Gertrud Wollschläger - Mai-Schnee

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Ein Parasit hatte sich in meine Gedanken eingenistet. 1972 war das, vor ziemlich genau 42 Jahren. Lange Zeit konnte ich gut mit ihm leben. Er war sozusagen zwar da, aber nicht wirklich mein Problem. Er meldete sich vor allem dann, wenn ich in die Gegend meiner Kindheit fuhr, um Verwandte und Freunde zu besuchen. Wenn ich nachfragte: Haben sie den Täter? Wenn ich ihre unglaubliche Wut erleben musste, die sie auf den Mörder des Mädchens hatten. Genaueres wussten sie nicht. Es gab viele Gerüchte. Das hartnäckigste und übelste – bis auf den heutigen Tag – wurde immer in gleicher Weise erzählt: Ja, man weiß, wer es war. Aber man will nicht, dass es herauskommt. Kann man sich das vorstellen? Zwölf Jahre alt war sie. Auf dem Heimweg von der Schule war sie. Erstochen wurde sie! Mit vielen Messerstichen …

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Es war jetzt schon ein Jahr her, dass man sie gefunden hatte, meine Freundin Sonja, womit das Schreckliche, Unfassbare über das kleine Dorf, ihre Familie, die Freunde und Nachbarn, über uns hereingebrochen war. Doch nichts ist besser geworden in dieser Zeit, die nur mühsam überdeckt wurde mit Alltag, mit Lachen, das keines mehr war, und den steten Gedanken, die immer um das Gleiche kreisten: Wer war es? Warum? Wieso Sonja? Meine Sonja, die ganz bestimmt niemals einem Menschen was Unrechtes getan hatte.

Für mich hörte es niemals auf. Das Poltern der Erde auf Sonjas Sarg. Was hat der Pfarrer gesagt? Erde zu Erde! Was sollte das? Was tat Sonja da unten in der dunklen Erde? Zu mir herauf gehörte sie doch. Hier oben in die Sonne, auf die Wege, unser beider Wege zwischen den Wiesen und Kirschbäumen. „Sie wird darüber hinwegkommen.“ Das hat der Doktor auch noch gesagt. Zur Mutter. Er hat aber nicht gesagt, wann. „Keine Ahnung hat der! Vielleicht kommt er ja darüber hinweg, ich nicht.“ Ich wartete Woche um Woche, Monat um Monat. Von wegen ‚darüber hinwegkommen‘. Ich merkte nichts davon.

„Bestimmt macht Mutter das heute mit Absicht“, hadere ich, „damit ich mich wieder daran gewöhne, rauszugehen. Damit ich meine Ängste überwinde und ein normaler Alltag wieder stattfinden kann. Aber weiß sie denn nicht, dass das gar nicht geht? Wie denn? Ihn gibt es doch noch da draußen! Ihn, das Monster, den Unaussprechlichen, das Grauen höchstpersönlich! Der Todstecher meiner besten Freundin. Meiner Sonja!“ ER sollte mein absoluter Alptraum werden, der meine Kindheit schlagartig beendete.

Sie haben ihn einfach nicht gefangen. Er war frei, lief herum, wohnte irgendwo. Aber wo? Kannte ich ihn oder kannten ihn meine Eltern? Wer, wo, warum? War er alt oder jung? Niemand gab Antwort. Ich fühlte ihn überall. Hinter jedem Baum, in der Scheune, im Stall, in jeder dunklen Ecke des Hauses. Mein Zimmer gehörte mir nicht mehr alleine. Es wurde von zweien bewohnt. Von ihm und von mir. So oft fühlte ich ihn hinter mir. Hörte seinen Atem. Fühlte seine Hände auf meinen Schultern, auf meinem Rücken. Dann kroch eine bleierne Lähmung über mich, rauf und runter. Er konnte auftauchen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Was für eine Belastung für mein, für unser Leben! Ich hätte der Mutter das alles so gerne gesagt, aber ich hätte sie damit nicht erreichen können. Meine Ängste waren für mich nicht in Worte zu fassen. Das Entsetzen hat seine eigene Sprache, die ich als Kind nicht hinausschreien konnte. Es blieb mir nur Zittern und Weinen.

Ich wehre mich nicht mehr. Nehme hastig das Körbchen, drücke es bebend gegen meine Brust, renne den dunklen Gang entlang zur Haustür. Raus! Renne und renne und heule laut den ganzen Weg entlang, bis zu den Kirschbäumen. Ich habe Angst. Schreckliche Angst! Aber ich pflücke, nein, ich reiße die Kirschen ab. Sie fliegen mit Ästchen und Blättern in meinen Korb. Egal! Nur fertig werden und fort hier! Ich will keinen Kirschkuchen mehr. Nie mehr! Sie sollen ihn selber essen. Alle können ihn essen. Sollen sie doch diese elenden Kirschen verschlingen! Ich will keine mehr sehen. Sie merken doch nicht einmal, wie sauer sie seit einem Jahr geworden sind. Ich renne zurück. Putze die Rotznase in das Kleid, wische mein Gesicht trocken. Sie brauchen es nicht sehen, mein Heulen. Ich haue die Tür zur Küche auf, knalle den Korb auf den Tisch, mache kehrt und renne in meine Kammer, werfe mich aufs Bett.

Mein Körper krümmt sich zusammen wie ein Wurm, und krampfhaftes Schluchzen nimmt mir die Luft zum Atmen. Nach einer Weile kommt meine Mutter. Sie setzt sich auf die Bettkante und nimmt mich ganz ruhig in den Arm. Mutter spricht kein Wort, streicht mir nur immer wieder übers Haar. Ihre Hände sagen ihre Worte. Immer die gleichen Worte, immer gleich, immer dasselbe: „Ist ja gut. Alles wird gut, ist gut, ist ja gut…“ Nichts wird gut! Sie finden ihn einfach nicht. Ein Jahr ist jetzt vorbei und ihn gibt es immer noch da draußen.

Im Herbst kam mein Bruder Tobias zur Welt. Da hatte Mutter was, das sie ablenkte, das menschlich war, das sie lieb haben konnte. Aber ich fühlte mich noch verlassener. Meine Ängste türmten sich auf, hoch und übereinander, wie ein Gebirge, über das keiner drüber kann. „Wieso stellte Mutter den Kinderwagen vors Haus? Einfach so.“ Da lag doch Tobias drin. Wenn sie auf dem Feld war, schob ich den Wagen in den Hausflur zurück, schloss die Tür ab und hockte krampfhaft lauschend auf der Stiege. Jedes Knarren und Knacken, Kettenrasseln und Poltern aus Haus und Stall klang überlaut an mein Ohr und erschreckte mich.

Ich merke, wie das Chaos jener Tage wieder anfängt, meinen Körper zu beherrschen. Frost ist in mir, trotz der Hitze des Sommertages, die sich im Innern des ICE fortsetzt. Meine Hände sind eiskalt geworden. Ein untrügliches Zeichen, dass diese elende bekannte Lähmung wieder meinen Kreislauf bestimmt. „Nimm deine Gedanken an die Leine! Versuche Punkte zu setzen! Dicke Punkte. So etwa wie: Bis hier und nicht weiter! Eventuell auch noch Ausrufezeichen. Vermeide auf jeden Fall Fragezeichen!“ So gescheite Sachen hatte mir mein Therapeut geraten. So viele Jahre habe ich mit dieser Strategie an mir gearbeitet. Aber der Erfolg war nicht allzu groß, auch nach über vierzig Jahren nicht.

Die Fragezeichen drängten sich immer wieder in den Vordergrund. Aufdringlich und vorwitzig blitzten sie stets zwischen den Gedanken hervor. Ich hatte erkennen müssen, dass es diese Fragezeichen waren, die seit dem Tod meiner Freundin unterschwellig mein Leben belasteten. Ich bin nicht gesund geworden in meiner Seele. Nichts ist vergessen oder überwunden. Im Gegenteil, die Fragen nach dem Wer? Warum? Wieso? wurden sozusagen erwachsen, dringlicher, größer! Sie standen immer im Raum, waren nicht wegzudrücken, pochten auf Beantwortung.

Die abgedroschene Weisheit ‚Die Zeit heilt alle Wunden‘ ist reine Augenwischerei. Wunden können sich nur schließen, wenn sie gesäubert und in Ordnung gebracht werden, um dann in Ruhe verheilen zu können. Schrunden, die Heilung vortäuschen und dann doch immer wieder aufbrechen, sind keine Heilung. Ich werde mich ihnen stellen. Nur so kann Genesung und Frieden gelingen. Ich habe im Moment keine Ahnung, wie und wo ich anfangen soll. Aber es muss mir gelingen, Menschen zu finden, die mit mir über damals sprechen, die noch was wissen, damit ich mich nicht mehr wegducke, wenn ich an Sonja denke.

Ich merke, wie dieser Entschluss mir guttut. Schon jetzt spüre ich, dass Wärme in meinen Körper zurückkehrt. Ich habe plötzlich die absolute Gewissheit, dass das der einzig richtige Weg für mich ist. Das Ratta-tü, Ratta-ta, Ratta-ta, die Melodie des Zuges, kommt wieder bei mir an. Keine Spur mehr von der Dramatik, die ich beim Losfahren erkennen konnte. Als hätten die Räder meine Erleichterung übernommen, klingt es jetzt wie: „Mach es so! Mach es so! Mach es so! …“

Ich krieche hinter meinem Mantel hervor, rücke mich auf meinem Sitz zurecht, mache meinen Rücken gerade und nehme mein Abteil wieder wahr und die mit sich selbst beschäftigten Menschen darin. Sehe zum Fenster hinaus. Landschaft, Wiesen, Wälder, Häuser! Gab es das vorher schon? Ist mir nicht bewusst. Ich habe geschaut, aber nichts gesehen. Ein Hochgefühl ist in mir, das bei mir bleiben soll. Das möchte ich festhalten, es macht mich stark. Ich werde keine Zweifel mehr zulassen. Ja, genau das ist mein Weg, und den werde und muss ich gehen. Ich bin mir gewiss: So oder gar nicht!

Stuttgart, mein Ziel ist erreicht. In der ganzen Zeit, in vierundvierzig Jahren, war ich nur zweimal zu Hause gewesen. Ich hatte nicht können. Die Veränderungen, die es während dieser Zeit gegeben hatte, waren allgegenwärtig. Wie überall halt. Viel wusste ich schon aus den Berichten meiner Besucher, die regelmäßig nach Berlin kamen. Allen voran meine Eltern und meine Brüder Martin, Uwe und Tobias, für die es wunderbar war, eine Schwester in Berlin zu haben, die man besuchen konnte, so oft es nur ging. Mein Vater war in der Zwischenzeit verstorben. Vor drei Jahren, ziemlich plötzlich an einem Schlaganfall. Er war vierundachtzig Jahre alt geworden. Ein schwerer Schlag für uns alle, besonders aber für meine Mutter, die mit keinem Gedanken an so etwas gedacht hatte. Gut, dass Tobias und seine Familie da waren. So war Mutter umsorgt, nie alleine. Wenn die Einsamkeit über sie kam und sie erdrücken wollte, war jemand da. Dafür war ich dankbar. In diesem Jahr wird meine Mutter zweiundachtzig Jahre alt. Eine noch immer gesunde, lebhafte Frau, die die Geschehnisse um sich herum und draußen in der Welt mit großem Interesse täglich verfolgt. Berlin und bei mir war in jedem Jahr ein Höhepunkt in ihrem Leben.

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