Großmutter lächelte kurz. Dann wurde sie wieder streng. Ich mache das nicht, damit du dich mit meinen Befindlichkeiten beschäftigst. Du sollst darauf achten, wie ich die Pforten öffne und schließe. Ich zeige es dir noch einmal. Dann versuchst du es selbst.
Okay. Entschuldige.
Ich hielt nur noch einen kleinen Teil meiner Aufmerksamkeit beim Fliegen – es war dunkel genug, einsam genug, die Richtung lag auch fest – und konzentrierte mich auf den Prozess, den Großmutter mir demonstrierte. Zuerst bemerkte ich nichts. Dann löste sich mit so großer Geschwindigkeit eine Art Nebel vor mir auf, dass ich es fast nicht mitbekommen hätte. Plötzlich erkannte ich wieder Gedanken und Gefühle von ihr, auch Körperempfindungen konnte ich feststellen. Ich verbot mir, meiner Neugier stattzugeben und die Informationen aufzunehmen. Blieb auf den Öffnungsprozess konzentriert. Blitzschnell bildete sie den Nebel wieder, und ich stand vor einer Wand. Besser gesagt, ich konnte nichts mehr wahrnehmen. Konnte nicht einmal mehr erkennen, dass da eine Barriere war. Es wirkte tatsächlich wie nichts, wie – unsichtbar. Ich hatte nur noch meine Erinnerung an das Wahrgenommene als Beweis. Beeindruckend. Und das sollte ich jetzt nachmachen? Ich bezweifelte, dass ich schon verstanden hatte, was zu tun war. Egal. Ich musste es versuchen. Sie hatte ausgewählt, das hatte ich beim ersten Mal schon bemerkt. Also konzentrierte ich mich auf das, was ich zeigen wollte. Erst einmal nur Gedanken, das reichte bestimmt für den Anfang. Den Rest verbarg ich in meiner Vorstellung in einer großen Hülle aus Nebel. Er bildete sich erst schleierartig, dann wurde er dichter, bis ich zum Schluss das Gefühl hatte, jetzt sei er undurchdringlich.
Und, fragte ich sie, was erkennst du?
Du machst dir Gedanken über unsere Strecke. Wo wir uns verbergen werden, wenn es hell wird, wie viele Zwischenstopps wir haben werden, wie es in den Bergen sein wird.
Und sonst noch?
Mehr nicht.
Wow. Ich hatte es auf Anhieb geschafft. Sie konnte nur das erkennen, was ich ihr zeigen wollte! Wie cool war das denn!
Sehr cool, lachte sie.
Hey, das hättest du gar nicht hören sollen!
Tja, Elli, der Nebel ist leicht gebildet, doch du musst ihn auch halten. Du musst immer mit einem Teil deiner Aufmerksamkeit dabei bleiben, sonst entstehen Löcher. Mach sie wieder zu.
Leicht gebildet? Von wegen. Aber gut, vielleicht wurde es ja einfacher mit der Zeit.
Es wird einfacher.
Was? Mist!
Fokussiere dich!
Okay, entschuldige.
Entschuldige dich nicht dauernd, das lenkt ab.
Okay, ent- Himmel!
Ich konzentrierte mich erneut und schloss die Lücken. Dann überprüfte ich meinen Gesamtzustand. Ein Teil der Aufmerksamkeit beim Fliegen, ein Teil beim Nebel, ein Teil bei der Frage, die ich Großmutter als Nächstes stellen wollte. Ich hatte zu tun.
Stell deine Frage, forderte sie mich auf.
Es war die Frage, die ich neunzehn Jahre mit mir herumgetragen hatte. Jetzt endlich war ihre Zeit gekommen.
Warum hast du mich damals verlassen? Ich war doch noch so –
Vorsicht, Elli, der Nebel wird dünn! Halte die Aufmerksamkeit! Lass dich nicht von deinen Emotionen ablenken!
Okay!
Ich verstärkte die durchsichtiger werdenden Stellen und brachte meinen Satz zu Ende: – so klein!
Großmutter schwieg. Die Zeit, die sie sich mit der Antwort ließ, nutzte ich, um noch einmal meine Nebelhülle zu überprüfen und sorgfältig zu verstärken. Das Gefühlschaos, das mit dieser Frage verbunden war, musste sie nicht mitkriegen. Unsere Verbindung war so innig wie damals, als ich drei Jahre alt gewesen war. Als ob nicht neunzehn Jahre dazwischen liegen würden. Umso weniger verstand ich, warum sie sich nicht offenbart hatte, als ich wieder in ihr Leben eingetreten war.
An unsere erste Begegnung konnte ich mich noch genau erinnern. In meinem ersten Semester hatte sie bei einer Veranstaltung an der Uni hinter einem Büchertisch gestanden. Dort waren eine Menge Bücher ausgelegt, die mich interessierten. Die ganze Pause hatte ich damit zugebracht, in verschiedenen Büchern zu blättern und mich mit ihr zu unterhalten. Nach der Veranstaltung war der Büchertisch weg gewesen. Sie hatte ihren Buchladen erwähnt, aber nicht die Adresse. Das Wenige, was ich bis dahin von ihr erfahren hatte, hatte mich fasziniert und ich war wild entschlossen gewesen, den Kontakt wieder aufzunehmen. Weil sie damals noch keine Internetseite hatte, musste ich alle Buchläden in der Stadt anrufen, bis ich endlich auf ihren Laden gestoßen war.
Bei meinem ersten Besuch war ich bis Ladenschluss geblieben und sie hatte mich auf einen Kaffee nach nebenan eingeladen. Von da an war ich mehrmals in der Woche in ihrem Laden, zum Schluss eigentlich täglich. Ich las viel, kaufte wenig, half ihr beim Einsortieren der Bücher und sprach mit ihr über alles, was mich bewegte. Außer über sie selbst. Jetzt begann ich zu verstehen, wie sie es geschafft hatte, meine Aufmerksamkeit an diesem Thema vorbeizulenken.
Der Verdacht, dass sie meine Großmutter sein könnte, war zuerst als Wunsch in mir erwacht. Genau so, hatte ich gedacht, wäre meine Großmutter gewesen, genau so hätte sie sein sollen. Irgendwann war die Frage in mir aufgetaucht, warum sie es denn nicht wirklich sein könnte. Ich hatte nach Indizien gesucht, die diese Annahme ausschlossen und keine gefunden. Leider hatte ich auch nichts gefunden, was die Annahme belegt hätte, außer unserer Vertrautheit und der Tatsache, dass das Loch, das seit Großmutters Weggang in mir existierte, beinahe verschwunden war. Nun aber, da ich die Frage gestellt hatte, kam all das wieder nach oben, was ich lange Zeit nicht mehr gefühlt hatte. Als kleines Kind hatte ich mir nicht vorstellen können, dass sie mich nicht liebte, und mir deshalb meine Geschichten um ihr Verschwinden ausgedacht. Als Teenager waren mir Zweifel gekommen. Ich hatte nicht mehr an diese Liebe glauben können und mir eingeredet, Großmutter sei mir so egal wie ich ihr. Als ich Frau Schmidt kennengelernt hatte, war die Sehnsucht wieder erwacht. Ich war wütend auf Großmutter gewesen und hatte ihr trotzig nachgerufen, dass ich jetzt jemanden gefunden hätte, der ihren Platz einnähme. Doch egal, wie ich gerade fühlte, hatte ich ihr immer vorgeworfen, dass sie mich verlassen hatte. Immer. Und tat es noch. Während ich versuchte, Wut, Zweifel, Trotz, Sehnsucht, Trauer und grenzenlose Liebe in meiner Nebelhülle in Schach zu halten, hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf.
Dein Vater, begann sie, hat schreckliche Dinge erlebt, als er klein war. Er gab sich die Schuld am Tod von Simón, seinem Vater, und weil er diese Last nicht ertragen konnte, machte er das Fliegen dafür verantwortlich. Er wollte nie mehr etwas damit zu tun haben, obwohl es zu uns gehört wie das Atmen. Schon vor deiner Geburt rang er mir das Versprechen ab, dich nicht einzuweihen. Doch je älter du wurdest, desto klarer wurde mir, dass es falsch war, dich mit dieser Lüge aufwachsen zu lassen. Wir durften dir diesen Teil deines Wesens nicht vorenthalten, so wenig wie dein Vater ihn für sich leugnen durfte. Er machte sich unglücklich damit, und du würdest ebenso unglücklich werden, ohne auch nur zu ahnen, warum. Mir war klar, dass dein Vater sich nicht umstimmen lassen würde, also fasste ich den Entschluss, mein Versprechen zu brechen und dich zu initiieren, wenn du weit genug warst. Mir war auch klar, dass dieser Schritt meine Beziehung zu ihm kosten konnte … An deinem dritten Geburtstag schlug ich einen Spaziergang in den Wald vor, um deine Initiation durchzuführen. Das ist gewöhnlich die Zeit, in der bei den Kindern das Fliegen beginnt. Ich warf dich in die Luft, so wie es meine Mutter mit mir gemacht hatte, und du flogst, als hättest du es schon immer gekonnt. Da wusste ich, dass ich das einzig Richtige getan hatte. Dein Vater hat mir nicht verziehen. Er hat mit mir gebrochen und von mir verlangt, mich von dir und deiner Schwester fern zu halten. Großmutter seufzte schwer.
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