Vor Sonntagfrüh würde er mit niemandem sprechen können und bis dahin auch nichts mehr zu essen bekommen, also hatte er zwei Tafeln Nuss-Schokolade eingesteckt und seinen Walkman, aus dem ihm die Beatles „A Hard Day’s Night“ entgegen schrien.
Kurz hinter der blassbeigen Philharmonie nahm er die breite Schneise der Bellevueallee, deren gute Aussicht auf das Schloss natürlich schon lange verbaut worden war, umrundete die Siegessäule und entschloss sich, nachdem er den Blattgold-Engel in seinen Rücken gebracht hatte, zu einem kleinen Umweg durch die rasend veraltete Moderne des Hansaviertels. Unendlich viel Zeit hatte er noch totzuschlagen. Seine Wochenendfahrt ins neue Leben musste gemächlich weitergehen, ohne jeden Gedanken daran, was vor ihm lag.
Harry Mann strampelte an den roten Backsteinbögen der S-Bahn entlang, über die Spree und am ehemaligen Sudhaus vorbei, das zu einer Art Gewerbehof umfunktioniert worden war. Die langgezogene Steigung dahinter, hinauf zur Putlitzbrücke, brachte ihn ziemlich ins Schwitzen. Er stieg ab und schob das Rad, was ihm mehr als gewünscht Gelegenheit gab, das vertraute und doch sehr befremdliche Architektur-Patchwork aus stucklosen Altbauten und schmucklosen, früh verfallenden Neubauten zu bewundern.
Hier, am Rande der City, fügten sich die letzten Reste der Prolo-Schultheiß-Eck-Kultur zu einer unheiligen Allianz von „Glühwürmchen 1“ und „Selevacik-Grill“, freudlos, grau und schmuddelig wie alles in Berlin; zu einem leicht slumartigen Wie-soll-man-leben-Vakuum, in das bald holzgetäfelte Bistros und hell gestylte Cafés stoßen würden. Tempel des Schneller Wohnen, Schneller Leben. Ambiente statt Milieu, begeistert begrüßt vom aufstrebenden Publikum. Zum Teufel mit den real existierenden Versatzstücken der stillstehenden Immer-noch-Nachkriegs-Zeit! Und her mit der Fernsehweh-Gegenwart, in der endlich kein Spiel nicht mehr ging!
„Mann“, dachte Mann und schüttelte sich, „du denkst dir einen Scheiß zusammen.“
Genaugenommen war es Peters Scheiß.
„Was wir erleben, ist die Abschaffung des Erlebens“, pflegte der immer zu klagen, damals, als sie alle noch zusammenwohnten und dagegen ankämpften, so zu werden, wie sie nun mal sollten.
„Gestern war’s noch schlimm“, hatte Anne eines Abends auf das Verlustgerede geantwortet, mit einem lauten Lachen, im „Slumberland“, kurz bevor sie plötzlich verschwunden war, „aber heute lacht man schon drüber.“
Harry Mann war oben auf der Brücke angekommen. In ihrer Mitte, dort, wo vor einem halben Jahrhundert eine längst abgerissene Treppe hinabführte auf die viel spurigen Gleisanlagen, hinab in die Waggons, in die Lager, in die Öfen, in der prallen Sonne, an Tagen wie diesem, lagen unter dem Denkmal mit dem Davidstern, von keiner Träne genässt, ein paar blasse Kränze und verdorrten.
Die Vergangenheit ..., dachte er, und wusste nicht, was er denken sollte. „Meine eigene jedenfalls“, sagte er dann leise und fast fröhlich vor sich hin, „die schaff’ ich heute ab. Futsch, verloren, dahin.“
Futsch wie der alte Pelikan, den Peter ihm vor einem Jahr zum siebenunddreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, mit einer echten Goldfeder und „Harry Mann“ in Sütterlin eingraviert. Aber ihn immerhin würde er wiederfinden. Am Abend bei Kellings hatte er den Füller noch benutzt, und wie. Also lag er wahrscheinlich in Gals Gästezimmer, und wenn nicht, dann musste Mann ihn bei der Heimfahrt heute morgen in Peters Cabrio verloren haben, als er das Jackett, statt es aufzuhängen, wie üblich einfach auf den Rücksitz geschmissen hatte.
Er stieg wieder aufs Rad. Die harmlosen hohen Schornsteine am Hohenzollernkanal vor Augen, fünf dicke und zwei dünne, ließ er sich anstrengungslos hinunterrollen, zu auf das schöne neue grüne Schild mit gelbem Rand, auf dem „Wedding“ stand.
Erst nach einem Vierteljahr hatte Anne ihm damals eine Karte geschickt, aus Kreta. Heute wohnte sie, von Kopf bis Fuß Professorin auf Lebenszeit, im schnuckeligsten Zehlendorf, wo man, was die Verniedlichung des Berliner Miefs betraf, schon wesentlich weiter war als hier oben im schäbigen Norden.
Eine Viertelstunde später etwa, er war gerade vorbei am Volkspark Rehberge, wo das grüne Container-Klo zum Leidwesen seiner Blase ebenso besetzt gewesen war wie der Parkplatz, am Ende der Afrikanischen Straße also, senkte sich dann ein brüllender bauchiger Vogel über die farblosen Baukastenwürfel der Friedrich-Ebert-Siedlung, so tief, dass Harry Mann für einen sehr langen, sehr unangenehmen Augenblick in seine Schattenflügel eintauchte.
Voll unliebsamer, schlechter Erinnerungen, voller Lebensreste, von denen sie wenig wussten, steckte der Alltag, und so wollte keiner in diesem Land sich gerne erinnern. Ungewusst war die eigene Zeit und doch so wenig vergessen, wie er Kelling vergessen konnte, der morgen bereits ein weiteres Stück toter Vergangenheit sein würde.
Die Musik in Harry Manns Kopf stoppte. Er behielt die Hände am Lenker, lauschte dem Rauschen und wartete auf das Surren des Autoreverse. Er hatte diese Kassette schon Hunderte von Malen gespielt. Er wusste, womit die Rückseite begann.
„Yesterday ...“, säuselte es aus dem Walkman. Und mit der weichen Melodie kamen andere Erinnerungen, an andere, spätere Tage, die er hier verbracht hatte, fleischrote, feuchte Erinnerungen an die wenigen heißen Teenage-Sommer vor einem Vierteljahrhundert, als er vierzehn, fünfzehn war, an tonnenschwere Kofferradios mit piepsigen Lautsprechern und Mopeds, die glatt fünfundsechzig brachten, an Kühltaschen voll lauem Bier und an volumige Bikinis, in die man nachts auf irgendeiner einsamen Wiese ganz kurz die Finger rutschen lassen konnte.
Ohne Nachzudenken drehte er lauter. Das Lied hatte ihn mal zu Tränen gerührt, in jener vergangenen Zeit, als er noch an seine Zukunft glaubte. Jetzt fand er es lächerlich. So lächerlich wie dieses verfluchte Dorf vor Berlin! Ausgerechnet hier ging er jetzt hin und erledigte den Rest, seinen Teil, nur für sich selbst und diesmal endgültig.
Er trat schneller in die Pedale. Eine Ewigkeit war es her, dass er Fahrrad gefahren war, und er hatte das unangenehme Gefühl, Schwielen am Hintern zu bekommen. Alt und albern und am Anfang eines neuen Lebens fühlte er sich. Vor allem alt.
Aber alles schien ihm gut so, wie es war.
Die Straße vor Kellings Bungalow lag samstagnachmittäglich und menschenleer in der Sonne wie all die anderen kleinen Straßen auch. Mann fuhr direkt die Auffahrt hoch und auf dem schmalen Plattenweg um das Haus herum. Das Loch hatte er schon am Morgen in die Scheibe der Terrassentür geschlagen. Er drehte den Schlüssel, der von innen im Schloss steckte, und öffnete die Tür. Dann trug er das Fahrrad die Stufen hinauf, schob es durch den Wintergarten ins Esszimmer und lehnte es an die Wand bei der Vase mit dem Schachbrettmuster.
Die Luft in dem Raum, im ganzen Haus war stickig. Es roch nach Langeweile, nach tiefem Missmut, nach so vielen vergeblichen Versuchen, das gute Leben zu leben.
Kalter Schweiß lief Harry Mann plötzlich die Schläfen hinunter. Er lehnte sich gegen die Glaswand des Wintergartens, erschöpft und betäubt.
Erst als er an Gal und Kelling dachte, kam die Wut zurück, die er brauchte. Er stellte sich vor, wie die beiden hier gesoffen und gestritten hatten und sich nach Strich und Faden betrogen. Wie sie sich verbiesterten und gierig vergeudeten. Er hasste den Mann, und er liebte seine Frau. Gallathea. Eingefangen von ein bisschen Luxus. Wieder und wieder beschlafen von diesem einfallslosen Pflichtapostel, einem dieser Hauruck-Typen, dieser tumben Kriegs-Schufte und Nachkriegs-Schufter, die der allgemeine Personalmangel damals nach oben gespült hatte; ein körperliches und intellektuelles Leichtgewicht, dem es gelungen war, sich erfolgreich bis zur Pensionsgrenze durchzumogeln.
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