie jemals finden?
Dabei hatte doch alles so gut geklungen. »S & M Dreams Inc. macht Ihre geheimsten Träume wahr!«, hatte es im Internet geheißen, jener Zuflucht einsamer Herzen und gequälter Seelen. Stattdessen war sie mitten in einem Albtraum gelandet. Wie hatte sie sich nur blindlings dieser seltsamen Firma anvertrauen können?
Julie war stets ein unruhiges Kind gewesen – zu unruhig nach der Meinung ihrer besorgten Eltern. Abends, wenn sie dachten, ihre Tochter schliefe bereits, stand Julie oft wieder auf, wanderte durch das dunkle Haus, blieb an den Fenstern stehen und starrte in die Nacht. Beobachtete das Spiel der Lichter auf dem fernen Highway oder einfach nur die Bewegung der Blätter in den Bäumen. Einmal kletterte sie vom Fenster des Gästezimmers auf das flache Dach der Garage, wo ihr Vater sie entdeckte, der gerade nach Hause kam.
Ihre Mutter geriet regelrecht in Panik, als sie von Julies »Ausflug« erfuhr, und von der folgenden Nacht an wurde Julie mithilfe eines alten Laufgeschirrs aus einem Kinderwagen, das man ihr über die Pyjamajacke streifte, im Bett »gesichert«. Es bot ihr genug Bewegungsfreiheit, um auf dem Rücken oder der Seite liegen zu können, aber das Bett zu verlassen war unmöglich. Sich von dem Geschirr befreien konnte sie ebenfalls nicht; dies scheiterte an einem Schloss im Rücken, wo die Gurte zusammenliefen. Wenn Julie während der Nacht auf die Toilette musste, was glücklicherweise nicht allzu oft vorkam, rief sie ihre Mutter, damit diese sie vorübergehend befreite.
Sie gewöhnte sich rasch an das Geschirr. Im Laufe der Jahre wurde es einige Male gegen ein größeres ausgetauscht, und irgendwann nahm ihre Mutter es nicht mehr so genau mit dem abendlichen »Anschnallen«. Dennoch streifte Julie es sich stets über und musste mehr als einmal ihrer überraschten Mutter am Morgen erklären, wie sie da hineingekommen war. Dass ihre Tochter in dem Geschirr so etwas wie Geborgenheit empfand – eine Geborgenheit, die Julie in ihrer materiell sorglosen, aber von der zerrütteten Ehe ihrer Eltern geprägten Kindheit schmerzlich vermisste –, auf diesen Gedanken wäre sie niemals gekommen.
Und eines Tages war das Geschirr verschwunden. Auf Julies Frage antwortete ihre Mutter: »Du bist jetzt ein großes Mädchen und brauchst so etwas nicht mehr.«
Damals musste sie etwa zehn Jahre alt gewesen sein.
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