1 ...6 7 8 10 11 12 ...15 „Wir müssen später nochmal aufs Feld, Arthur, ich bin nicht fertig geworden. Mir wär es recht, wenn du mitkommsch.“ Es waren die ersten Worte, die Edelgard heute Mittag sprach. „Der Vinne kommt heut erst spät heim und muss morgen in aller Früh wieder fort. ‚Ihr werdet’s scho schaffen, ihr seid ja zu zweit und könnt’s euch einteilen‘, hat der noch g’meint.“
Edelgard rührte abwesend durch die Suppe in ihrem Teller, schaute nicht auf, sagte einfach nur, was sie sagen musste. Wer genau hinhörte, konnte eine gewisse Bitterkeit bemerken, die im letzten Satz mitschwang. Ein schneller Blick von Arthur zu Edelgard, dann zur Mechthild genügte. Sie waren sich einig, diese drei. „Wir machen das. Wir sind es doch gewohnt, das Schaffen ohne ihn!“ Es waren diese tägliche Arbeit und ihre häuslichen Pflichten, mit denen sie den Schmerz zudecken konnten. „Ich komme mit“, nickte Arthur. „Die Arbeit im Wald läuft mir nicht davon, die kann warten. Das geht morgen auch noch.“ Und als hätte jemand ein heimliches Kommando gegeben, verließ einer nach dem anderen die Küche.
Die beiden Jüngsten machten, dass sie auf den Hof kamen. Den Schulranzen, den Hannes im Hausgang großzügig in eine Ecke geworfen hatte, würdigte er mit keinem Blick. Auf Hausaufgaben hatte er jetzt keine Lust. Raus und spielen wollte er. Niemand aus der Familie nahm sich richtig Zeit für sie. Hannes und Ludwig waren es nicht anders gewohnt. Unbewusst machten sie das Beste daraus.
Wenn der Jürgen sie nicht gerade für eine Arbeit einspannte oder einen Kick-Nachmittag mit ihnen machte, beschäftigten sie sich allein miteinander oder mit ihren diversen Spielsachen. Wie auf Kommando gingen sie heute zu dem Sandhaufen, der seit langem am hinteren Ende von Onkel Arthurs Anbau lag. Seit sie ihre ersten Schritte gemacht hatten, steuerten sie den herrlichen Dreckhaufen an. Auf dem Hof wurde immer wieder irgendwo eine Schaufel Sand gebraucht. Wenn nichts mehr da war, wurde welcher hingeschüttet. Meistens war es eine Restladung von einem Bauvorhaben in der Nachbarschaft.
Bunte Plastikteile lagen lose oder halb eingegraben auf der Spielhalde herum. Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke waren das. Lastwagen, große und kleine. Ein Schlepper und mehrere Eimer. Das große, rote Feuerwehrauto war ihr ständiges Zankobjekt. Es gehörte beiden. Der Streit hatte schon beim Auspacken der großen Schachtel zu Weihnachten begonnen. Er endete damit, dass der Heilige Abend nur gerettet wurde, weil der Vater das ganze Paket kurzerhand in das elterliche Schlafzimmer verbannte. In den Wochen danach wurde die Spielzeit genau eingeteilt, ein Tag Hannes, ein Tag Ludwig. Aber sie merkten bald, dass auch das nicht in ihrem Sinne lief. An manchen zugeteilten Tagen passte ein Brand einfach nicht zu dem Bauprojekt, das sie gerade in Arbeit hatten. Viel wichtiger war es dann, mit zwei Lastwagen Sand an eine bestimmte Baustelle zu fahren.
Sie spielten gerne zusammen, die beiden Buben. Kameraden waren sie, vereint in einer schwierigen Situation. Sich selbst überlassen. Eine Situation, die sie aber nicht ändern konnten, die von beiden gelebt werden musste.
Sie fühlten, wie angenehm es war, die nackten Füße in den warmen Hügel einzubuddeln, wenn die Sonne den Sand aufgeheizt hatte. Sie gruben und tätschelten die feinen Körner, schmissen sie sich in Gesicht und Haare. Ganz spannend war für beide der Tag, an dem Hannes dem Ludwig wichtigtuerisch erklärte: „Du, den Sand kann man auch essen, der schmeckt wie Brei. Trocken halt, aber mit Wasser wie Brei!“ Er wies seinen kleinen Bruder an: „Mach du zuerst!“ „Nein, du!“ „Also komm, miteinander!“ „Also, jetzt!“ Die Zungen wurden in den Sand gesteckt und alles, was daran hängen blieb, mit Todesverachtung hinuntergeschluckt. Das war nicht wenig. Aber abgemacht war abgemacht. Eine Wiederholung des Spiels ‚Sandschlecken‘ fand allerdings unausgesprochen zu keiner Zeit mehr statt.
In der Küche ist es still geworden. Dieser Moment ist für Mechthild der schwerste des ganzen Tages. Jetzt muss sie Gedanken zulassen, die an die Oberfläche drängen. Wie Gespenster wabern die unausgesprochenen Fragen durch die Küche. Sie macht dann jedes Mal die Fenster auf, als könne dadurch im Austausch wieder ein Gleichgewicht geschaffen werden. Die normale Welt gegen eine Welt von etwas, das nicht hätte geschehen dürfen.
Sie räumt den Tisch ab und merkt, wie kraftlos ihre Hände geworden sind. Abwaschen, aufräumen, ausfegen, alles geschieht mechanisch. Nichts lenkt ab. Sie ist alleine, die erdrückenden Gedanken sind da, unbezwingbar, sie denken, was sie wollen. Der Spruch ‚Die Gedanken sind frei…‘ stimmt für sie. Ihre Gedanken sind von ihr nicht zu steuern. Die gehen ihre eigenen Wege. Sie sind von ihr nicht beherrschbar.
Sobald Mechthild fertig ist, setzt sie sich in ihren alten abgewetzten, aber bequemen Sessel im Wohnzimmer und starrt aus dem Fenster. Lässt alles zu, was aus ihrem Kopf zu ihr kommt. Von Zeit zu Zeit drängt ein tiefes Seufzen aus ihr. Sie merkt es nicht einmal. Holt einen Korb mit Flickzeug. Kann zwischendurch die Nadel nicht einfädeln, weil Tränen die Augen trüben. Das kann sie beim Flicken überhaupt nicht gebrauchen. „So komm ich mit dem Stopfen nie voran! Nicht mal das klappt wie früher.“ Der Zorn über das zerstörte Leben, das wie eine böse Heimsuchung über sie hereingebrochen ist, nimmt ihr die Luft zum Atmen. Ohne darüber nachzudenken, saust plötzlich ihre Faust mit donnernder Kraft auf den Tisch. Die Schere, die vor ihr bei der Wolle liegt, macht einen kleinen Satz und antwortet mit einem metallischen Klicken. Erschrocken über sich selbst blickt Mechthild um sich. Gut, dass keiner ihren Ausbruch gesehen hat. Der Schmerz in der Schulter bringt sie wieder zu sich. „So nicht! Das hilft mir nicht und keinem. Davon wird nichts besser. Zorn und Verbitterung, das kann jetzt keiner von uns gebrauchen. Es wäre das Ende der Familie, wenn das die Oberhand gewinnen würde.“ Energisch geht Mechthild in die Küche, nimmt die Blechkanne mit dem Restkaffee vom Morgen vom Herd und schenkt sich eine große Tasse voll. Nimmt viel Milch und Zucker dazu und trinkt mit langsamen Zügen das ganze Gefäß leer.
Hinter der Scheune sitzt Jürgen auf dem warmen Holz, das der Onkel am Vormittag aufgeschichtet hat. Er hört mit halbem Ohr, wie die Mutter und Onkel Arthur mit dem Traktor vom Hof fahren. Er bleibt heute draußen. Demonstrativ! Er will sich heute beweisen, dass er keine Angst mehr hat. Er, Jürgen, hat einen Plan. Er wird den Kampf aufnehmen, zusammen mit einem mächtigen Verbündeten. Mit dem wird er heute Abend in seiner Kammer sprechen. So wie es ihm seine Mutter immer gesagt hat, früher, als jeder noch mit seinen Sorgen zu ihr kommen durfte. „Wenn man was ganz fest will“, hat sie gesagt, „muss man nur inständig darum bitten, dann geht es auch in Erfüllung.“
Jetzt sagt sie das nicht mehr. „Aber ich werde es trotzdem tun. Schaden kann es ja nicht! Überhaupt werde ich heute Abend dem Herrn Gott klarmachen, dass wir ja schon eine hergegeben haben. Das langt doch!“ Das würde der bestimmt einsehen. Er sei doch gerecht. Das hat der Pfarrer in der Kinderkirche schon oft gesagt. Der weiß es sicher genau, sonst wäre er doch nicht Pfarrer geworden. Wenn der solche Sachen weitererzählt, muss ja was dran sein. „Ich werde es sogar schriftlich machen und meine zwei Mark von Onkel Arthur darin einwickeln. Dann stecke ich den Zettel in den Opferstock. Ich muss sowieso wieder am Sonntag mit allen in die Kirche. Nachher kann der Pfarrer alles miteinander beim Herrn Gott abgeben. Es darf halt keiner sehen – das Opfergeld und meine Nachricht.“
Ein tiefes Aufatmen war von Jürgen zu hören. „Warum bin ich nicht schon lange darauf gekommen? So werde ich es machen! Ist doch ganz einfach. Man muss nur reden miteinander“, dachte er noch, während ihn eine neue Lebensfreude fast überwältigte. Er schwang sich vom Holz. Einige der sauber aufgeschichteten Scheite fielen hinter ihm herunter. Er merkte es nicht. Er rannte und hüpfte auf die Dorfstraße, an den Häusern des kleinen Weilers vorbei, lief die vertrauten Wege zwischen den Wiesen und Feldern, bis er am Ende schwer atmend wieder vor seinem Zuhause stand.
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