mitfühlende seelisch-emotionale Begleitung: Liebe, Hoffnung, Beistand im Sterben
mentale Bearbeitung der Situation, der Lebensgeschichte: Wahrhaftigkeit
Besprechung metaphysischer Fragen: Spiritualität
Ordnen von Beziehungen, „letzten Dingen“: Familie, Freunde, Soziales27
das Bedürfnis nach Wertschätzung und Respekt
das Bedürfnis nach Autonomie und Entscheidungsfähigkeit
das Bedürfnis nach Sicherheit
das Bedürfnis nach Zugehörigkeit28
Ratschläge eines Sterbenden
Donnerstag, 8. 12. 2005, 20.10 Uhr
Lass mich in den letzten Stunden meines Lebens nicht allein. Bleibe bei mir, wenn mich Zorn, Angst, Traurigkeit und Verzweiflung heimsuchen und hilf mir zum Frieden zu gelangen. Denke nicht, wenn du ratlos an meinem Bette sitzt, dass ich tot sei. Ich höre alles was du sagst, auch wenn meine Augen gebrochen scheinen. Das richtige wäre mir etwas zu sagen, das es mir nicht schwerer, sondern leichter macht mich zu trennen. So vieles, fast alles, ist mir jetzt nicht mehr wichtig. Ich höre, obwohl ich schweigen muss und nun auch schweigen will. Halte meine Hand. Ich will es mit der Hand sagen. Wisch mir den Schweiß von der Stirn. Streiche mir die Decke glatt. Wenn nur noch Zeichen sprechen können so lass sie sprechen. Dann wird auch das Wort zum Zeichen. Und ich wünsche mir, dass du beten kannst. Klage nicht an, es gibt keinen Grund. Sage Dank. Du sollst von mir wissen, dass ich der Auferstehung näher bin als du selbst. Lass mein Sterben deinen Gewinn sein. Lebe dein Leben fortan etwas bewusster. Es wird schöner, reifer und tiefer, inniger und freundlicher sein als es je zuvor war, vor meiner letzten Stunde, die meine erste ist. 29
Die Bedürfnisse älterer Menschen am Lebensende
Im „Lehrbuch Palliative Care“ wird darauf hingewiesen, dass alte Menschen eindeutig besondere Bedürfnisse haben, weil ihre Probleme anders und oft komplexer sind als die jüngerer Menschen. Aus qualitativen Interviews konnten folgende Kernthemen identifiziert werden:
das Bedürfnis nach Schmerz- und Symptomkontrolle
das Bedürfnis, über den Tod zu sprechen
das Bedürfnis nach angemessener Aufklärung
das Bedürfnis, das Ausmaß der medizinischen Interventionen mitzubestimmen
das Bedürfnis nach Begleitung im Sterben
das Bedürfnis, Sterbezeit und Sterberaum zu gestalten oder an der Gestaltung teilzuhaben. 30
Physische und psychische Beschwerden sterbender Menschen
Sterbende Menschen können an verschiedenen, teilweise sehr quälenden Symptomen, leiden. Häufige Beschwerden sind: · Schmerz
Schwäche
Appetitlosigkeit
Obstipation, Übelkeit, Erbrechen
Schluckbeschwerden, schmerzender Mund
Atemnot
Husten
Schlafstörungen
Verwirrtheit31
Schmerz ist nicht gleich Schmerz
Nimmt man von der vorangegangenen Aufzählung das Wort Schmerz heraus, um es näher zu betrachten, ergibt sich beim Nachschlagen in der relevanten Literatur, dass es viele Arten von Schmerz gibt, wobei stets zu bedenken ist, dass jeder Schmerz subjektiv empfunden wird. Es wird unterschieden zwischen akuten und chronischen Schmerzen. Man weiß heute, dass es eine Schmerzschwelle, ein Schmerzgedächtnis und eine unterschiedlich hohe Schmerztoleranz gibt und auch, dass Schmerz nicht nur den Körper betreffen kann. Bei physischen Schmerzen unterscheidet man je nach Ausgangspunkt zwischen somatischen (den Körper betreffenden), viszeralen (von den Eingeweiden ausgehenden) und neurogenen (von den Nerven ausgehenden) Schmerzen. Bei „nicht-körperlichen“ Schmerzen findet man die Unterteilung in psychischen, sozialen, kulturellen und spirituellen Schmerz.
Manchmal ist nur eine der genannten Schmerzdimensionen betroffen, aber oft tauchen die verschiedenen Schmerzen gleichzeitig auf, wirken aufeinander ein und bedingen dadurch die Intensität des empfundenen Schmerzes. Schmerzen sind lebensnotwendige Alarmgeber zum Selbstschutz des Organismus. Obwohl Schmerz ein allgegenwärtiges Phänomen ist, entzieht es sich einfachen und eindeutigen Definitionen. Er lässt sich zunächst, rein psychologisch, als Sinneswahrnehmung beschreiben, als Wahrnehmung, dass der Körper Schaden nimmt oder zu nehmen droht. Schmerz ist aber nicht nur eine reine Sinneswahrnehmung, hinzu treten emotionale und bewertende Elemente, die den Schmerz z. B. als bedrohlich oder quälend, bedeutend oder nebensächlich einordnen und den Umgang mit ihm bestimmen. Schmerz ist ein psycho-physisches Erlebnis, in das persönliche Schmerzerfahrungen und der soziale, ökonomische und kulturelle Hintergrund einfließen. Daher ist Schmerz ein individuelles Ereignis, das nur bedingt mitteilbar ist. Außerdem zeigt die klinische Erfahrung, dass Schmerzen auch ohne (drohende) Gewebeschädigung auftreten können. Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit aktueller oder potentieller (möglicher) Gewebeschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird. (Definition der Internationalen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes). 32
Gibt es einen Schmerz, ein Problem, das stärker im Zentrum der Frage nach der eigenen Existenz steht als das Sterbenmüssen? Gibt es eine Schmerztherapie, eine Befreiung, eine Lösung für das Sterbenmüssen – angesichts des Todes? Und kann deshalb das Wissen oder Ahnen um das Sterben nicht viele der vorher verfügbaren Bewältigungsmöglichkeiten rauben oder angesichts der physischen Realität von Krankheit, Schwäche, Verstümmelung und Müdigkeit entmachten? 33
Total Pain
Jeder Schmerz ist eine subjektive Wahrnehmung, ein unterschiedlich erlebtes Gefühl, das aus verschiedenen Ebenen und Dimensionen besteht, die sich summieren und gegenseitig beeinflussen im Sinne des „totalen Schmerzes“ – Total Pain.34
Total Pain umfasst das Abschiednehmen des schwer kranken und sterbenden Menschen von seiner Umwelt, seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und seiner eigenen, bisher erlebten Personalität. Dies kann zu heftigen Gefühlsreaktionen führen, die nicht im Rahmen einer herkömmlichen Schmerzbehandlung und/oder Psychotherapie anzugehen ist. 35
In Hospizen und auf Palliativstationen ist die Linderung der teilweise enorm belastenden körperlichen Beschwerden ein wesentlicher Bestandteil der Betreuung der sterbenden Menschen. Jede Maßnahme wird auf ihre Notwendigkeit geprüft, um die Kranken nicht unnötig zu belasten. Ebenso erfolgt die Pflege individuell, sie richtet sich also stets nach den Bedürfnissen der Patienten.
Manchmal werden Schmerzen so bedeutend, dass sie das ganze Leben des Kranken bestimmen. 36
In meinem privaten und beruflichen Umfeld mache ich immer wieder die Erfahrung, dass Schmerzen das Verhalten von Menschen stark beeinflussen und verändern können. Dies ist bestimmt eine Beobachtung, die jeder Mensch an sich selbst und in seinem Umfeld machen kann. Ich selbst benehme mich schon anders, wenn mich kleine, lästige „Wehwehchen“ plagen. Als ich einmal viele Monate lang ernsthaft krank war, war ich manchmal wütend, manchmal traurig, oft sehr müde und meist zog ich mich zurück und wollte in Ruhe gelassen werden. Diese Gefühlsschwankungen und den Rückzug konnte ich auch schon bei vielen meiner Patienten beobachten.
Univ.-Doz. Franz Schmatz schreibt in einem seiner Bücher zum Thema „Menschen mit Schmerzen“ folgendes: Menschen mit Schmerzen sind unangenehm. Weil sie ihre Umgebung herausfordern und unsicher werden lassen, landen sie oft in der Vereinsamung. Auch der schmerzerfüllte Mensch selber gerät in eine sonderbare Rolle: es schwinden Konzentration, Leistungskraft, Interesse und Stärke und alles erscheint ungewohnt, belastend, kraftlos und resignativ. Oft stellen sich Wut auf den eigenen Körper, Neid auf die Gesunden und ohnmächtige Peinlichkeit ein. Da Menschen mit Schmerzen mit ihrer neuen Situation noch überhaupt nicht umgehen können und es auch die Umgebenden nicht schaffen, entstehen oft Distanz, Rückzug, Isolation und Abwehrhaltungen. Es ist ein Zeichen von Hoffnung, dass die Schmerzbekämpfung nach langem Zögern auch bei uns besser und effektiver wird. Aber ebenso wichtig, ja voraussetzend ist es notwendig, Menschen in ihrem Schmerz, mit ihrem Schmerzerleben ernst zu nehmen und sie in der durch den Schmerz geänderten Situation abzuholen. Niemand hat das Recht, anderen den Schmerz abzusprechen, Schmerzen zu bagatellisieren oder auszureden. Der sich selbst fremd und der Umgebung unangenehm gewordene leidende Mensch braucht es, in der eigenen Not wahrgenommen zu werden. Das gilt nicht nur für Sterbende, sondern in allen Phasen und Situationen des Lebens. 37
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