»Was erklärt, dass die Ermittlungen nie zu etwas führen?«
»Die Verantwortung für Ihre Schlussfolgerung müssen Sie selbst übernehmen, Commissaire. Aber Sie sollten wissen, dass Sie in einem Klima gelandet sind, das, sagen wir … Marseille-typisch ist.«
»Gut. Kommen wir zurück zu unserer Akte Belle de Mai. Keine Spuren, keine Zeugen, einverstanden. Aber ich habe mich in der Gegend umgesehen. Es handelte sich um einen sehr sorgfältig vorbereiteten Hinterhalt. Route und Zeitplan der Opfer waren bekannt. Woher? Es ist unmöglich, die Kreuzung längere Zeit zu blockieren. Jemand hat also ein Startsignal gegeben, und es war mindestens ein Späher in der Nähe der Kreuzung, um das zweite Signal zu geben. Folglich viele Komplizen, deren Spur man möglicherweise verfolgen kann. Welche Mittel zur Informationsweitergabe haben sie benutzt? Ich habe auf dem Boulevard Burel in der Nähe der Kreuzung eine Telefonzelle entdeckt, direkt gegenüber einem Parkplatz vor einem Gebäude. Die Mörder können dort gewartet und das letzte Zeichen über das Telefon in dieser Zelle bekommen haben. Auf dem Boulevard Guigou, weniger als einen Kilometer entfernt, gibt es eine Bar, die sonntags geöffnet hat, und eine Telefonzelle. Das erste Signal kann von einem dieser beiden Punkte aus erfolgt sein. Man kann die von diesen Anschlüssen getätigten Anrufe zurückverfolgen und im Umfeld nach Zeugen forschen. Jetzt zu den Opfern: Mit wem waren sie zu diesem Zeitpunkt verabredet? Mit wem hatten sie Streit? Wer kann sie verraten haben? Was sagen die Angehörigen? Welche Verbindung besteht zwischen den beiden Opfern, Marcel Ceccaldi und dem Jungen? Alle diese Punkte können wir verfolgen. Und dahinter werden sich die Auftraggeber abzeichnen.«
Grimbert setzt wieder sein schiefes Lächeln auf. »Zweifellos, Commissaire. Aber bevor wir uns in dieses Abenteuer stürzen, gehen Sie zu Richter Bonnefoy. Vergessen Sie nicht, es ist seine Ermittlung, nicht Ihre.«
Im Gericht empfängt Richter Bonnefoy, ein freundlicher Mann von geruhsamen fünfzig, Daquin umgehend in seinem sonnigen Büro mit Blick auf den Vieux-Port. Er hört sich seinen Bericht des Belle-de-Mai-Massakers und seine Vorschläge zu möglichen Ermittlungsansätzen an. Er macht sich keine Notizen, trommelt mit den Fingern auf seinem Schreibtisch.
»Commissaire, Sie sind neu hier, wenn ich Contrôleur Général Payet richtig verstanden habe. Wie in jeder anderen Stadt fehlt es Polizei und Justiz hier in Marseille bitter an Mitteln. Und die Kriminalität, unter denen die ehrlichen Bürger leiden, nimmt sprunghaft zu, die Überfälle auf alte Leutchen beim Verlassen von Postämtern oder Banken, die Überfälle auf kleine Händler und, die neuste Masche, Überfälle auf Taxifahrer. Diese Kriminalität ist es, die unbedingt eingedämmt werden muss. Wenn die Banditen sich gegenseitig umbringen wie in dem Fall, über den wir sprechen, schert die anständigen Leute das wenig. Sie fühlen sich nicht bedroht. Was ich von Ihnen verlange, ist, dass Sie die Identität der Opfer feststellen, damit wir die Bandenkriege und die Entwicklung der Clans nachvollziehen können und nicht überrumpelt werden. Ich erwarte von Ihnen und Ihrem Team, dass Sie in diesem Sinne vorgehen und berichten.«
Als Daquin das Gericht verlässt, hört er Grimbert, »seine Ermittlung, nicht Ihre«, und sieht sein schiefes Lächeln, dessen Grundstimmung er endlich begreift: desillusioniert.
2
Dienstag im Morgengrauen, Nizza
Fast drei Uhr morgens. Die Nacht ist kalt, duftend und still auf der Promenade des Anglais, für manche eine der schönsten Straßen der Welt. Durch das große Portal des Palais de la Méditerranée verlässt ein Paar die Spielsalons des Casinos. In der Ferne das Geräusch eines anfahrenden Motorrads. Das Paar bleibt im Schutz der hohen Arkaden stehen, die die monumentale Fassade tragen, bombastisches Pappmaché-Dekor, geprägt vom Geist der Dreißigerjahre. Ein Page in Uniform eilt auf den Mann zu. Der stattliche Fünfziger, breite Schultern, massige Gestalt in dezentem dunklem Anzug, gibt ihm seine Wagenschlüssel. Der Page entfernt sich in Richtung Parkplatz. Die junge Frau im hellen, tief ausgeschnittenen Kleid schaudert, als die Kälte sie packt, in den Hügeln des Hinterlands hat es geschneit. Das Brummen eines näherkommenden Motorrads, verborgen hinter den Blumenkübeln, die die Arkaden und den Eingang des Palais vom Bürgersteig der Promenade trennen. Der Mann wendet sich seiner Begleiterin zu, die lächelt, hilft ihr eine bunte Kaschmirstola auf ihren Schultern zurechtzuziehen. Der Page verschwindet um die Hausecke. Das Motorrad hält vor dem roten Teppich, der bis zu den Eingangstüren reicht, der Mitfahrer steigt vom Sozius, bringt sich, ohne den Helm abzunehmen, dem Paar gegenüber in Stellung, nimmt eine stabile Position ein, breitbeinig, hebt eine Pistole mit beiden Händen auf Augenhöhe und schießt. Eine Kugel, der Körper des Mannes zuckt, seine Hand krallt sich in das Schultertuch seiner Begleiterin, zwei, drei, vier Kugeln hintereinander, der Körper des Mannes, die Hand an die Stola geklammert, fällt in Zeitlupe, das Blut spritzt stoßweise, das Gesicht der Frau, ihre nackten Schultern, ihr helles Kleid sind blutüberströmt, ein, zwei, drei, vier weitere Schüsse in Folge, die Frau steht starr, offener Mund, ohne einen Schrei. Der Mann liegt am Boden. Der Mörder jagt noch zwei Kugeln auf den leblosen Körper. Ende der Operation. Er schiebt seine Waffe unter dem Blouson ins Achselholster, berührt dabei mit dem Lauf der Waffe seine linke Brust, brennender Schmerz, er liebt diesen Schmerz, Kontraktion der Bauchmuskeln, Erregung, heftige Lust, er fühlt sich lebendig, sehr lebendig. Er steigt auf das Motorrad, das mit Vollgas davonrast. Die Frau fällt in Ohnmacht, in die Blutlachen, die den roten Teppich tränken, den weißen Marmorboden besudeln.
Die Szene hat keine zwanzig Sekunden gedauert.
Der Page kommt vom Parkplatz zurückgerannt, die Angestellten stürmen aus dem Palais, schreien, laufen unter den Arkaden auseinander, die letzten Kunden flüchten zum nahe gelegenen Strand. Dann nähern sich Blaulichter und heulende Sirenen, Polizeiautos, gefolgt von Krankenwagen. Polizisten und Sanitäter machen sich an die Arbeit inmitten einer Szene hysterischer Panik vor diesem Operettenbühnenbild.
Während die Polizisten versuchen, alle potenziellen Zeugen des Attentats zu beruhigen und in einem der Spielsalons zu versammeln, stellt ein Arzt den Tod des Mannes fest, der von Kugeln durchsiebt am Boden liegt, die Leiche wird mit einer Plane zugedeckt, die Polizei sperrt den Tatort ab, der Notarzt kümmert sich um die junge Frau, die immer noch bewusstlos ist. Niemand weiß, ob sie verletzt ist, ob das Blut, mit dem sie bedeckt ist, ihr eigenes ist oder das des Toten, man transportiert sie ins Krankenhaus. Ein Polizist mit dem Auftrag, so bald wie möglich ihre Zeugenaussage aufzunehmen, fährt im Krankenwagen mit.
Nach gründlicher Untersuchung, bei der nicht eine einzige Verletzung festzustellen ist, einer Beruhigungsspritze und einer heißen Dusche wird die junge Frau in einem Zimmer untergebracht, wo sie die Fragen des Polizisten notdürftig beantwortet. Sie heißt Emily Frickx, amerikanische Staatsbürgerin. Sie verbringt ihren Urlaub in der Region, ihr Ehemann Michael Frickx hat in Saint-Jean-Cap-Ferrat ganzjährig eine kleine Villa gemietet. Ihr Hauptwohnsitz ist Mailand, wo ihr Mann sein Büro hat. Er leitet die europäische Niederlassung von Co Trade, einem Handelsunternehmen für Rohstoffe mit Firmensitz in New York. Nein, zurzeit ist er weder in Cap noch in Mailand, sondern auf Geschäftsreise durch südafrikanische Minen. Ja, man kann ihn bestimmt erreichen, aber das ist nicht einfach, sie weiß nicht, wo er sich gerade aufhält, und nicht überall gibt es Telefon. Man muss es über das Büro der Südafrikanischen Minengesellschaft in Johannesburg versuchen, dort weiß man immer, wo man ihn über Funk kontaktieren kann. Ja, sie kennt den Mann, der an ihrer Seite erschossen wurde, er heißt Maxime Pieri. Er hat mit ihrem Ehemann regelmäßig geschäftlich zu tun. Sie hat ihn übrigens in dessen Büro in Mailand kennengelernt. Sie glaubt, er arbeitet und wohnt in Marseille, aber sicher ist sie sich nicht. Er ist eher ein Bekannter als ein Freund. Gestern hat sie ihn zufällig in einer Kunstgalerie in Villefranche getroffen, die sie regelmäßig besucht. Und er hat sie zum Abendessen in den Palais de la Méditerranée eingeladen. Ja, es war das erste Mal, dass er sie zum Essen eingeladen hat. Es war ein sehr netter Abend. Sie haben sich lange unterhalten, hauptsächlich über zeitgenössische Kunst. Pieri wirkte interessiert, er hat viele Fragen gestellt. Nein, er war weder angespannt noch besorgt. Sie haben getanzt, ein paar ruhige Tänze, und im Casino ein bisschen gespielt. Er war im Begriff, sie nach Hause zu fahren, zu ihrer Villa, bevor er nach Marseille zurückfuhr oder in Nizza übernachtete, sie weiß es nicht, sie haben darüber nicht gesprochen. Als sie die Erschießung schildert, überkommt sie ein nervöses Zittern.
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