Ein Vergleich mit der Blutsbrüderschaft der Kelten und Südslawen zeigt, daß auch dort die Verbrüderung durch Blutmischung allmählich durch andere Verbrüderungsarten ersetzt wurde – analog der Entwicklung in Skandinavien.
Eine typische Stelle findet sich in den irischen Annalen des 13. Jahrhunderts. In den „Annals of Loch Cé“, 102den „Annals of Ulster“ 103und einigen anderen Quellen wird zum Jahr 1277 folgendes berichtet: Obwohl er mit ihm Blutsbrüderschaft geschlossen hatte, machte der Sohn des Earl of Clare, Brian Ruadh O‘ Brian, den König von Munster auf verräterische Weise zu seinem Gefangenen und ließ ihn von Pferden zerreißen. Die Blutsbrüderschaft hatten sie sowohl durch Vermischen des Blutes als auch durch Schwören auf Reliquien geschlossen. 104Im 13. Jh. wurde das Schwören auf Reliquien als eine ziemlich junge Form eines Bundes in Irland allgemein üblich 105und trat funktionsmäßig an die Stelle der ehemaligen Blutsbrüderschaft.
In Serbien, Montenegro, Albanien und Teilen Bulgariens hatte sich die Sitte, Wahlbruderschaft durch Vermischen des Blutes einzugehen, noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jh. hinein erhalten; 106damals war sie im Aussterben begriffen. Andere Formen der Wahlbruderschaft sind nach dem Verschwinden der Blutmischung bis in die Gegenwart lebendig geblieben. 107
Außer diesem diachronen Aspekt der Weiterentwicklung des fóstbrœðralag ist auch die Frage ins Auge zu fassen, inwieweit es zu einer Zeit, in der das nordgermanische Verbrüderungsritual noch eine tatsächliche Blutmischung umfaßte, neben diesem und zugleich mit ihm andere Formen institutionalisierter Verbrüderung gab, d. h., ob nicht die Eidbrüderschaft bzw. Schwurbrüderschaft zugleich mit der Blutsbrüderschaft existiert haben können.
Bei den Südslawen hat es – abgesehen von der Vielfalt der Anlässe, die zur Wahlbrüderschaft führen konnten – mehrere „Stufen“ des Pobratimstvo gegeben, die zueinander in einem gewissermaßen komplementären Verhältnis standen.
In Montenegro sah dies folgendermaßen aus: 108
MALO PORATIMSTVO, „die kleine Bruderschaft“, wurde zwischen Freunden, die einander in Zukunft brüderlich helfen wollten, durch dreimaligen Kuß und den Austausch von Geschenken geschlossen. Im allgemeinen stellte sie die Vorstufe zum POBRATIMSTVO PRI ČESTNO ( pričestiti = kommunizieren) dar. Dieses wurde auf feierliche Weise in der Kirche geschlossen, indem der Pope die beiden sich Verbrüdernden mit der Stola bedeckte, ein bestimmtes Gebet sprach, beide gleichzeitig aus einem Kelch Wein trinken ließ, 109sie dann Kreuz, Evangelien, Ikonen und schließlich einander selbst küssen ließ.
POBRATIMSTVO NEVOLJE („Notbrüderschaft“) kam auf folgende Weise zustande: jemand, der sich in großer Gefahr befindet, ruft den Nächstbesten mit folgenden Worten um Hilfe an: „Hilf mir, bei Gott und dem hl. Johannes, ich nehme dich zum Wahlbruder!“, worauf ihm der so Angerufene seine Hilfe auf keinen Fall versagen wird und die beiden einander zum Zeichen ihres brüderlichen Verhältnisses dreimal küssen.
Über all den genannten Formen des pobratimstvo stand die Bluts brüderschaft, die durch gegenseitiges Bluttrinken geschlossen wurde. 110
Sicherlich wäre es nicht gerechtfertigt, allein aufgrund der Tatsache, daß die Blutsbrüderschaft im südslawischen Raum nur eine, wenn auch die höchste und verbindlichste, Form der „Brüderschaft“ darstellte, eine derartige Komplexität oder Abstufung auch für das heidnische Skandinavien anzunehmen; eine Übergangszeit (und aus dieser stammen ja praktisch alle unsere Belege), in der verschiedene Verbrüderungsformen nebeneinander bestanden, muß es aber auch bei den Germanen gegeben haben. Eine schematische Abgrenzung halte ich für unmöglich, denn unsere Zeugnisse lassen nicht erkennen, ob es scharfe Unterscheidungen verschiedener Typen solcher Verbrüderungen gegeben hat.
Wichtiger erscheint mir folgende Überlegung: ich glaube, daß man „eiðbroðir“ und „svarabroðir“ geradezu als sprachliche Zeugnisse für die starke Aufwertung und allmähliche Verselbständigung eines Teiles (analog zu der bei den Gilden allmählich erfolgten Spezialisierung) des ursprünglichen fóstbrœðralag ansehen könnte, nämlich des rechtlichen. Die Bezeichnung „Eidbrüder“ und „Schwurbrüder“ halte ich für Belege einer Betrachtung aus „juristischer Perspektive“, 111einer Perspektive, die erst zu einem Zeitpunkt möglich geworden sein kann, an dem man den ursprünglichen Gesamtsinn einer Institution aus den Augen verloren hatte, das Wesentliche in den Konsequenzen zu erkennen vermeinte, und nun von diesen offensichtlich sekundären Elementen aus (und zudem noch unter Herauslösung eines einzelnen) eine neue (naturgemäß eingeengte) Bestimmung der weiterüberlieferten Einrichtung unternahm.
Nach diesen Bemerkungen über den weiteren Rahmen, in dem die spezielle Form der skandinavischen Blutsbrüderschaft zu sehen ist, gehe ich zu einer genaueren Analyse der verschiedenen Formen und Typen dieser Gemeinschaftsgestaltungen über.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.