Zwei Jahre nach Kriegsende emigrierte ich nach Amerika. Sogleich schrieb ich einen Brief an Herrn Bolek. Ein paar Monate später kam der Brief zurück, „Empfänger unbekannt“. Ich fürchtete, dass ihm etwas zugestoßen war, und schrieb einen zweiten Brief, diesmal an das polnische Rote Kreuz. Wieder kein Glück, sie konnten ihn nicht auffinden. Erst in den späten sechziger Jahren gelang es mir durch ein kleines Wunder, mit unserm alten Freund wieder Kontakt zu bekommen. Er teilte mir mit, dass er nach dem Krieg in eine andere Gegend Polens umgesiedelt worden sei und dass er beim Internationalen Roten Kreuz immer wieder nach uns gefragt habe, auch ohne Erfolg. Da er nun Rentner sei, habe es ihn wieder zurück in unsere Heimatstadt Radom gezogen. Überdies gab er mir zu verstehen, dass der Inhalt unserer Truhe gerettet, ja in seinem Besitz sei.
Ich gab ihm die Erlaubnis, Gebrauch von den Pelzen zu machen, bat ihn aber, wenn irgend möglich, den Versand der Violine nach den USA in die Wege zu leiten. Herr Bolek antwortete mir, dass die polnischen Behörden wegen des historischen Werts der Violine nicht gestatteten, sie aus dem Land zu lassen. Man habe sie als antik eingestuft, und wir benötigten daher im Grunde eine Ausnahmegenehmigung des Kultusministeriums, das eine solche aber verweigere. Er versuchte alles Mögliche, aber nichts hatte Erfolg. Ich besaß ja auch nichts, womit ich beweisen konnte, dass ich der rechtmäßige Eigentümer der Violine war; es gab keinerlei Papiere oder Kaufbelege. Das alles ärgerte mich unsäglich; meine Guarneri blieb eine Gefangene in Polen.
In Amerika kaufte ich mir eine gebrauchte Geige und fing für mich allein wieder zu üben an. Es war nicht dasselbe. Ich hatte die Fertigkeit verloren, die ich vor fünfundzwanzig Jahren einmal besaß, und das Instrument klang dürftig. Hinzu kamen der Verlust meines Koordinationsvermögens und der Umstand, dass mein linker Arm schnell taub wurde. Deshalb erwog ich, einen Auffrischungskurs zu besuchen, aber da ich mich als ziemlich fortgeschritten betrachtete und über vierzig war, war es mir doch peinlich, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Wenn ich nur die Guarneri hätte, sagte ich mir ständig, dann würde sich mein Spiel bestimmt wieder verbessern. Vielleicht hatte mich auch die Enttäuschung darüber, dass ich sie verloren hatte, vergessen lassen, wie man Geige spielt, theoretisierte ich; und bald entschied ich mich, es ein für alle Mal aufzugeben. Die Guarneri blieb mir natürlich immer im Hinterkopf; ich glaubte daran, dass der Postbote sie mir eines Tages einfach zustellen werde.
Im Sommer 1983 wurde ich von dem Magazin, für das ich als Fotoreporter arbeitete, mit einem Auftrag nach Polen geschickt. Ich besuchte Radom und konnte Herrn Bolek ausfindig machen. Er war alt und es ging ihm nicht gut, er war fast blind und konnte mich kaum noch erkennen. Aber er hatte keine Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was uns verband: die vergrabene Guarneri. Er legte seinen Arm um mich, und mit trauriger Stimme sagte er, wie leid es ihm tue, vom Schicksal meiner Eltern zu hören, und wie froh er sei, zu erfahren, dass die drei Kinder überlebt hatten.
Herrn Boleks Wohnung war klein und voller alter Möbel. Die Wände waren mit alten Fotografien, Bildern und Erinnerungen an ein vergangenes Zeitalter bedeckt. Neben seinem Stuhl stand ein kleiner Tisch mit einem Sortiment Medizinfläschchen und einer Untertasse voll Augentropfen.
„Es ist so schön, dich als Erwachsenen wiederzutreffen,“ sagte Herr Bolek. „Ich erinnere mich an dich, wie du noch ein kleiner Junge warst. Ich sah dich immer mit deinem Geigenkasten unterm Arm zur Musikstunde gehen. Deine Schule war ja von meiner Wohnung aus direkt um die Ecke. Aber die Schule ist nun weg, wie so viele andere Dinge auch.“
Für ein paar Sekunden schwieg Herr Bolek. „Viele Jahre lang waren dein Vater und ich gute Freunde,“ sagte er. „Wir hatten nie Streit und achteten einander immer. Jetzt ist es eine andere Welt; die Menschen sind anders, als wir früher waren. Aber was kann man da machen? – Lass mich dir nun etwas zeigen.“
Er ging hinüber zur Garderobe und zog den Geigenkasten hervor. Er stellte ihn auf den Tisch und machte sich feierlich daran, ihn zu öffnen. Die Violine war mit einem Schloss gesichert, was sie, wie ich wusste, vorher nicht war. Herr Bolek nahm sie heraus. Langsam und sorgfältig befreite er das Instrument von dem grünen Filzstoff, in den es eingepackt war. Ehrfürchtig sah ich ihm zu. Die Violine schimmerte wie ein auf Hochglanz polierter Edelstein. Alles war an seinem Platz; ich hätte kaum sagen können, dass dies dasselbe Instrument war. Herr Bolek hielt die Guarneri, wandte sich mir zu und berichtete mit zitternder Stimme: „All diese Jahre hindurch habe ich gespürt, du würdest eines Tages zurückkommen, um die Violine zu holen. Vor ein paar Jahren, nachdem ich in Rente gegangen war, beschloss ich zu lernen, wie man Geigen repariert; ich hatte den Plan, deine Guarneri zu reparieren. Ehe ich mich’s versah, war ich so davon erfüllt, dass ich anfing, auch die Geigen anderer Leute zu reparieren, bis meine Augen immer schwächer wurden und ich es aufgeben musste.“
Als er innehielt, zog er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich die Augen. Ich hatte den Eindruck, er weinte. „Ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen je lohnen kann, dass Sie die Violine für mich nicht nur gerettet, sondern auch noch repariert haben,“ platzte ich heraus, bewegt, wie ich war.
„Du schuldest mir überhaupt nichts, mein Freund,“ antwortete er. „Ich bin derjenige, der zu danken hat. Von dem Tag an, da ich diese Violine zum ersten Mal sah, hat sie mein Leben verändert. Sie gab mir ein Gefühl der Verantwortung, sie ließ mich Musik lieben, und sie gab mir den Anstoß, Geigenbauer zu werden. Sie wurde mir vertrauensvoll übergeben, und sie wurde ein wichtiges Bindeglied unserer Freundschaft. Es war fast so, wie für einen Menschen, einen Freund, zu sorgen. Ich wusste ja auch, wieviel sie dir, dem Musiker, bedeutete. Du siehst, für mich war sie auf vielerlei Weise von Nutzen. Nun musst du nur noch einen Weg finden, sie nach Amerika zu schaffen. Hier, sie ist deine,“ sagte er stolz lächelnd, als er mir die Guarneri aushändigte. Ich hielt sie an ihrem Hals und sah mein eigenes strahlendes Spiegelbild in ihrem polierten Korpus. Ich berührte die Saiten; die Violine ließ auch ungestimmt ihren klaren, schwingungsreichen Klang ertönen. Ich nahm den Bogen und fing an sie zu stimmen, obwohl ich nicht sicher war, ob ich mich noch erinnerte, wie es ging. Ich war sprachlos, meine Hände zitterten. Als ich fand, die Violine sei nun zufriedenstellend gestimmt, legte ich sie sacht wieder in den Kasten zurück. Gerührt von der Freundschaftsgeste, nahm ich Herrn Boleks Hand und schüttelte sie kräftig, bis ich auf seinem zerfurchten Gesicht einen gequälten Ausdruck bemerkte.
Es gebe keine Mittel und Wege – wurde mir mitgeteilt –, die Genehmigung des Kultusministers zur Ausfuhr der Violine zu erhalten; die Gesetze lauteten noch immer so. Ich entschied mich für das Risiko, meinen Schatz ungenehmigt mit außer Landes zu nehmen. Ich hatte zwar Halluzinationen, wegen Antiquitätenschmuggels verhaftet zu werden und nach so vielen Jahren in einem polnischen Gefängnis zu landen. Doch am nächsten Tag saß ich tatsächlich im Flugzeug nach Hause mit der Violine an meiner Seite. Niemand hatte irgendwelche Fragen; es war, als hätten sie den abgenutzten Kasten, den ich trug, überhaupt nicht bemerkt. Ich war in Hochstimmung. Nach zweiundvierzig Jahren war die Guarneri wieder frei.
Fast ein Jahr nachdem ich aus Polen mit meiner Guarneri zurück war, erhielt ich einen Brief von Herrn Bolek, geschrieben von seiner Tochter, Lucyna. Er wollte wissen, ob ich mit der Guarneri glücklich sei, und ob sie hoffentlich auch gut behandelt werde. Um nicht völlig ohne Geige zu sein, hatte er sich nun selber eine gebrauchte gekauft. „Seltsam“, schrieb Lucyna, „wie jemand so an einem Instrument hängen kann, als wäre es ein Mensch.“ Ihr Vater bewahre die Geige am selben Platz auf, an dem jahrelang die Guarneri ausgeharrt habe, in der Garderobe, und obwohl er sie nicht mehr erkennen könne, könne er sie noch halten und stimmen (wenn auch nicht sehr gut); manchmal versuche er, ein paar von den Liedern zu spielen, die er auf der Guarneri gespielt hatte. Gelegentlich beschwere er sich dann bei der Geige über ihren kümmerlichen Ton, den sie von sich gab; sein Kommentar sei dann immer, sie sei eben nicht mit der Guarneri zu vergleichen.
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