Entschlossen packte ich das Handy wieder ein. Bevor ich mich aber auf den Weg zu meinem Rad machte, kontrollierte ich gewissenhaft die Wurzel. Ich wollte nicht, dass fremde Menschen mein Geheimnis entdeckten. Zufrieden stellte ich fest, dass der Mechanismus sich selbstständig hinter mir geschlossen hatte.
Beruhigt stapfte ich durch den Sand. Die Luft war ziemlich abgekühlt und vom Meer her wehte ein frischer Wind – lächelnd dachte ich an den Staub –, der eine Gänsehaut über meine Arme wandern ließ. Ich beschleunigte meine Schritte, sodass ich innerhalb weniger Minuten an der Wegbiegung eintraf. Gott sei Dank – mein Rad lehnte noch am Zaun! Erleichtert seufzte ich auf, schnallte mir den Helm fest, schwang mich auf den Sattel und trat kräftig in die Pedale. Zu meiner großen Freude war der Damm um diese Uhrzeit so gut wie menschenleer, wodurch ich ungestört mein zügiges Tempo beibehalten konnte.
Als ich Koserow erreicht hatte, machte ich den großen Fehler, mich für den Waldweg zu entscheiden. Ich war so schon erledigt genug, da hätte ich mir diese elenden Berge wahrlich ersparen können. Genau genommen nicht nur die Berge.
Gerade als ich mich den letzten hinaufquälte – natürlich nicht in besonders hohem Tempo – begegnete mir die Schupanirak. Meine gute Laune versteckte sich augenblicklich hinter einer Wand aus Ablehnung.
„Hallo, Cornelia!“, rief Frau Schupanirak euphorisch. Am liebsten wäre ich einfach weitergefahren, aber in dem Versuch auch einmal höflich zu sein, hielt ich an. „Abend.“
„Was treibst du denn zu dieser späten Stunde noch hier?“ Das Gleiche könnte ich Sie fragen! „Hatte was zu erledigen.“ „Ach so, ach so, vielbeschäftigt die Jugend von heute, ja ja. Nun, heute ist übrigens der 11. Juli, weißt du, was an diesem Tag alles passiert ist?“ Ich wette, Sie wissen auch nicht alles. „Nein, meine Geschichtslehrerin muss wohl versäumt haben, das in ihrem außerordentlich brillanten Unterricht anzubringen!“ Frau Schupanirak verzog das Gesicht, Vorwurf lag in ihrem Blick. „Du magst es kaum für möglich halten, doch ich erkenne Ironie, liebe Cornelia!“ „War aber keine“, gab ich zurück und dachte bei mir, dass ‚Sarkasmus‘ der treffendere Ausdruck war. Erstaunlicherweise überging Frau Schupanirak die Bemerkung, indem sie sagte: „Nun, im Jahre 1789 war der 11. Juli aufgrund der Entlassung des Finanzministers Jacques Necker durch Ludwig den XVI. ein wichtiger Tag in Hinblick auf die folgende Französische Revolution.“ „Das ist alles? Scheint ja ein ziemlich ereignisarmer Tag zu sein, und das, obwohl er mitten in einer Revolution lag … “ Mir war durchaus bewusst, dass das etwas provokant war, doch ich war das quälende Geschichtsgeschwafel einfach leid. Frau Schupanirak räusperte sich umständlich, bevor sie verkündete: „Ich verbitte mir diese Frechheiten, auch in den Ferien!“ „Ich verbitte mir Ihre Geschichtsvorträge, besonders in den Ferien!“ Nun blieb ihr tatsächlich einen Moment lang die Luft weg, bevor sie mit übertrieben gesenkter Stimme drohte: „Du weißt, dass ich es nicht weit habe, wenn ich einmal mit deinem Vater sprechen möchte!“ Vermutlich wäre das der richtige Moment zum Einlenken, für eine Entschuldigung gewesen, doch ich wollte ihr diesen Triumph nicht gönnen. „Je schneller Sie da sind, desto eher wird er Ihre Hoffnungen auf Zustimmung zerstören.“
Das war Quatsch, er legte viel Wert auf seine gute Erziehung – zu viel –, aber darum konnte ich mich später kümmern. Ohne ein Wort der Verabschiedung ließ ich Frau Schupanirak einfach stehen. Wenn ich es auch nur ungern zugab, hatte mir die kurze Pause doch insofern geholfen, als dass ich nun etwas schwungvoller den Rest der Strecke zurücklegte. Binnen weniger Minuten stieß ich die Haustür auf. „Cornelia?“, rief Janis von oben. „Bist du es?“
„Ja! Moment, ich bin gleich da!“ Hastig eilte ich in mein Zimmer, stellte meine Sachen ab und lief hinüber zu Janis. „Wo warst du denn? Mama und Papa haben sich schon Sorgen gemacht. Na ja, ich ehrlich gesagt auch.“ Mein Bruder blickte mich mit großen Augen an, während er leicht errötete. „Mh, tut mir leid. Ich hab einfach die Zeit vergessen, verstehst du? Wo sind Mum und Dad denn jetzt?“ „Ja, die sind mit irgendwelchen Bekannten bei Kelch’s drüben. Ich glaube, es geht um David.“
„Bei Kelch‘s?“
„Na, Karlsstraße, Dornhaisuppe, Seezunge, sympathische Kellnerin … “
„Ja ja, schon klar. Ich meine, wegen Nachhilfe?“ Als ob es auf unserer Insel Personen geben konnte, die mit Kelch‘s Fischrestaurant nichts anzufangen wussten! Janis nickte. „Auch. Aber genauso allgemein … Erziehungsprobleme eben.“ „Schwänzen, Alkohol?“
„Sie haben Zigaretten in seinem Zimmer gefunden.“ Ich runzelte die Stirn. Was um alles in der Welt dachte David sich dabei? „Ist er zu Hause?“ „David? Ja, der hat doch Hausarrest. Wegen gestern, da war schon wieder Party bei Maik.“ „Oh. Okay. Meinst du, wir beide können ihm irgendwie helfen?“ „Du kannst ja mal mit ihm sprechen. Ich finde, dir sollte er vertrauen.“ Gut, einen Versuch war es wert. Wenn es zwecklos war, kostete es mich sowieso höchstens fünf Minuten, also warum nicht? Ich begab mich nach nebenan in Davids Reich. „Hi, David.“ „‘n Abend.“ David saß, wie nicht anders zu erwarten, in seiner typischen Zockerhaltung vor der Playstation. Sein Gesicht war verkrampft, während er augenscheinlich in einem ultragefährlichen Kriegsgeschehen mitmischte. „Du bist Skater und Fußballer.“
„Das weiß ich selbst, was willst du?“ „Sportler rauchen und saufen nicht.“ „Leck mich.“ „Aber einen Schulabschluss brauchen sie … “ „Hau ab!“
Seufzend lehnte ich mich gegen den Türrahmen. „Du bist doch süchtig nach dem Kram.“ „Laber keinen Scheiß. Mir geht’s super. Ich zocke nur den ganzen Tag, weil ich zum Skaten und so eben rausgehen müsste, klar?“ „Wenn du lieber skaten würdest, wie wäre es dann, einmal zu überlegen, warum du es nicht darfst?“ „Jetzt verpiss dich endlich!“, knurrte David, während er drei Gegner auf einmal niederstreckte. Diesmal harrte ich nicht länger aus, sondern zog mich in mein Zimmer zurück, nachdem ich Janis den Misserfolg gemeldet hatte. Einen Moment lang lehnte ich unentschlossen am Fensterbrett und starrte hinaus in die Dunkelheit. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich noch nicht bereit, das Erlebte niederzuschreiben. Doch ebenso wenig hatte ich Lust auf ein spannendes Buch. Stattdessen schlüpfte ich in meine Heimsportsachen und machte es mir auf der Rudermaschine bequem. Dad riet uns stets von Sport am Abend ab, aber eine Runde auspowern war jetzt genau das, was ich brauchte. Einfach mal abschalten. Ich startete das mittelschwere Programm. Nach meinem Trainingsstand sollte ich zwar längst auf der höchsten Stufe rudern, doch ich war schließlich immer noch ein Mädchen, kein Bodybuilder, und nutzte das Gerät lediglich zum Spaß.
So auch jetzt. Und Spaß hatte ich dabei wirklich. Meine gesamte Konzentration war auf die gleichmäßigen Ruderschläge gerichtet, alle störenden Alltagskonflikte blendete ich rigoros aus. Es war beinahe 23 Uhr, als ich erschöpft die Arme sinken ließ. Nun war es genug der Anstrengung für einen Tag! Am liebsten hätte ich mich sofort ins Bett geworfen, allerdings spürte ich, dass mein Magen damit absolut nicht einverstanden war.
Ich überlegte. Etwas Herzhaftes sollte es sein, nicht zu wenig, nicht zu viel, in spätestens 15 Minuten fertig. Da würde ich im Kühlschrank nichts finden. Aber der Bäcker an der Ecke, dessen Inhaber gerade gewechselt hatte, bot doch 24 Stunden am Tag Fischbrötchen an!
Eilig spritzte ich mir kaltes Wasser ins Gesicht und unter die Achseln, warf meine Jacke über und marschierte los. Die Luft war nächtlich kühl, was ich in diesem Moment sehr zu schätzen wusste. Nicht nur die Frische genoss ich während meines kleinen Spaziergangs, sondern auch die wohltuende Klarheit. Hm, Seeluft! Ich würde ihrer niemals leid werden.
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