„Soll ich dich so nennen: ,Aha‘?“ fragte Gal, dezent wie ihr Lippenstift.
„Wenn’s dir gefällt.“ Er konnte es nicht ändern, dass er so blöd daherredete. Er musste sie zurückstoßen oder er musste sie an sich reißen.
Gal sagte: „Dann bin ich ,Oho‘!“ und lächelte nachsichtig, als handele es sich bei ihm um ein trotziges Kind in den besten Flegeljahren.
Sie hob ihr Glas und stieß es über den Tisch. Beim obligatorischen Kuss tauchte ihr Mund an der dargebotenen Wange vorbei. Ihre Zunge glitt über seine verschlossenen Lippen, zweimal, dreimal, dann stieß sie durch und drückte auf seine Schneidezähne. Er spielte toter Mann und bewegte sich nicht.
Sie wich ein wenig zurück und sagte „Mannomann“, wie bei einem Streit im Sandkasten.
Genau da wohl ahnte er es zum ersten Mal. Er starrte zurück, schwieg und überlegte angestrengt, was ihm mehr einbringen würde: Kellings Sympathie oder diese Nacht mit seiner Frau?
Aber irgendwo in seinem Hinterkopf spürte er schon, dass er sie lieben würde, so sehr, wie niemanden zuvor. So sehr fast, wie sich selbst.
Für diesen Augenblick nahm Gal ihm die Entscheidung ab. Sie stand auf und kam um den Tisch herum. Bevor er sich rühren konnte, schnappte sie sich seine Hände und legte sie auf die Brüste, die er so lange angestarrt hatte. Die Fetzen Musselin schwebten beiseite. Sie beugte sich zu ihm herunter und sagte leise:
„Küss mich.“
Er schob seine Zunge zwischen ihre karmesinroten Lippen und vergaß zu denken.
Nach einer zeitlosen Zeit hörten sie, wie der Jaguar in der Auffahrt wendete und davonfuhr. Gal löste sich von ihm.
„Später“, sagte sie nur, stieg aus ihrem schwarzen Schlüpfer, der in Wadenhöhe hing, warf ihn in die klobige Bodenvase mit dem Schachbrettmuster, die neben dem Esstisch stand, und zerrte ihren engen roten Rock mit weiten Hüftbewegungen wieder über die Schenkel. „Gib mir deine Telefonnummer, ja?“
Mann nickte, griff in die Innentasche seines Jacketts, zog seinen antiken Pelikan-Füller heraus und schaute sich suchend um. „Ich hab’ kein Papier ...“
„Ich auch nicht.“ Gal verzog die Mundwinkel. „Für so was gibt’s Visitenkarten ...“
Draußen im Flur ließ Kelling die Haustür ins Schloß fallen.
„Scheiße!“ Gal zog ihren Rock wieder drei Handbreit hoch. „Schreib’s mir hier auf’s Bein!“
Sie stellte ihren linken Fuß auf seine Stuhlkante, und er malte die sieben Zahlen knapp über dem Knie auf ihre Schenkel.
„Sie sollten“, sagte Gal dabei laut, „Frau Hexters Vorschlag noch einmal überdenken ...“
Als sie sich wieder ihm gegenüber gesetzt hatte, musste sie plötzlich lachen. Sie hielt die Hand vor den Mund und zischte: „Mein Gott, du bist total verschmiert. Wisch dich ab! Deine Lippen, die Backe, rundrum!“
Er tat es, und sein Handrücken war rot von ihrem Lippenstift. Während Kelling eine weitere Flasche seiner klebrigen Spätlese öffnete, schmierte Mann die Farbe von den Händen an die Unterseite der Bauhaus-Stühle.
Die Kellings und ihr Gast soffen und quasselten weiter, als wären sie alte Freunde. In regelmäßigen Abständen gähnte Gal und schaute auf die Uhr. Ihr Ehemann ließ sich nicht beirren und goss unerbittlich nach.
Lange nach zwei Uhr hatte der Alte endlich genug geredet und genug in sich hineingeschüttet. Er wankte zur Toilette. Sie hörten ihn kotzen. Dann wurde es still.
Als er sich nicht wieder blicken ließ, zog Gal den müden Harry Mannomann aus dem Stuhl.
„Komm!“ sagte sie.
„Was ist mit deinem Mann?“ fragte er und blieb unschlüssig stehen.
„Der? Pahh.“ Sie machte eine kurze, verächtliche Kopfbewegung in Richtung Bad. „Das kenne ich schon. Suffkopp wacht erst morgen Mittag wieder auf ...“
Sie streckte sich hoch und küsste und biss sanft in Manns stopplige Haut an Kinn und Hals.
Dann polterten sie nach oben, Gal voraus, er hinterher, auf Stufen, die sich drehten und wendeten, sobald seine Füße sie berührten. Mit beiden Händen tätschelte er den Hintern vor seinen Augen und fühlte sich dabei wie in seinen schmutzigsten Phantasien.
4
Sein müder Körper hatte schon bessere Nächte erlebt. Er war zu unsicher, zu wütend, und er war zu betrunken. Erst allmählich, als alles vorbei war, wurde sein Kopf nüchterner, und durch seinen Halbschlaf hallten die Schritte im Parterre des Bungalows.
Er lag im Gästezimmer unter dem Dach auf einem flauschigen Kaufhausfell. Gal schlief neben ihm. Sie hatte sich halb zur Seite gerollt und atmete flach. Ihr rechter Arm lastete schwer auf seinen Schenkeln. Langsam drehte er sich beiseite, und Gals Hand rutschte zwischen seine Beine. Es erregte ihn. Unablässig schlurfte der Mann im Parterre hin und her.
Gals weicher nackter Körper war weiß, als hätten die Jahre alle Farbe aus ihr gesaugt.
Er konnte nicht schlafen; nicht solange ihre Hand lag, wo sie lag, und nicht solange der Alte dort unten auf und ab rumorte. Gal zuckte leicht im Schlaf wie ein Hund, der von der Jagd träumt. Die schöne Gallathea hatte bekommen, was sie wollte. Sie waren in ihre Falle gegangen, Kelling und er und vielleicht auch sie selbst.
Mit ziemlicher Sicherheit markierte diese missglückte Liebesnacht das Ende seiner kurzen Karriere. Von Anfang an war alles verquer gewesen, schon vor Wochen, als Kelling nach dem zweiten Gespräch, bei dem sie sich auf die Modalitäten des Vertrages geeinigt hatten, Harry Mann und seine Frau zum Essen einladen wollte.
„Ich habe keine Frau“, hatte er misstrauisch geantwortet.
Sein Lebenswandel entsprach kaum den Ansprüchen, die Chefs an zuverlässige Mitarbeiter stellen. Das begann schon bei der scheinheiligen Frage nach seiner Frau. „Ledig“ stand in seiner Bewerbung. Für Häuslichkeit brachte er, seit Anne ihn verlassen hatte, kein Interesse auf, und von Mädchen, die wie er Sex für eine Nacht wollten, waren die Kneipen voll. Alle Welt fürchtete sich zwar vor Aids, aber praktische Konsequenzen hatte das sowieso nur für die Redakteure, die darüber ihre Horrorstories schrieben, und für ein paar unheilbare Hypochonder, die jede Krankheit begrüßten wie der König von Theben seinen Sohn. Und lief einmal wirklich nichts, so bezahlte Mann halt. Das kam immer noch bei weitem billiger als Frau oder Freundin.
„Nichts Festes?“ hatte Kelling weitergebohrt. Und auf sein Kopfschütteln: „Dann essen Sie eben solo, meine Frau nervt allemal für zwei.“
Zu der Verabredung in einem dieser rustikalen Steakhäuser war Kelling aber ebenfalls allein erschienen. Der Abend verlief halbwegs erträglich. Die beiden kippten hemmungslos Bier und Korn, und Kelling, der kurz vor der Pensionierung stand, merkte nicht die Spur, wie gleichgültig Harry Mann seine vielversprechenden Andeutungen ließen. Ein süßes Lebenslänglich von neun bis fünf, abgesessen für Leute, die sich mit seiner Arbeit eine goldene Nase verdienten, reizte ihn nicht sonderlich. Natürlich endete der Abend auf Spesen in einem Grunewalder Nobelpuff, und natürlich gab Kelling viel Geld aus, ohne dass einer von ihnen mit einem der Mädchen was gemacht hätte.
Und jetzt lag er neben Kellings Frau im Bett, und statt seinen Rausch auszuschlafen, schlurfte der Alte im Parterre unaufhörlich auf und ab. Das Radio, das sie hatten laufen lassen, spielte dazu die Tanzmusik.
Mann kam sich in seiner eigenen Haut wie ein Fremder vor.
Er gehörte nicht hierher. Es war das Morgengrauen, die Zeit, zu der er sonst aus dem „Slumberland“ wankte, in die halbe Sonne blinzelte und mit dem guten Gefühl, ein hoffnungsloser Fall zu sein, nach Hause taperte, über den leeren Winterfeldplatz in die vage Richtung seiner dunklen Vier-Zimmer-Bad-Klo-Hinterhof-Höhle, die er teilte mit Kistenmöbeln und Ikea-Regalen und mit all dem Oma-Plüsch-Sperrmüll, den er so sehr hasste.
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