Harry Mann lief der Sabber über die Lippen. Angeekelt wischte er ihn beiseite, riss Kelling herum und gab ihm mit der feuchten Hand eine Ohrfeige.
Kelling bekam einen Wutanfall. Er trat nach seinem Gegner, und er traf ihn, bis der zurückschlug, irgendwo in die Mitte des schwächeren Angreifers.
Und plötzlich, als hätte etwas in ihm ein Leben lang auf diesen Ausbruch gewartet, rammte Harry Mann wieder und wieder seine Faust in den alten Mann, er traf seine Nase, bis sie blutete, hakte nach den weit aufgerissenen Augen, und weil Kelling die Arme vor sein Gesicht legte und sich krümmte, um seinen Unterleib zu schützen, prügelte er auf die Ohren und seinen Hinterkopf. Nach langen Sekunden versuchte Kelling noch einmal, sich zu verteidigen. Da nahm Mann ihn beim Kragen und hämmerte seinen Kopf gegen die Wand, bis der weiße Putz einen Haufen rote Flecken zeigte.
Erst als er seine schmerzenden Arme spürte, ließ Harry Mann sein Opfer los, und der Alte rutschte bewusstlos die Wand hinunter gen Boden.
Gal hockte nackt auf der zweituntersten Treppenstufe und schaute zu ihnen herüber. Ihre Brüste lagen schwer, die kräftigen Spitzen erigiert, auf ihren gekreuzten Armen. Ihr Blick war nachdenklich und zugleich fasziniert.
„Komm!“ sagte sie und deutete auf den freien Platz neben sich.
Mann hob sein Jackett auf, das er irgendwann hatte fallen lassen, und hängte es ihr um die Schultern. Sie zog die Beine an und legte die Arme darum, so dass allein ihre schmalen weißen Waden frei blieben.
Er setzte sich neben sie, eine Treppenstufe höher, und fuhr ihr über die nasse Stirn. Dann ließ er seine rechte Hand den Hals hinunter zu ihren Brüsten gleiten. Gal rückte näher und rieb sich langsam an ihm, bis sie die richtige Position gefunden hatte; ihren Kopf an seiner dritten Rippe.
So saßen sie und sahen auf Kellings leblosen Körper herab, bis Gal zu sprechen anfing.
6
Sie bat ihn nicht, sie machte ihm keinen Vorschlag, und sie sagte nicht, was wäre wenn. Sie erzählte, wie man von einem alten, vertrauten Tagtraum erzählt, in den man sich an den einsamsten Stunden des Tages flüchtet, und ihre Lippen bewegten sich dabei so weich und absichtslos, wie es nur die Lippen von Wo-nach-auch-immer-Süchtigen zustandebringen.
„Wenn Kelling aus seiner Ohnmacht erwachen wird“, begann sie mit gleichgültiger Stimme, als sei von einem flüchtigen Bekannten die Rede, „wird er eine Weile brauchen, um zu erkennen, wo er ist. Ganz allmählich erst wird sich alles zusammenfügen: Er liegt auf hartem Boden. Kacheln. Er ist an Händen und Füßen gefesselt und mit einer Serviette geknebelt. Der Raum ist winzig, fensterlos, dunkel. Keine Ahnung, wie spät es ist. Die Konturen von Regalen, Flaschen, Dosen zeichnen sich ab. Man hat ihn in die Abstellkammer hinter der Küche gebracht. Sein Gesicht ist eine offene Wunde. Vorsichtig versucht er, sich zu bewegen. Vergeblich. So liegt er da und schwelgt in Rachephantasien.“
Gal sah Harry Mann an, aber ihr Blick ging durch ihn hindurch. Als sie weiter sprach, lächelte sie:
„Kelling wird sich alles sehr genau überlegen: Wie er sich scheiden lassen wird, ohne dass er seiner Frau, dieser verbrecherischen Hure, einen Pfennig zahlen muss; wie er dafür sorgen wird, dass Mann, dieser Versager, auf den er seine Hoffnungen gesetzt hatte, in der gesamten Exportbranche nie wieder eine Anstellung finden wird; wie ... Doch je detaillierter er seine Pläne schmiedet, desto deutlicher wird er die Gefahr ahnen. Weder Mann noch seine Frau sind so dumm, dieses Risiko einzugehen. Schließlich weiß Kelling, dass er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr lange zu leben hat. Er kann plötzlich den Tod so deutlich riechen wie den scharfen, klinischen Geruch, den das halbe Dutzend Plastikflaschen mit Haushaltsreinigern verströmt. Er wird versuchen sich abzulenken: Mann ist ein Idiot, mit seiner Hilfe hätte der Junge ein Vermögen machen können. Gut, minus dreißig Prozent für Kelling, der damit seine alten Tage finanziert hätte, aber immer noch ein Vermögen für diese verkrachte Existenz, diesen Verlierer namens Mann. Und was tut er stattdessen? Geht dieser Schlampe auf den Leim. Oder auf den Schleim.“
Gals Gesicht war jetzt ausdruckslos. Nicht sie sprach. Gespenstisch klang ihre Stimme nach Kellings Kasinoton.
„Löcher!“ sagte sie verächtlich. „Nur aus Löchern besteht sie, heiß und hohl. Keine Ahnung, warum sie das tut, nach all den Jahren. Aber sie und ihr Ficker werden nicht davonkommen damit. So kurz vor dem Ziel, mit dem Haus fast bezahlt, die Pensionierung zum Greifen nahe, die Abmachung zwischen Hexter und Mann so gut wie perfekt ... Allmählich, erst ganz allmählich werden Kellings Gedanken versiegen. Zu seinem Tod fällt ihm wenig ein. Eigentlich nur, dass die Außenwände des Bungalows kaum dreißig Zentimeter messen, was er immer viel zu dünn fand, und dass hinter diesen dreißig Zentimetern die Welt ein stinknormales Wochenende verlebt, während er, der große Rudolf Kelling, sterben muss.“
„Nein“, sagte Mann, „ich bin nicht verrückt, niemals!“
Nicht Gals weiße Brüste und nicht ihre festen Schenkel und erst recht nicht seine Liebe, von der er noch kaum etwas wusste, konnten ihn überreden. Auch seine Angst vor Kellings Rache hielt sich in Grenzen. Im Zweifel würde seine Aussage gegen die Anschuldigungen eines betrogenen Ehemannes stehen. Nicht einmal für eine lausige Kündigung reichte das.
Außerdem hatte er schon einiges mitbekommen, was die Beteiligten nicht allzu gerne einem Arbeitsrichter erklären würden: Kellings ungewöhnlicher Wohlstand hatte mit Irene Hexter zu tun. Worum es auch immer ging, es war illegal. Daher das eigentümliche Interesse seines Chefs an ihm. Gerade sein zweifelhaftes Arbeits-Vorleben und sein augenfälliger Mangel an Eifer hatten ihm erst den Job und, weil auf seine Unzufriedenheit Verlass schien, dann Hexters Antrag eingetragen. Wenn er auch noch nichts richtig begriff, die Schlacht war zu gewinnen.
„Verrückt ist anders ...“, sagte Gal in seine Gedanken hinein. Ihre Stimme hatte immer noch keinen Ausdruck. Sie leierte die Worte weiter wie die einer fremden, unverständlichen Sprache: „Verrückt wäre es, die Gelegenheit vorbeigehen zu lassen.“
„Was ist das überhaupt für eine Abmachung zwischen Kelling und Hexter?“ fragte er.
Zu seiner Überraschung antwortete sie ihm, ohne zu zögern: „Du übernimmst in anderthalb Jahren seinen Job für zwei Drittel seines Anteils, er bekommt, gewissermaßen als Patent- und Vermittlungsgebühr, weiter das restliche Drittel.“
„Drei Drittel von was? Für was?“
„Keine Ahnung. Er“ – sie zuckte mit dem Kopf in die Richtung der Wand, vor der Kelling lag – „macht es, solange wir uns kennen. Kapital-Reimport nennt er es. Über’n Osten eben.“
„Wessen Geld?“
„Soll ich sein Nachfolger werden oder du?“ Allmählich kam sie in die Wirklichkeit ihrer Großschnauze zurück. „Ich habe ihn nie gefragt, wozu auch? Ich hätte es eh nicht verstanden.“
„Wie viel bekommt er dafür?“
„Zuletzt zehn pro Monat. Das war doppelt soviel wie ihm die Steuer von seinem Gehalt ließ.“ Sie lachte kurz, als erinnere sie sich an die Witze einer fernen Vergangenheit. „,Brutto gleich netto‘, sagte er immer.“
„Er lebt noch ...“, sagte Mann.
„Nicht mehr lange!“ sagte sie.
7
Am Nachmittag fuhr Harry Mann wieder raus nach Konradshöhe, diesmal mit seinem verrosteten Fahrrad, das er aus der hintersten Ecke des Kellers hervorgezerrt hatte. Der Tag war so heiß geworden, wie der Morgen versprochen hatte; ein Spätsommer wider die deutsche Natur. Die Geschäfte waren schon eine Weile geschlossen, und der Ausflugsverkehr verstopfte die Straßen. In Richtung Tiergarten mussten selbst die Radfahrer in Pulks fahren und hatten Mühe, einander zu überholen.
Читать дальше