Paaf! Das 5. Anti-WAA-Festival – das größte der deutschen Rockgeschichte. 100.000 Besucher, 1.300 freiwillige Helfer, 600 Journalisten aus 10 Ländern und zirka 600 Musiker, Techniker und andere Aktive hinter der Bühne … Alle arbeiteten ohne irgendeine Gage. Die Erlöse aus dem Verkauf dieses Albums werden dem Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage unmittelbar zufließen … Neben Zuteilungen für die Bürgerinitiativen, Prozesskosten und ein Ökohaus in der Oberpfalz werden 10% der Einnahmen für das 6. Paaf!-Festival zurückgestellt. Hoffen wir, dass dies nicht mehr stattfinden muss .
»Und wer kontrolliert das?«, fragte kritisch der Pastor und schaute sich unauffällig um, ob auch alle seinen Mut bewunderten. ‚Dä Pastur‘ wurde der Sänger von Ming Tant aus Köln in Köln genannt – der Kölner ist ziemlich gut im Erfinden von passenden Spitznamen. Dieser war einer von den sehr passenden, weshalb er dem Chef von Ming Tant gewöhnlich ein eher säuerliches Lächeln entlockte.
»Wir«, lächelte der Vertreter der Universum – seiner Plattenfirma – ebenfalls säuerlich, und ich sah schon vor mir, wie aus den zugesagten fünfzehnhundert Ming Tant-T-Shirts nächste Woche auf einmal hundertfünfzig wurden. »Aber ihr habt selbstverständlich jederzeit Einblick in die Abrechnungsunterlagen.«
Dass es über ein paar tausend oder -zigtausend unter der Hand in Frankreich gepresste Alben gar keine Unterlagen geben würde, ließ er unerwähnt. Aber warum soll man auch Musiker mit solchen buchhalterischen Kinkerlitzchen belasten. Weshalb sich der Pastor auch zufrieden zurücklehnte und unter seinem sorgfältig ondulierten Pony wahrscheinlich schon an seiner Berichterstattung im Bandbüro feilte (»Gut, dass ich da war, Jungs – denen hab’ ich ganz schön Feuer unterm Arsch gemacht mit meinen kritischen Fragen!«).
»Apropos Abrechnungsunterlagen«, meldete Xaver sich. »Sind meine Informationen richtig, dass der Reisekostenzuschuss für zwölf Lichtleute viermal so hoch ausfällt wie der für ein zweiundzwanzigköpfiges Cateringpersonal?«
»Wenn, dann zu Recht!«, bellte der Frankfurter Lichtmann. »Meine Leute malochen schließlich rund um die Uhr!«
»Ach ja?«, grinste Xaver. »Fällt unter Maloche auch, dass morgens um vier unser Küchenzelt um zwei Flaschen Osborne erleichtert wird?«
»Wenn, dann allenfalls, um der arbeitenden Bevölkerung die Verdauung deines so genannten Curry-HuhnPnomh Peng zu erleichtern«, kam der Hamburger PA-Verleiher seinem Lichtkollegen zu Hilfe.
»Meinst du das Gericht, von dem jeder Bühnenheini am Nürburgring mindestens vier Portionen haben wollte, weil’s so lecker war?«
»Na ja, lecker schon – aber du hättest vorher erklären können, warum das Peng heißt. Wir mussten uns für backstage nachts noch zwei Klohäuschen aus dem Publikumsbereich organisieren!« Allgemeines Gelächter.
»Okay«, lachte Xaver gutmütig mit. »Dann sei hiermit schon mal drauf hingewiesen, dass es in Pöckensdorf einen Gulasch Peng Paaf! gibt. Verzehr auf eigene Gefahr.« Noch mehr Gelächter. Bring die Rede auf Schwiegermütter, ehelichen Sex oder aufs Furzen, dann hast Du deine Lacher sicher; da unterscheidet sich der alternative deutsche Konferenztisch kein bisschen von irgendeinem Stammtisch.
Und zu alldem hatte natürlich Dörmann sein Scherflein beizutragen. Bei einer jeden, aber auch jeden Wortmeldung hatte er einen Kommentar parat, äußerte erst mal eine Menge Verständnis für jeden Beitrag und jede Bedenken, schmierte jedem Bedenkenträger erst ordentlich Honig ums Maul, um ihn oder sie weich zu klopfen für eine anschließend schleimig vorgetragene Bitte um Verständnis für die Interessen und Nöte der anderen. Und alle ließen sich von ihm besänftigen und in konstruktive Bahnen leiten, wurden kooperativer, machten bereitwillig Abstriche von ihren Forderungen, waren bemüht, tragfähige Kompromisse zu erreichen. Und immer wieder erntete Dörmann beifälliges Nicken, besonders vom alten Homburg und dem vor allem an einem möglichst reibungslosen Ablauf interessierten Janssen.
Widerwillig musste auch ich zugeben, dass er das wirklich sehr geschickt anstellte. Aber es käme sicher auch niemand auf die Idee, ich müsse, gezwungen, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einen Proktologen ins Herz schließen, bloß weil er sein Handwerk besonders gut beherrscht.
Doch selbst Dörmann musste erst mal schlucken, als die Tagesordnung bei dem neunseitigen Fax von Helfried Broth ankam. Dem zufolge waren, sinngemäß, alle teilnehmenden Musiker höchstenfalls Vorprogramm dritter Klasse, selbstverständlich nach den Wünschen des Meisters sortiert, und das Paaf! müsste eigentlich Helfried-Broth-Gala heißen. Krönung war, dass er damit drohte, gar nicht erst aufzutreten, wenn das Plakat zum Festival, das auch für die Bewerbung des Films benutzt werden sollte, nicht noch geändert würde. Die Scherdorfer Freaks hatten dies, wie immer, von einem Comic-Zeichner aus ihren eigenen Reihen entwerfen lassen; in diesem Jahr marschierte auf gelbem Hintergrund unter einem knallrot explodierenden Paaf! eine Meute knollennasiger bunter Demonstranten auf den Betrachter zu, Transparente über den Köpfen, auf denen so was wie Atomkraft? Nein danke! stand und WAA? Nee! – und die Namen der zugkräftigsten Kapellen des Festivals. Und da war Broths größtes Problem – es gab, ziemlich zentral, zwei gleich große Transparente, und sein Name auf dem einen war deutlich kleiner geschrieben als der von Ming Tant auf dem anderen, derzeit seine heftigsten und verhasstesten Konkurrenten. Seit drei Monaten wechselten die beiden sich an der Spitze der Pop-Hitparaden ab, er mit seiner Single Aus Essen komm ich (zu Essen werd ich) , die Kölner mit ihrem durchaus dazu passenden ersten Versuch in Hochdeutsch, Marlene hat gekocht . Und nun fiel der Kohlenpott-Primadonna so was ein, ein paar Tage vor dem Festival …
»Na, dann kommt er eben nich’«, sagte ich trocken. Etliche Köpfe ruckten zu mir herum, und es trafen mich ein paar Blicke zwischen Steinigt ihn! Er hat gelästert! und Wer ist denn dieser Penner? »Na ja«, sagte ich, »wer wird ihn schon vermissen? Auf der Bühne kaum jemand, hinter der Bühne kein Schwein, und vor der Bühne werden die Bravo -Leser auch nicht so zahlreich vertreten sein. Mal davon abgesehen, dass wir hier über ein paar hundert Plakate reden, die seit sechs Wochen gedruckt sind und seit vier Wochen in ein paar Jugendzentren des Landes und an ein paar handverlesenen Bauzäunen hängen. Wenn überhaupt – wahrscheinlich hängen sie eher wieder in jedem dritten Wohngemeinschafts-Klo.«
»Vielleicht vergessen Sie die ganzseitigen Anzeigen in diversen Musikzeitschriften und Wochenmagazinen, die wir geschaltet haben?«, sagte der Heini von Broths Plattenfirma. »Und das Kinoplakat?«
»Die Radio-Spots«, ergänzte Broths Verleger. »Die hat uns auch niemand geschenkt.« Veedelnoh sprang mir bei:
»Na, bei euren derzeitigen Umsätzen werdet Ihr wohl dringend ein paar Werbekosten geltend –»
»Junger Mann«, unterbrach Homburg ihn müde, »was wissen Sie schon vom G’schäft?«
»Aber hier geht’s doch nicht um eure Geschäfte!«, protestierte das Scherdorfer Anti-Atom-Mädel. »Hier geht’s um …, um …, also …«
»Genau«, sagte ich. »Und davon abgesehen – wenn ich Grafiker wäre, müsste ich bei zwei gleich großen Kästchen Helfried Broth & Die Aufsteiger auch kleiner schreiben als Ming Tant …«
Aber der Kollege Helfried hatte in den letzten drei Jahren an die anderthalb Millionen Platten verkauft. Dass er das eventuell weniger seiner Musik als seiner tragenden Rolle in der überaus erfolgreichen Fernsehserie Leinen los! zu verdanken hatte, interessierte hier niemanden. Umsatz ist Umsatz. Und wenn Broth nicht auftrat, würde er nicht auf dem Album vertreten sein. Und wenn er nicht auf dem Album vertreten war, würde davon womöglich ein Drittel der geplanten Hunderttausender-Startauflage in den Regalen liegen bleiben. Also hätte ich hier in meinen schäbigen Klamotten auf dem Tisch herumstehen, ein volles Aquarium auf dem Kopf balancieren, mit drei Händen voll Götterspeise jonglieren und gleichzeitig die Goldberg-Variationen furzen können – ich spielte hier keine Rolle; ich war bloß einer dieser Musiker …
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