Da gehörte er hin.
Nach Hause. Er, der letzte Mohikaner, einziger Überlebender jener legendären Drei-Männer-zwei-Frauen-Wohngemeinschaft. Nach Hause, durch das Vorderhaus, vier muffige Treppen, „Morj’n“ ohne Antwort zu einem der zahllosen Türken, die einem immer entgegenkamen auf ihrem Weg zur Fabrikarbeit; das Gefummel mit dem Schrottschloss, dann der Tritt gegen die verzogene Tür, drinnen. Erst mal pissen ...
Neben ihm bewegte sich Gal im Schlaf. Pissen wär’ jetzt auch nicht schlecht.
Der Fall ins Bett. Zu Hause sein. Am frühen Nachmittag dann das verkaterte Erwachen, ein weiterer Tag verschlafen, zum Bäcker. Die Sesamschrippen sind aus, längst; die sinnlose Frage nach den Croissants kann er sich ersparen. Zurück, am Briefkasten vorbei. Bunte Reklame, triste Auszüge vom leeren Postscheckkonto, mal eine Postkarte aus Kreta oder aus der Toscana, immer wieder weiter, und dann plötzlich: Bäng!
Er schreckte aus seinem Halbschlaf. Kelling lärmte demonstrativ im Erdgeschoß.
Der große Bäng, das war Kellings Brief gewesen, die Antwort auf Manns Bewerbungsschreiben, das erste und einzige, das er losgeschickt hatte, lieblos und ohne Hoffnung und eigentlich nur, um sich Peters Lamento über seine Lebensuntüchtigkeit nicht länger anhören zu müssen. Und dann eben: Bäng, die Einladung zum Vorstellungsgespräch, gezeichnet Rudolf Kelling, darüber der edle Briefkopf: „Schlosser, Rulow & Co.“.
Die Treppen war er hoch gestürmt, Peter angerufen. Der hatte ihn gleich – „Vorschuss auf’n Erfolg, bald kannste selbst bezahlen!“ – zum Frühstück in die „Paris Bar“ eingeladen: „Nimm dir ‘n Taxi, aber lass dir ‘ne Quittung geben.“
Den halben Sieg hatte Peter schon als ganzen und den ganzen Sieg als persönlichen Triumph genommen. Sein Sieg. Zum zweiten Mal hatte er Harry Mann bekehrt. Erst Rote Garde, nun Karriere. Kader bleibt Kader, auch wenn er inzwischen eine gut gehende Kneipe besaß und einen schwarzen 500er Mercedes fuhr.
Immerhin, es war eine Chance. Vielleicht wirklich die letzte.
Und hätte er weniger Mut besessen, seiner Gier auf Gal zu folgen, wäre er noch feiger gewesen, als er es ohnehin schon war, so hätte wohl sein Leben endlich werden können, was es sollte: todsicher inklusive Kündigungsschutz und sterbenslangweilig. Ohne jede Aussicht auf Veränderung, wenn man einmal von der Möglichkeit einer Frührente absah.
Aber er: Rumsbums. Daneben. Vorbei. Tilt.
Jetzt lag er möglichst bewegungslos neben der schönsten Frau, mit der er je geschlafen hatte, und fühlte sich mies. So mies, wie schon die ganze Nacht.
Er starrte zum Fenster hinaus in den taghellen Morgenhimmel. Nach einer Ewigkeit war es sechs Uhr. Der SFB sendete Nachrichten. Im Gegensatz zu seinem Leben hatte sich seit gestern Abend in den Meldungen wenig geändert. Viel Lärm um ein paar lausige Millionen für ein paar graue Bonner Herren. Er hatte keine Ahnung, worum es dabei ging. Und er kannte niemanden, der sich auf dieses Tohuwabohu einen Reim machen konnte. Genaugenommen kannte er auch keinen, der sich dafür interessierte. Außer ihm selbst und Peter, wenn sie beide besoffen waren.
„Der niedersächsische Innenminister Paul Wineck bestritt vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss, im fraglichen Zeitraum über die im Bundesanzeiger ausgewiesenen Beträge hinaus irgendwelche persönlichen oder zweckgebundenen Zuwendungen erhalten zu haben“, leierte der Nachrichtensprecher. „Wineck betonte auf Nachfrage, dies gelte auch für die Block-Vermögensverwaltung und insbesondere hinsichtlich des ,Verein zur Förderung grenzüberschreitenden Denkens‘, von dessen Existenz er offiziell erst vor wenigen Wochen erfahren habe.“
„Wer soll’n sowat fastehn“, murmelte Mann unwillkürlich in dem falschen Berliner Tonfall, der Peter zur zweiten Sprache geworden war. Szene-Slang, der mit echtem Berlinern soviel zu tun hatte wie falscher Hase mit einem Löffeltier.
Neben ihm rekelte sich Gal im Schlaf, und er, weil er nichts weniger wünschte, als dass sie jetzt aufwachte, lag da wie ein Toter, bis sie wieder gleichmäßig atmete.
5
Eine Ewigkeit später zog er Gals Hand vorsichtig von seinen Schenkeln, stand auf und kleidete sich langsam an. Es war noch keine sieben Uhr, aber draußen schien bereits die Sonne, und man spürte die Hitze, die bald aus dem wolkenlosen Himmel hervorbrechen würde wie ein Haufen feindlicher Jäger.
Er schlüpfte gerade in seinen zweiten Schuh, als sich Gal wieder herumwälzte, nach ihm tastete und die Augen aufschlug. Sie schaute ihm eine Weile schweigend zu, dann sagte sie ohne jede Betonung:
„Geh nicht! Er wird mich schlagen.“
Mann gab ihr keine Antwort. An diesem Morgen war nicht die Zeit für Liebeserklärungen. Er und Gal Kelling, das schien einfach nur falsch und unpassend. Der Billig-Freier und die Luxus-Nutte.
Mit übertriebener Langsamkeit band er seinen Schlips, hob das blaue Jackett mit den dicken Goldknöpfen vom Boden auf und öffnete die Tür.
Von der Halle unten blickte Kelling zu ihm herauf. Der alte Verlierer tat ihm leid, aber entschieden mehr Mitleid empfand er mit sich selbst.
„Ich hoffe, es hat Spaß gemacht?“ lamentierte Kelling mit einer Stimme, die zwischen Betrunkenheit und Kater, zwischen Geilheit und Eifersucht schwankte.
Der übliche Hang zu Vulgarität und Selbsterniedrigung, dachte Mann und spürte, wie seine guten Vorsätze zum Teufel gingen. Er hasste solche Situationen. Sie erinnerten ihn an seine Kindheit. Und er hasste seine Kindheit.
„Na, wie ist meine Alte?“ hakte Kelling nach. „Zufrieden?“
Mann gab sich einen Ruck und ging die Treppe hinunter. Die afrikanischen Kultgegenstände hatten die Nacht gut überstanden, besser als Kelling und er.
„Gerade noch jung genug“, sagte er, als er neben dem Alten war.
Er wollte raus, nichts als raus aus der Ehehölle namens Kelling. Wahrscheinlich wäre ihm der Abgang mit begrenztem Schaden geglückt, wenn in diesem Augenblick nicht oben auf dem Treppenabsatz Gal erschienen wäre.
Weiß und nackt und weich, wie ihre vier Jahrzehnte sie geschaffen hatten, sah die schöne Gallathea an diesem dunstigen Samstagmorgen aus wie ein verblichener Jugendstilakt, leicht unscharf und ziemlich blass.
Auf ihren Ehemann wirkte sie wie ein rotes Tuch.
„Verpiss dich, du miese Schlampe“, schrie er, grobe Stilrichtung sozialer Wohnungsbau.
Mann hatte die Haustür erreicht, als scharf neben seinem Kopf etwas gegen die Wand schlug und der Putz ihm in die Augen spritzte. Sekunden später gab es, ohne dass er die Reihenfolge zu sagen gewusst hätte, einen Schrei und ein dumpfes Geräusch. Aus unerfindlichen Gründen meinte er, dass ihn das etwas anginge.
Er wirbelte herum und sah, wie in Trance, alles ganz langsam: das massige, breitlippige, teakschwarze Negergesicht auf dem Boden unter ihm, Gal auf dem grünen Velours vor der Treppe, Kelling über ihr: eine Szene aus einem dieser Tagesschau-Videos, in denen behelmte Außerirdische vor Bauzäunen aus Nato-Draht sommerlich gekleidete Demonstrantinnen attackieren. Er lief dazu, seine Schritte alptraumschwer, und veränderte damit sein Leben ebenso nachhaltig, wie es seine Geburt getan hatte.
Der alte Mann trat noch immer auf den weißen Körper ein. Harry Mann riss ihn von hinten an den Schultern zurück. Kelling war mindestens zwei Kopf größer als er, aber es war schon eine Ewigkeit her, dass die Autorität seiner Stimme einmal nicht ausreichte und er sich wehren musste. Er war zu schwach und zu zögerlich geworden.
„Drecksau, geiles Schwein“, schrie er.
Der soignierte Handelsmann war nicht wiederzuerkennen. Er atmete schwer, den Atem voller Cognac, und holte noch tiefer Luft. Endgültig gewann bei Kelling nun der Feldwebel die Oberhand über den Stabsoffizier. Er drehte sich unter Manns Griff und spuckte ihm ins Gesicht.
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