»Nette Runde«, sprach Veedelnoh aus, was ich gerade dachte, und verzog das Gesicht, als hätte er gerade ein warmes belgisches Kirschbier auf Ex getrunken.
»Wolltest ja unbedingt mit«, erwiderte ich.
»Mh, weil du ja immer gleich alles wieder vergisst, was bei solchen Konferenzen Wichtiges verhandelt wurde, Büb.«
»Pah.«
»Büb!«, ermahnte mich Pfundig. Womit ich dann auch schon, nein, nicht vergessen, aber verpasst hatte, wer die beiden Gestalten am anderen Ende des Tischs waren, die aussahen, als seien sie von einer altbayrischen Trachtengruppe ausgeschickt worden, um mal Bericht zu erstatten, wie es in der Kulturszene Preußens so zuging. Wie sich herausstellte, saßen sie beide im Stadtrat von Scherdorf, der zuständigen Kreisstadt für Pöckensdorf und alles, was dort genehmigungspflichtig war. Falls es dort irgendetwas gab, das nicht genehmigungspflichtig war.
Pfundigs Konferenztisch war ungefähr so groß wie die meisten Bühnen, auf denen wir spielten. Er stand im Innenhof eines Hinterhauses in Haidhausen, umgeben von Hydrokulturbäumchen und überspannt von einem grünlichen Glasdach. Wir alle sahen aus, als säßen wir in einem Riesenaquarium. Auf dem Tisch gab’s ein paar schwere Aschenbecher, Unmengen von niedlichen grünen Wasserfläschchen, ein paar verchromte Thermoskannen und Kaffeegeschirr, Schälchen mit Obst und Keksen, eine Karte vom Kreis Scherdorf und eine Menge Papierkram. Eine Menge Papierkram.
Kein Bier.
Noh und ich guckten uns an und nickten. Siehste , sagten unsere Blicke. Er klappte seinen Rucksack auf und holte ein paar Büchsen heraus. Der kluge Mann baut vor. Zisch.
»Büb«, sagte Pfundig noch einmal.
»Ja, ja, ich hab’s mitbekommen – Herr Janssen vom bayrischen Innenministerium. Prost, Herr Janssen.« Herr Janssen nickte gnädig. Die junge graue Maus neben ihm, die uns die ganze Zeit mit halb offenem Mund angestarrt hatte, sah daraufhin ihn an und begann dann hektisch, Notizen in einen Spiralblock zu kritzeln – exotisch, wenn nicht gar verdächtig aussehende Musiker trinken Bier; Janssen nickt … ? Sicher würde sie spätestens morgen Mittag unsere Lebensläufe vor sich liegen haben.
»Möchten Sie auch eins, Frollein?«, fragte Veedelnoh, als sie zwischendurch zu ihm hoch schielte. Sie schüttelte so heftig den rot gewordenen Kopf, als hätte er ihr angeboten, gemeinsam Herrn Janssens trotz offensichtlichen Festbügelns leicht verrutschtes Toupet zu bepinkeln, und konzentrierte sich fortan auf ihren Block.
»Xaver ist für’s Catering zuständig«, sagte Pfundig gerade. Ich prostete auch Xaver zu; den kannten wir schon seit Jahren, von unzähligen Festivals. Er grinste mich breit an, breit wahrscheinlich in mehrerer Hinsicht, und grinste noch breiter Veedelnoh an, der ihm ein Bier rüber warf.
Alle sind käuflich im Showgeschäft.
Weiter ging’s im Uhrzeigersinn. Anwesend waren noch die Vertreter dreier großer Plattenfirmen, zweier mächtiger Musikverlage und des Bayrischen Rundfunks, ein Herr von der ARD und je eine Dame von WDR und ZDF, die Vertreter von drei Bands, die man wohl ohne weiteres auf der Top Act-Liste finden würde, der Konzertveranstalter Franjo Homburg und zwei Vertreterinnen der Bundes-Grünen. Ebenfalls aus Scherdorf kam ein Pärchen von der Scherdorfer Anti-Atomkraft-Gruppe – zwei Freaks, die schon seit fünf Jahren in Pöckensdorf ein Anti-Atom-Festival organisierten –, während drei weitere Freaks in Sachen Licht und Ton aus Hamburg, Frankfurt und Köln angereist waren. Wo Dörmann inzwischen wohnte, wusste ich nicht; vielleicht immer noch in seinem Wasserschloss bei Wiesbaden. Aber mehr interessierte mich eigentlich auch, wieso er hier war.
Die Intelligenz ist ja nur das Vorzimmer unserer wahren Persönlichkeit , hatte Manuel Réja schon 1907 in »Die Kunst der Verrückten« geschrieben, seinem Standardwerk der Psychopathologie. Ich wusste nicht, ob Señor Réja noch lebte, aber weiter als in Dörmanns Vorzimmer schien er es bei seinen Recherchen nicht geschafft zu haben – dahinter sah es eher aus wie in Opa Klütschs ehemaligem Werkzeugschuppen: voller Staub und Dreck und Schmiere und Taubenkacke und Spinnweben und toten Fliegen, Asseln und Mäusen, und es stank nach Verwesung, nach Farbresten, Terpentin, Öl, Benzin und alten Gummischläuchen und Fahrradreifen, nach abgestandenem Rauch, feuchtem Mörtel, Schimmel und Schwamm. Nach Schwarzem Mann und nicht nachvollziehbaren Strafmaßnahmen, nach Gemeinheiten, Schrecken, Schmerzen und Tränen.
Klar war Dörmann intelligent, in hohem Maße, aber wahrscheinlich hatte er es auch schon seit dem ersten Kindergartenwettbewerb »Wer malt das schönste Christkind?« auf den Tod nicht ausstehen können, bei irgendetwas Zweiter zu sein, egal was es war. Es ist ja die Sorte Mensch schon schlimm genug, die meint, ständig überall dabei sein und überall und zu jedem Thema mitreden zu müssen – aber wenn jemand dann auch noch an Logorrhoe leidet, der Laberkrankheit, und darüber hinaus von keinem Zweifel beschattet ist, er könne nicht von allen am besten Bescheid wissen, er sei es, der auf jeden Fall und immer recht habe … Ich konnte ihn jedenfalls nicht leiden; von den unappetitlichen Einzelheiten seiner familiären Vergangenheit mal ganz abgesehen.
Aber er war hier und heute so ganz in seinem Element. Irgendeine Arschgeige aus den oberen Stockwerken der Polit-Hierarchie hatte anscheinend auf den letzten Drücker die gloriose Idee gehabt, der Dörmann, der habe doch schon vor ein paar Jahren so hervorragende Arbeit als Organisator der Kasseler Rock gegen Rechts -Festivals geleistet. Und dann noch die zwei Doktortitel – also war er quasi der Mann für ein so heikles Unternehmen wie das Paaf! .
Und wir hatten ihn am Hals.
Einem bereits nach einer halben Stunde ziemlich dicken Hals, und das galt nicht mal nur für mich.
Die Leutchen von der Scherdorfer Festivalgruppe waren sauer, weil ihnen hier offensichtlich etwas aus der Hand genommen wurde, das sie schon fünf Jahre erfolgreich aus eigener Kraft gestemmt hatten.
Die Jungs aus ihrem Stadtrat sahen hier natürlich eine schöne Gelegenheit, ihnen auch künftig ein paar kräftige Knüppel zwischen die Beine werfen zu können. Außerdem war es deren Chance, der bayrischen Landesregierung Parteilinie und Vollzugsfähigkeit zu demonstrieren.
Deren Vertreter Janssen war vor allem bemüht, mit Zähnen und Klauen Landeskompetenzen zu verteidigen und eine ganze Handvoll Schwarzer Peter Richtung Bonn zu schieben. Er ließ sich freilich die Gelegenheit nicht entgehen, die buckelnden Scherdorfer noch eine Nummer kleiner zu stutzen, nach dem Motto »Hättet Ihr diesen Festival-Unsinn schon vor fünf Jahren unterbunden, hätten wir heute nicht solche Probleme …«
Was wiederum die Grünen auf die Palme brachte, denn schließlich sei die ganze WAA doch erst einmal, wenn schon nicht vor allem auf Landesmist, dann doch in jedem Fall auf dem des konservativen Lagers gewachsen, industriefreundlich, wie dieses doch seit jeher sei; und außerdem lebe man schließlich in einer Demokratie, aber wahrscheinlich sei ja gerade das die größte Befürchtung Janssens und seiner Konsorten und Vorgesetzten: Dass das Volk sich langsam und zunehmend seiner Macht bewusst werde, und dass die selbstherrlichen konservativen Parteien bei der nächsten Wahl die Quittung für ihre Ignoranz und Arroganz und so weiter, und so weiter …
Die Jungs von den Musikfirmen interessierte das überwiegend einen feuchten Dreck – wann tritt unser Star auf, wollten sie wissen, und mit wem können wir über eine bessere Position verhandeln? Sie hatten bereits verhackstückt, auf welchem Label die Platte rauskommen würde, und konnten uns sogar schon einen Text vorlesen, der hinten auf dem Cover der Platte – ein Doppelalbum sogar – stehen sollte:
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