„Wer dafür zu alt ist, sollte eben zu Hause bleiben. Oder seinen Mund halten.“
„Harry, ich dulde nicht ...“, setzte Kelling in seinem Büroton an.
„Ich bitte dich, hör mit dem Unsinn auf!“ sagte Irene Hexter. Es klang nicht wie eine Bitte. Sie erteilte Kelling einen Befehl. Die schöne Gallathea legte ihre Hand auf den Arm ihres Angetrauten.
„Es tut mir leid, dass ich Ihnen den Abend ...“, sagte Harry Mann steif und hatte plötzlich das frohe Gefühl, dass gleich alles überstanden sein würde. „Vielleicht ist es besser, wenn ich jetzt gehe.“
„Sie gefallen mir, junger Mann.“
Irene Hexter strahlte ihn unvermittelt an.
Ihre Freundlichkeit machte all seine Hoffnungen auf ein schnelles Entkommen zunichte. War die Alte auf Koks? Abrupte Stimmungsumschwünge wie diesen kannte er nur aus der Zeit, als sein bester Freund Peter sich mit allem vollpumpte, was gerade greifbar war. Er wünschte einmal mehr, er wäre gar nicht erst gekommen.
Die anderen taten, als sei nichts passiert. Sie schienen sich dabei nicht einmal sonderlich verstellen zu müssen. Als sie ihren Cocktail vernichtet hatte, stöckelte Kellings Frau zu dem vorbereiteten Tisch in der laubenartigen Sitzecke, zerrte die Plastikfolien und Handtücher von den Platten und Schüsseln und brachte zum Vorschein, was ein Partyservice dort aufgebaut hatte. Schließlich klatschte sie in die Hände und rief mit falscher Fröhlichkeit: „Auf zur Schlacht am kalten Buffet.“
Mann fiel dazu das passende Lied ein, derselbe Klampfensong, an den die Gastgeberin wahrscheinlich auch gedacht hatte, und es schüttelte ihn doppelt. Der Rest des Abends versprach so öde zu werden, wie man es von einem Stehempfang für vier Personen erwarten durfte.
Sie aßen eine Weile im Garten. Anschließend setzten sie sich auf die Terrasse vor dem Wintergarten, und während in den hohen Büschen, die das Grundstück vor den Blicken der Nachbarn schützten, die Grillen zirpten, schwadronierte Kelling über seine Zukunft als Pensionär, über lukrative Gelegenheits-Geschäfte und große Urlaubsreisen, die er nie machen würde. Seine Frau schaute gelangweilt, und Irene Hexter trank auf Teufel komm raus ihr dubioses Gemisch aus Cognac und Champagner.
Mann schien es, als könnten sie in seiner Gegenwart über nichts reden, was ihnen wichtig war, und doch wollten sie ihn nicht gehen lassen. Seine Versuche, Geistreiches zum Gespräch beizusteuern, beschränkten sich weitgehend auf gelegentliches Kopfnicken. Wann immer er aber mehr als zwei Silben äußerte, widmeten die drei anderen ihm sofort ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, und er wurde den Verdacht nicht los, gerade einen eigentümlichen Eignungstest zu absolvieren.
„Verdienen Sie genug, mein Lieber?“ unterbrach Irene Hexter schließlich das dahinplätschernde Gespräch.
Wollte sie ihm schon vor seinem ersten Arbeitstag einen anderen, besseren Job anbieten? Er schaute ihr in die Augen, weiche, tiefbraune Hundeaugen, die so gar nicht zu ihrem zerknitterten Gesicht passten. Sie imponierte ihm. Sie trank mehr als die anderen und verlor doch keinen Augenblick die Kontrolle.
„Ich meine“, setzte sie nach, „reicht Ihnen das Gehalt, das Sie bei ,Schlosser‘ bekommen werden?“
Ihr Ton war jetzt wieder so gönnerhaft und herablassend wie zu Beginn des Abends. Mann fiel keine Antwort ein, die zugleich intelligent und unverschämt war.
Natürlich war es lausig, was „Schlosser, Rulow & Co.“ dem ältlichen Anfänger zu zahlen bereit waren. Andererseits konnte er froh sein, überhaupt noch einen Job gefunden zu haben. Also schüttelte er nur dumm grinsend den Kopf. Die herrische alte Dame grinste zurück.
„Was würden Sie von einer kleinen Nebentätigkeit halten?“
„Zeitungsaustragen war mir schon als Zehntklässler zu dumm.“
„Nun, das muss ja nicht immer so bleiben. Vielleicht sind Sie inzwischen erwachsener geworden?“
„War nie mein Lebensziel.“
„Sondern?“
Er zog die Schultern hoch und grinste ausdruckslos. Noch zwei Stunden in dieser Gesellschaft, dachte er, dann bleibt mir das Gesicht so stehen und ich werde für den Rest meiner Tage an Grinsomanie leiden.
„Geld ohne Arbeit?“ setzte Irene Hexter nach.
„Besser als umgekehrt.“
„Einen Scheißjob werden Sie da haben bei ,Schlosser‘, was?“
„Ich werd’s sehen.“
„Stimmt fürwahr!“ Kelling lachte laut auf und schlug sich auf die Schenkel. „Wenn einer das weiß, bin ich es!“ Seine krachlederne Geste passte schlecht zu dem Gigolo-Kostüm.
„Lässt sich ändern“, lächelte Irene Hexter. „Gesetzt den Fall, dass Sie manche Handelsgesetze Ihres Landes genauso albern finden wie ich.“
Harry Mann gab ihr keine Antwort.
„Denken Sie drüber nach ...“, sagte sie. „Nächste Woche werde ich wieder in der Stadt sein.“
„Gleiche Stelle, gleiche Welle!“ sagte Kelling.
Irene Hexter sah ihn aus den Augenwinkeln böse an. Man konnte die Verachtung fast greifen, die sie ihrem Halbbruder entgegenbrachte.
3
Gegen Mitternacht begleitete Rudolf Kelling die Alte zu ihrem Wagen. Obwohl sie für ein paar Hunderter Cognac und Champagner intus hatte, schritt sie so gerade dahin wie ein russischer Gardeoffizier. Der strohblonde Punkie-Chauffeur draußen musste inzwischen Schwielen am Hintern und an den Hacken Blasen haben. Aber vielleicht war ihm dafür gedämmert, wer Bambi auf dem Gewissen hatte.
Die Nacht war kühler geworden. Gallathea Kelling schüttelte es leicht.
„Kommen Sie“, sagte sie, „gehen wir rein!“
Kaum hatte Harry Mann genickt, nahm sie ihr Glas und rannte in Richtung Terrasse davon, als hätte sie einen wichtigen Termin. Er hielt nur mit Mühe Schritt.
An der Tür zum Wintergarten blieb sie stehen und drehte sich halb zu ihm um, so dass ihre Haut auf dem Rücken tiefe kleine Falten warf. Ihre vollen Lippen lächelten ihn entschieden zu freundlich an.
Er war vernünftig genug, nichts daraus zu machen, und seine Gastgeberin dirigierte ihn, unverdrossen strahlend, zu dem weißen Esstisch und den unbequemen Bauhaus-Stühlen.
„Mein Mann sagt, Sie seien der älteste Kandidat für den Job gewesen.“ Ihr roter Mund lachte weich. „Und der lustloseste.“
„Sie müssen nicht alles glauben, was Sie hören.“
„Also hat mein Mann Unrecht?“
„Die Leute sehen immer nur, was ihnen gefällt.“
Kellings Frau blickte ihn mit verwunderten Augen an. „Wie kommen Sie auf die seltsame Idee, es könnte einem gefallen, wenn der zukünftige Stellvertreter stinkfaul ist?“
„Er scheint zufrieden, ich bin zufrieden.“
„So sehen Sie nicht gerade aus.“
„Jetzt bin ich privat. Sie sollten mich mal im Büro erleben!“
„Geschieht mir recht“, sagte Kellings Angetraute. Sie kratzte sich ungeniert am Ausschnitt hinter den Fetzen schwarzen Musselins.
Er schwieg.
Eine seltsame Stimmung kroch zwischen ihnen hoch. Die schöne Gallathea schwankte zwischen den Rollen von Hure und Kommissar. Alles lief auf Streit oder Sex hinaus. Er hoffte, Kelling käme endlich zurück.
„Sie sind nicht verheiratet. Und eine feste Freundin haben Sie auch nicht ...“
Das war keine Frage, sondern eine Feststellung, also gab er ihr keine Antwort. Kelling hatte ihn nicht nur unerbittlich über sein Privatleben ausgefragt; er hatte seine Erkenntnisse obendrein weitergetratscht.
„Lassen Sie uns Bruderschaft trinken“, sagte sie, als er keinerlei Anstalten zur Konversation machte.
„Ich heiße Gal.“ Sie sprach es „Gell“ aus. Dabei strahlte sie ihn an, dass es ihm zwischen den Beinen pochte.
„Aha“, sagte er und rührte sich nicht.
Die Situation war gequirlter Irrsinn. Wahrscheinlich legte es die Hausherrin auf eine Eifersuchts-Szene an, bei der ihr Angetrauter mal so richtig den Kürzeren zog.
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