»Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, Leccia, Sie machen mir Angst.«
»Schon der Mord an Antoine Guérini war höchstwahrscheinlich eine Episode im Glücksspielkrieg um die Kontrolle über die Casinos von Paris.«
»Immer noch weit weg von Nizza.«
»Nicht mehr lange. Ausgehend von seiner Hochburg, seinem Casino hier im Zentrum, will Fratoni Nizza zum französischen Las Vegas machen, das ist für niemanden ein Geheimnis, er hat seine Absichten deutlich verkündet. Dafür braucht er die Kontrolle über die Casinos an der Côte. Sein erstes Ziel: das Ruhl. Unsere sämtlichen Quellen sagen, dass es ihm mit Unterstützung eines italienischen Konsortiums gelungen ist, viel Kapital aufzubringen, und dass die Übernahme in den nächsten Wochen stattfinden soll. Gleich nach dem Ruhl steht die Übernahme des Palais de la Méditerranée auf dem Plan. Im Rathaus ist man der Ansicht, dass die Stadt Nizza bei der Erneuerung ihrer Casinos viel zu gewinnen hat.«
»Ich weiß«, murmelt der Staatsanwalt, »ich bin auf dem Laufenden.«
»Stellen wir uns jetzt vor, irgendwelche Banditen wollen Fratoni schaden. Ein Mord auf den Stufen des Casinos könnte eine gute Warnung sein, die Gewalt, das Blut, der Tod …«
»Sie gehen zu weit.«
»Ich sage nicht, dass Pieri aus diesem Grund ermordet wurde, aber man hat entschieden, ihm auf den Stufen des Casinos aufzulauern …«
»Ich bleibe skeptisch. In jedem Fall aber tun wir gut daran, den Wirbel weitestgehend zu begrenzen und uns daran zu halten, dass ein nicht näher bestimmbarer potenzieller Erbe die Reste des Guérini-Clans liquidiert. Die Sorte Fall, für die sich die Öffentlichkeit nicht interessiert. Solange die Gangster sich untereinander abschlachten, ist nach zwei Tagen alles vergessen, wenn niemand es auf Komplikationen anlegt. Und wir richten unsere Ermittlungen auf Marseille, fern von Nizza und seinen Casinos.«
Der Staatsanwalt geht noch ein paar Schritte, bleibt dann stehen.
»Gut. Machen wir es simpel. Wir halten uns an die Hypothese einer Abrechnung im Milieu, wahrscheinlich auf Betreiben eines dieser beiden Spinner, Zampa oder Le Belge, ohne weitere Einzelheiten. Es besteht kaum Aussicht, dass wir hier vor Ort auf irgendetwas stoßen. Die zwei sind deutlich aktiver in Marseille und Paris als bei uns, Gott sei’s gedankt. In Marseille leitet Richter Bonnefoy ein Ermittlungsverfahren, das alle diese Abrechnungen bündelt. Ich könnte ihn einsetzen und mit dem Dossier betrauen.«
Der Staatsanwalt nimmt seinen Gang wieder auf, überlegt noch einmal, trifft dann eine Entscheidung. »Ich kenne ihn kaum, diesen Bonnefoy. Ich warte noch ab, ehe ich einen Richter in diesen Schlamassel einbeziehe. Ich eröffne ein beschleunigtes Verfahren, das unmittelbar unter meiner Aufsicht bleibt, und betraue den SRPJ von Marseille mit der Ermittlung, was sich angesichts der Person des Opfers rechtfertigt. Auf die Weise schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Wir verhindern, dass Ihr frisch ernannter Chef in unseren Angelegenheiten herumtrampelt. Und wir halten das Operationszentrum von Nizza und seinen Casinos fern. Es ist doch das, was Sie wollten?«
»Genau das, Herr Staatsanwalt.«
»Aber, Leccia, ich bitte Sie, bei dieser Ermittlung jeden Schritt zu überwachen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, sie darf nicht außer Kontrolle geraten, lassen wir uns nicht überrumpeln. Ich zähle auf Sie, wie immer.«
Dienstagmorgen, Marseille
Daquin wird am frühen Vormittag zum Direktor des SRPJ Marseille bestellt, der ihn sehr freundlich empfängt. Nicht unbedingt ein gutes Zeichen.
»Ein Mord letzte Nacht in Nizza, das Opfer, Maxime Pieri, ist eine vielschichtige Persönlichkeit, ein bedeutender Marseiller Unternehmer mit einer bewegten Vergangenheit, was seine frühen Jahre betrifft. Grimbert wird Ihnen mehr dazu sagen. Der Staatsanwalt von Nizza hat uns im Rahmen eines beschleunigten Verfahrens mit dem Fall betraut. Ich habe mich mit Richter Bonnefoy beraten, er denkt, die Sache in Belle de Mai ist eine klassische Abrechnung unter Gangstern, und hat nicht vor, eine ausufernde Ermittlung einzuleiten. Sie werden bei diesem Dossier nicht mit Arbeit überlastet sein. Ich habe daher entschieden, Ihnen auch den Fall Pieri zu übertragen, Ihnen und Ihrem Team. Für Sie ist das eine Gelegenheit, sich warmzulaufen. Hier ist das, was uns Nizza per Telex übermittelt hat.« Der Chef reicht Daquin eine dünne Mappe, nur wenige Zettel. »Sie finden darin die Polizeiberichte vom Tatort, die Zeugenaussagen, die an Ort und Stelle aufgenommen wurden, und die Kontaktdaten des Büros vom Staatsanwalt von Nizza. Inspecteur Bonino ist Ihr Ansprechpartner in der dortigen Dienststelle des SRPJ. Sie haben seine Kontaktdaten in der Akte, er ist informiert und erwartet Ihren Anruf. Viel Glück, Daquin.«
Daquin nimmt die Akte, das Gesicht ausdruckslos, ohne Reaktion. »Danke, Herr Direktor.«
Er steht auf und geht hinaus. Jagd auf Niçoiser Territorium, das Opfer eine vielschichtige Persönlichkeit. Ein Auftrag, der stinkt? Vielleicht, aber beschleunigtes Verfahren, eine Chance. Er muss versuchen, sie voll und ganz zu nutzen. Daquin kehrt zurück zu Grimbert und Delmas, die in ihrem Büro auf ihn warten.
»Was wollte der Direktor?«
»Er überträgt uns das Dossier zum Mord an Maxime Pieri vergangene Nacht.«
Grimbert stößt einen überraschten Pfiff aus. »Ich habe die Nachricht von seiner Ermordung heute Morgen im Radio gehört, ich hätte nie gedacht, dass wir eine Chance haben, diesen Fall zu erben.« Daquin hört die Aufregung in seiner Stimme. »Klären Sie uns auf, Commissaire.«
»Der Staatsanwalt von Nizza hat sich für ein beschleunigtes Verfahren entschieden, das unter seiner Aufsicht bleibt, und er hat den SRPJ von Marseille eingesetzt. Der Chef hat uns mit der Ermittlung betraut, mehr weiß ich nicht. Hier ist die Akte, dünn, klar, der Mann wurde vor sieben Stunden getötet. Wir lesen sie und sprechen dann darüber.«
Ein paar Minuten später: »Was denken Sie, Grimbert? Motorrad, großes Kaliber, zehn Schüsse, ist es die x-te Abrechnung im Milieu?«
Grimbert zögert. Brauen zusammengezogen, keine Spur mehr von seinem schiefen Lächeln. Dann legt er los. »Ich stelle gewaltige Ungereimtheiten fest. Erstens mal ist die Exekution zu sauber. Der Mörder schießt nicht aus nächster Nähe, trotzdem trifft er die Frau an Pieris Arm nicht, keine Sachschäden ringsum, die Killer aus dem Milieu arbeiten selten so präzise. Dann die Persönlichkeit von Pieri. Er war zwar einer der Kapitäne von Antoine Guérini, aber vor etwa zehn Jahren hat er auf Geschäftsmann umgesattelt. Heutzutage ist er im Wirtschaftsleben von Marseille ein bekannter Mann, er besitzt eine Firma, die Somar, die ein Dutzend Frachter im Einsatz hat. Ich sehe nicht, dass er sich an den aktuellen Machtkämpfen der Clans beteiligt.«
»Dem Chef zufolge wissen Sie etwas mehr darüber, als Sie uns sagen.«
Grimbert zögert, entschließt sich dann. »Pieri gehört zu der Generation Korsen, die bei Kriegsende und in der Nachkriegszeit enge Beziehungen zur Politik geknüpft haben. Er stand in dem Ruf, Geschäfte an der Grenze der Legalität zu machen …«
»Auf welcher Seite der Grenze? Diesseits oder jenseits?«
»Jenseits natürlich, das ist doch der Sinn der Redewendung, und zwar mit etlichen Mitgliedern der feinen Marseiller Gesellschaft. Aber das sind bloß Gerüchte, ich habe keinerlei konkreten Beweis.«
»Das könnte ein guter Grund dafür sein, erschossen zu werden.«
»Ja, sicher.«
»Ist es denkbar, dass eine Abrechnung im Milieu inszeniert wurde, um eine gründliche Ermittlung zu verhindern?«
»Das wäre amüsant. Und schlau, mitten im Krieg von Zampa gegen Le Belge. Man könnte glatt auf die Idee kommen, die zehn Kugeln, die man auf Pieri abgegeben hat, wären eine Art Anspielung auf die zehn Kugeln, mit denen Antoine Guérini erschossen wurde. Einfach um sicherzugehen, dass wir die Parallele ziehen.«
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