»Mit Verlaub, Herr designierter Parteivorsitzender, Sie sind ein Arschloch!« Und sie sah sich selbst an einer Hafenmole stehen, der Wind peitschte ihr die Zöpfe um die Wangen, und das Horn eines Dampfers tutete, und vor ihr rasselten Ketten und Taue von Pollern, rutschten platschend ins Wasser, und ein Schiff legte ab. Aber es war kein Schiff, es war die weiße Küste Kretas, und sie entfernte sich, langsam, aber unaufhaltsam, in Richtung eines strahlend Ägäis-blauen Horizonts, und lachende Matrosen in blau-weiß gestreiften Hemdchen warfen Ballast ab – tönerne Katzenfiguren in allen Stellungen; und aus dem Inneren des Schiffsbauchs erklang das klägliche Maunzen und Miauen zum Ertrinken verdammter, noch lebender Katzen, und Martina hatte beide Hände um das letzte, schenkeldicke Tau gekrallt, versuchte, die Insel festzuhalten, ihren Traum festzuhalten …
Und jemand neben ihr lachte aus vollem Hals.
Nein, vor ihr. Und dann legten Zollers Hände sich um die ihren und lösten die in seine Oberschenkel gekrallten Finger, und eine der Hände kam hoch, und ein nach Nikotin stinkender Zeigefinger hob ihr Kinn an.
»He«, sagte Zoller, immer noch lachend. »Ich weiß ja nicht, was du dir gedacht hast – aber ich wollte mit dir mal über den Umweltministerposten in Hessen reden. Unter vier Augen.«
Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Aber dann konnte er es doch nicht lassen – sein Scheiß-Casanova-Syndrom eben, und seine Hand wanderte von ihrem Kinn über ihren Hals, legte sich schmeichelnd um ihren Nacken, sein Daumen glitt an ihrem Hals hoch und spielte mit ihrem Ohrläppchen …
»Fick dich«, sagte Martina, drehte sich um und ging ins Haus.
Stuttgart, Sonntag, 20. Juli 1986
»Fuck!«, sagte German Heinz zu seinem Spiegelbild. »Ich nehm’ Strom!« Das Spiegelbild grinste ihn an, ein verzerrtes, schiefes Wolfsgrinsen, nicht nur wegen der unzähligen weißen Flecken von Zahnpasta und verkalktem Wasser auf dem Glas und weil der Spiegelschrank in seinem Badezimmer arg schräg, nämlich nur noch an einem Nagel hing. »Ja, ja, ich auch, ha ha. Mächtig unter Strom, mein Lieber. Feines Stöffchen, das uns der liebe Steuerzahler da beschert hat!« Unbewusst rieb Heinz über die verschorften Einstichstellen in seiner Ellbogenbeuge. »Aber ich meine den Meisterkiffer. Wir könnten einen kleinen, unverdächtigen Unfall inszenieren, ein bisschen Strom auf seine Gitarre legen und ihn in die Fußstapfen von Leslie Harvey und John Rostill schicken. Einfach die Erde vom Netzstecker seines Scheiß-Amps abklemmen – und schwups! Ghost riders in the sky! Ha ha! Lacrimosa, dies illa statt Legalize it! « Der Spiegel blieb unbeeindruckt. » Lacrimosa, dies illa … «, sang Heinz übertrieben pathetisch die achtzehnte Strophe von Thomas von Celanos Hymnus vom Jüngsten Gericht . Dann kicherte er. »Kannst ja mal sehen, was die Richter da oben von deiner Kampagne halten, Alter!«
»Na, vielleicht kiffen die auch«, sagte das Spiegelbild, und Heinz setzte sich erschrocken auf die Kloschüssel. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass es damals um einen beschissenen Apfel ging, oder?«
»Baum der Erkenntnis«, murmelte Heinz und spürte, wie ihm kalte Schweißtropfen auf Stirn und Schläfen traten.
»Padah!«, bot ihm der Spiegel einen Tusch. »Erste Erkenntnis: Man muss wissen, welchen Verstärker das Opfer benutzt. Zweitens: Dann muss man dessen Netzkabel für ein paar Minuten unter Kontrolle bringen. Unbeobachtet. Denn drittens: Um den Verstärker herum wimmelt es von Bühnenhelfern, Ordnern, Musikern, Roadies … Viertens: Das Kabel muss wieder an seinen Platz. Fünftens: Das bisschen Strom auf Gitarrensaiten ist zwar unangenehm – aber möglicherweise tödlich nur dann, wenn das Opfer gleichzeitig mit nackter Haut die Saiten berührt und das Mikrophon. Oder barfuß auf einer nassen Bühne steht. Vielleicht kriegt es aber auch bloß kräftig eine gewischt, setzt sich auf seinen Hintern und ist für zwei, drei Minuten ein wenig blass um die Nase und hat ein Weilchen eine taube Lippe. Und wird dann noch gefeiert, weil es trotzdem weiterspielt. Baum der Erkenntnis …! «, giggelte der Spiegel. »Dass ich nicht lache. Die allererste Erkenntnis lautet ja wohl: Nachdenken, Heinzi! Erst denken, dann handeln!«
Dann schwieg der Spiegel. Eine ganze Weile. Aber schließlich entfuhr ihm noch einmal ein schrilles Kichern. »Ach, du Scheiße!«, quiekte er – und der letzte Nagel löste sich aus dem schimmeligen Putz, und der ganze Spiegelschrank rutschte mit Geschepper und Geklirre ins Waschbecken.
Heinz war ziemlich froh, dass er schon auf der Toilettenschüssel saß. Und dass er, obwohl er es sich seit vier Monaten fast täglich vornahm, immer noch nicht den abgebrochenen Klodeckel ersetzt hatte. Und dass er sich nach dem Duschen noch nichts angezogen hatte.
München, Montag, 21. Juli 1986
»Aber wir dürfen natürlich auch die nackten Tatsachen nicht aus den Augen verlieren«, sagte Dörmann gerade, als wir in Pfundigs Hinterhofbüro ankamen, und war, als er mich erkannt hatte, nach einem nervösen Wimpernflattern bemüht, nicht mehr in meine Richtung zu sehen. Ich hatte nix dagegen. »Es ist euch doch klar, dass uns – wie immer die Chose bis Sonntagabend gelaufen ist, am Montag eine Abrechnung ins Haus steht.« Uns …?
»Hat der denn hier verloren?«, murmelte ich Pfundig ins Ohr, während ich ihn umarmte und ihm ein paar Männergruppenklapse auf den Rücken gab.
Dr. Dr. Dietmar Dörmann hatte mehr Gesichter als Graf Ferrarys berühmte Briefmarkensammlung, wenn auch eventuell nicht ganz so viel Kohle wie jener – allein die Versteigerung dieser Sammlung hatte dem französischen Staat in den Zwanziger Jahren sechs Millionen Goldmark eingebracht.
’Ne Weile her, dass wir miteinander zu tun hatten. Also Dörmann und ich, nicht Ferrary. Er war Brittas Bruder, und was er mit der in ihrer Jugend angestellt hatte, war alles andere als schön. Jedenfalls nicht für sie. Immerhin hatte er mir vor zehn Jahren geholfen, sie aus den Händen ein paar mieser Kidnapper zu befreien.
»Wirst’s net glau’m«, sagte Pfundig und verpasste mir seinerseits gleichzeitig einen Schmatz auf die Wange und einen Leberhaken. Na ja, er war in einer bayrischen Männergruppe gewesen. Mittlerweile war er hauptberuflich Präsident seines eigenen kleinen, aber feinen Musikimperiums – nachdem er in den Siebzigern mit dem Buchen von Auftritten für Sallinger, den ewigen bayrischen Lokalmatador, ein Händchenvoll Geld gemacht hatte, war es ihm gelungen, noch mehr Händchen zu beweisen, indem er eine Truppe von Rock-Komikern aus Österreich für den deutschen Markt entdeckt und so geschickt aufgebaut hatte, dass sie Stammgast in der ZDF-Hitparade waren und er sich seit fünf Jahren den Spaß leisten konnte, nebenher das Booking für Penner’s Radio zu machen; er hatte uns sogar aus unserem beschissenen Bierdeckelvertrag mit der Münchener Konkurrenz rausverhandelt, und dank seiner Rührigkeit, seiner Kontakte vom Feinsten und seiner Loyalität seinen Künstlern gegenüber schien unsere letzte Platte sogar ein bisschen was für uns abzuwerfen – im Land der Neuen Deutschen Welle beileibe keine Selbstverständlichkeit.
»Wieso?«, fragte ich.
»Glei’«, sagte Pfundig, stand auf und klopfte mit einem Kaffeelöffel an seine Tasse. »So, Leit’«, sprach er die ganze Runde an, »jetzt sind wir wohl alle vollzählig, erst mal zumindest. Wie ich eben erfahren hab’, wird der Rothenberger es heut’ wohl nimmer her schaffen. Und ’s Management vom Broth hat a Fax g’schickt, in dem alles drin steht, was sie wie geregelt haben woll’n. Schätze, da wer’ma später noch drauf kommen – des sind neun Seiten.« Geringschätziges Gelächter um den Tisch herum. »Für den Fall, dass ihr euch eh net alle scho’ kennt, werd’ ich mal kurz die Vorstellung übernehmen. Also …«
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