Die verbesserte Staatskontrolle des öffentlichen Raumes ist auch der Hintergrund für die im modernen Europa allgemein übliche juristische Situation, den privaten Besitz schlagkräftiger Waffen einzudämmen und möglichst zu kontrollieren. Sind auf diesem Gebiet auch längst keine idealen Verhältnisse erreicht, so gilt doch für Europa im Friedenszustand der Grundsatz: Bewaffnete auf den Straßen gehören zum Militär und zur Polizei; Waffenträger außerhalb dieser Gruppen haben eine Lizenz (z. B. als Gebäudeschützer oder Leibwächter) – oder sind Kriminelle. Es ist jedenfalls üblicherweise nicht zu erwarten, dass viele bewaffnete Zivilisten die Straßen bevölkern. In früheren Zeiten war das durchaus anders, auch im Altertum.
Eine weitgehende Sicherheit des öffentlichen Raumes in den Städten Europas wird nur durch das Phänomen beschränkter Gefahrenräume beeinträchtigt: In manche Viertel oder Straßen geht man nachts besser nicht oder nur vorsichtig. Das ist freilich kein neues Phänomen und gilt vor allem nur für einen kleinen Teil des menschlichen Lebensraumes. In all den Jahrhunderten zuvor – und das gilt auch für das Mittelalter und das Altertum – war man prinzipiell in Gefahr, wenn man nur das eigene Haus verließ.
Innere Sicherheit ist auch eine Frage der Wahrnehmung. Die moderne Demoskopie liefert dafür Momentaufnahmen. Zwischen 2006 und 2016 erhöhte sich beispielsweise in Deutschland die Furcht vor einem Verbrechen von 33 % auf 51 %; zu gleichen Zeit gaben 30 % der befragten Männer und sogar 56 % der Frauen an, es gäbe Gebiete, in die sie sich nachts nicht allein zu gehen trauten. Das gestiegene Gefühl der Unsicherheit im öffentlichen Raum ließ sich für Deutschland im Jahr 2016 nicht durch Zahlen von Gewaltverbrechen wie Mord und Körperverletzung belegen; entscheidend waren die zunehmenden Eigentumsdelikte (Einbrüche, Diebstähle) und das vermehrte Unsicherheitsgefühl in Folge der massiven Zuwanderungen aus dem Vorderen Orient und aus Afrika.
Als Höhepunkt der Räuberbanden in Deutschland gilt das halbe Jahrhundert zwischen 1770 und 1815, welches zugleich die hohe Zeit der deutschen Literatur und Musik war. Mozart und Beethoven, Goethe und Schiller, sie alle erlebten eine Blütezeit der deutschen Räuberbanden, verursacht durch den politischen Niedergang des Ancien Régime, die Revolution in Frankreich, das Ende des Heiligen Römischen Reiches, die Niederlagen Österreichs und Preußens gegen Napoleon und die Freiheitskriege. Friedrich Schiller hat das Räuberthema selbst direkt aufgegriffen.
Ein Grundmotiv für das Entstehen von Räuberbanden war die simple Not, und diese konnte ganz verschiedene Gründe haben. Die soziale Bedrängnis mag mit dem Ende des Ancien Régime und in Folge der Französischen Revolution etwas nachgelassen haben, weiter zurück ging sie aber erst im Laufe des 19. und des 20. Jhs. Ein anderer Grund sind die Hungersnöte, beispielsweise jene von 1816/1817, die auf den verheerenden Vulkanausbruch des Tambora in Indonesien im April 1815 folgten.
Die Geschichte der inneren Sicherheit eines Staates ist nicht in jedem Falle mit einer Geschichte der Kriminalität identisch, doch berühren sich die Felder weitgehend. Vor allem die Sozialstruktur ist dabei zu beachten. Im merowingischen Frankenreich des beginnenden Mittelalters waren das Königshaus und die Oberschicht notorisch brutal und dadurch waren sie für Notleidende kein nacheifernswertes Vorbild für ein sozial verträgliches Verhalten.
„Staat soll ein politischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und insoweit sein Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt“
Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 1922
Der Anspruch, dass der Staat dazu verpflichtet sei, für alle Menschen einen sicheren Raum außerhalb ihrer Privatsphäre zu schaffen, ist eine rezente Erscheinung unserer Gegenwart seit der Mitte des 19. Jhs. Dass dieses Ziel allerdings jederzeit durch Naturkatastrophen, Tumulte, politische Umstürze, unkontrollierte Massenzuwanderungen und soziale Abstiege ganzer Gemeinden ad absurdum geführt werden kann, bedarf keiner Beispiele. In allen historischen Epochen vorher stand – bei allen Unterschieden im Detail – die Selbsthilfe der Privatperson im Vordergrund. Die Regierenden, welcher Art auch immer, hatten den Schutz vor dem äußeren Feind im Auge, nicht den vor dem Verbrecher nebenan. Das galt auch für die Staaten des Altertums, und dem unter ihnen mächtigsten, dem Reich der Römer.
KAPITEL 1
Wer durfte im antiken Römerreich Waffen tragen?
Das historische Stichwort: Securitas – Sicherheit
Die öffentliche Sicherheit hatte im kaiserzeitlichen Rom eine eigene Personifikation: Securitas. Damit war nicht die körperliche Sicherheit im öffentlichen Raum gemeint, sondern die gesellschaftliche Sicherheit und Stabilität eines gefestigten Staatswesens mit gesellschaftlichem Konsens. Als symbolische Frauenfigur ist Securitas auf Münzen seit Nero (54 – 68 n. Chr.) bekannt (Abb. 2) und sie ist noch in der Spätantike des 4. Jhs. in dieser Form zu finden. Dass Angst als Ausdruck der Bedrohungen in Politik und Gesellschaft und als Gegenpol zur Securitas keine Rolle mehr spielte, ist selbst für den Blickwinkel der aristokratischen Oberschicht nicht anzunehmen. Die Sorge vor einem äußeren Feind verkörperte die seit dem 4. Jh. v. Chr., seit der Niederlage an der Allia, sprichwörtliche Angst vor den Galliern, die Keltenangst (Metus Gallicus). In den Punischen Kriegen kam die Angst vor Karthago (Metus Punicus) als zweiter großer Komplex hinzu, der aber weniger dauerhaft als der Metus Gallicus war. Dieser erhielt durch die Cimbern und Teutonen und die Übertragung auf die Germanen eine bis in die Kaiserzeit dauernde Nahrung.
In den Bürgerkriegen wurde seit den Gracchenkonflikten des späten 2. Jhs. v. Chr. und besonders seit den blutigen Gewalttätigkeiten unter Sulla (88 v. Chr.) die Furcht vor dem innenpolitischen Gegner ein bestimmendes Element der römischen Politik. Caesar, wie auch sein politischer Erbe Octavian, hatten bei ihren militärischen Aktionen in der Hauptstadt mit dieser Sorge zu rechnen. In späteren Quellen (Appian, Cassius Dio) wurde ihnen dann zugeschrieben, dass es ihnen gelungen sei, diese Angst der Menschen zu beseitigen. Wenn bei den antiken Historikern die Furcht als Teil des Lebens beschrieben wurde, dann handelte es sich nicht um die Angst vor Überfällen auf den Straßen, sondern um die Furcht als Teil des politischen Lebens und der bedrohlichen Situationen im Zusammenspiel der römischen Oberschicht mit dem Herrschaftssystem des Kaisertums.
Abb. 2
Securitas – Sicherheit. Münzprägung des Jahres 65 n. Chr. mit der Propagierung der Securitas Augusti, der Sicherheit des Kaisers Nero. Securitas sitzt im Habitus einer Göttin auf einem Thron. Zu ihren Füßen ein Altar mit brennender Flamme und daran gelehnt eine brennende Fackel. Berlin, Münzkabinett.
Mit dem Begriff der Sicherheit war also keineswegs der öffentliche Raum im Sinne einer Polizeikontrolle der Verkehrswege gemeint. Securitas war die Sicherheit des nach den Bürgerkriegen von Augustus neu gefestigten Staatswesens. Der in der Zeit des Tiberius schreibende Historiker Velleius Paterculus zählt unter den Wohltaten des Augustus für den Staat ausdrücklich auf, dass er den Menschen die Sicherheit (securitas hominibus) wiedergegeben habe. War dies eine allgemeine Würdigung, so stellte die erste Münzedition der Securitas Augusti einen anderen Aspekt in den Mittelpunkt. Gefeiert wird die Sicherheit der Position und der Person des Kaisers als ersten Mannes im Staate (Princeps), und zwar mit einem stillschweigenden Bezug auf das Scheitern der Pisonischen Verschwörung vom Jahre 65 n. Chr. Diese Münze, vom Senat herausgegeben (Abb. 2), implizierte eine für die Zukunft dauerhafte Übereinstimmung der Interessen des Kaisers und jener der Senatsaristokratie. Dieses Ziel wurde zwar von den Gewaltherrschaften Neros und Domitians verfehlt, kehrte aber in den Münzprägungen der jeweiligen Nachfolger Galba und Nerva wieder. Mit einer Securitas Augusti war nach Neros Tod die Securitas populi Romani (Sicherheit des Römischen Volkes) verbunden, was einen Ausgleich des Kaisers mit der Senatsnobilität umfasste.
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