Das fóstbrœðralag erscheint in dieser Saga geradezu als ein Racheschwur berühmter und außerordentlicher Helden (Þormóðr Kolbrunarskáld war ein berühmter Skalde, von dem noch mehrere Lausavísur erhalten sind); alle anderen Elemente sind völlig in den Hintergrund gedrängt.
Die Verbrüderung und die vereinbarte Rachepflicht werden ausdrücklich als Bräuche der heidnischen Vergangenheit bezeichnet, als ein Überrest aus vorchristlicher Zeit, der seine Existenz nur der Unvollkommenheit verdankt, mit der das Christentum zu dieser Zeit im Volk verwurzelt war.
Auch hier wird das Ritual des „ganga undir jarðarmen“ wiederum im Zusammenhang mit der Eingehung des fóstbrœðralag genannt. Die Beschreibung unterscheidet sich aber in zwei wesentlichen Punkten von derjenigen der Gísla saga: einerseits werden nach der Fóstbrœðra saga nämlich drei Rasenstreifen von der Erde losgeschnitten und andererseits wird die Verwendung von Blut mit keinem Wort erwähnt.
Die Bedingung, daß die Rasenstreifen an ihren Enden fest mit der Erde verbunden bleiben mußten, ist offenbar keine Nebensächlichkeit. Der Umstand, daß sowohl die Gísla saga als auch die Fóstbrœðra saga besonders darauf hinweisen, läßt den Schluß zu, daß dieser Bestimmung eine tatsächliche Funktion im Rahmen des Gesamtrituals zukam, und daß sie dementsprechend einen Anhaltspunkt zum Verständnis desselben darstellen könnte.
Heðinn und H
gni
Das Motiv vom fóstbrœðralag zwischen Heðinn und H
gni findet sich sowohl bei SAXO GRAMMATICUS (Gesta Danorum Buch V) als auch in der isländischen Überlieferung (Sörla Þattr). 58
In der spätisländischen Darstellung des SÖRLA ÞATTR (Kap. 4) wird erzählt, wie Heðinn König H
gni besucht und sich die beiden in allen Künsten und Fertigkeiten messen. Nachdem sich auf diese Weise herausstellt, daß sie einander ebenbürtig sind, schwören sie sich Brüderschaft und bestimmen, daß ihnen von nun an alles gemeinschaftlich gehören soll: 59
Eftir Þetta geort sueriazst Þeir j fóstbrœðralag ok skylldu allt æiga at helminge 60
Die Brüderschaft wird auch hier wiederum mit dem Ausdruck „fóstbrœðralag“ bezeichnet. Über die Art und Weise ihrer Entstehung werden keine Angaben gemacht, es heißt nur, daß die Brüderschaft „geschworen“ wurde. Die einzige genannte Konsequenz ist die Gütergemeinschaft.
Bei SAXO GRAMMATICUS: GESTA DANORUM 1.V (Höginus und Hithinus) wird erzählt, daß Höginus seine Tochter Hilda mit Hithinus verlobte, und daß die beiden sich gegenseitige Rache schworen; sollte der eine durch das Schwert fallen, so sei der andere verpflichtet, ihn zu rächen.
At Høginus filiam suam Hithino despondit, coniurato invicem,
uter ferro perisset, alterum alterius ultorem fore 61
Von einem Zweikampf vor der Verbrüderung wird nichts gesagt. Desgleichen wird auch das Ritual nicht erwähnt. 62
SAXOs Hinweis, daß Höginus und Hithinus „invicem coniurati“ waren, könnte recht gut als eine lateinische Übersetzung des altnordischen „fóstbrœðr“ angesehen werden. Die entsprechende Stelle des Sörla Þattr legt einen solchen Vergleich nahe.
Gull-Þóris saga (Kap. 2)
Die Gull-Þóris saga, eine spätisländische Saga, die in ihrer jetzt vorliegenden Gestalt dem 14. Jh. angehören dürfte, 63ist der einzige hier in Frage kommende Beleg, in dem von einer größeren Gruppe von f ó s t brœðr berichtet wird. 64
Darüber hinaus ist die Stelle ein besonders gutes Beispiel für die Doppeldeutigkeit des Ausdrucks „fóstbrœðr“, denn es wird gesagt, daß Þorir und neun Männer, die gemeinsam aufgewachsen waren („fóstbrœðr“), einander Blutsbrüderschaft schworen („fóstbrœðralag“):
Þar riezt til Þorir ok Þeir IX fost brædr ok suorduzt
allir i fostbrædralag. skilldi hverr Þeira annars hefna.
Þeir skilldu saman æiga feingit fé ok vfeingit. Þat ær
Þeir feingi. iafnt ok til ynne. ok var Þorir fyrir madr
Þeira. 65
Neben der Rachepflicht („skilldi hverr Þeira annars hefna“) hebt die Gull-Þóris saga das „félag“ besonders hervor (Þeir skilldu saman æiga feingit fé ok vfeingit. Þat ær Þeir feingi“). Ganz genau mit den gleichen Worten war auch in der Egils saga einhenda ok Ásmundar berserkjabana die Gütergemeinschaft zwischen den Blutsbrüdern Árán und Ásmundr bezeichnet worden „… eiga fé saman, fengit ok ófengit“).
Auch in einem anderen Sinn ist die Stelle der Gull-Þóris saga merkwürdig: es wird nämlich von Þórir gesagt, daß er der „fyrir madr“ der 9 fóstbrœðr gewesen sei. Dies widerspricht ganz und gar dem Eindruck von einer absoluten Gleichheit der „Brüder“, den man aus allen bisher genannten Quellen gewinnt. 66
Þattr Orms Stórólfssonar
Ein fóstbrœðr-Schwur findet sich auch im Þattr Orms Stórólfssonar im Rahmen der Olafs saga Tryggvasonar.
Asbiorn und Ormr werden fóstbrœðr und verpflichten sich für den Fall, daß einer von ihnen durch Waffengewalt umkommen sollte, zur Blutrache:
… Þeir soruzst j fóstbræðralag at fornum sid at
huorr skyllde annars hefna sa er leingr lifde ef hinn
yrde uoppnndaudr. 67
Sturlaugs saga Starfsama
Die Sturlaugs saga starfsama, eine späte Saga, die Jan de VRIES 68als eine „wahllose Aneinanderreihung allbekannter Motive“ charakterisierte, erzählt, daß Sturlaugr und Framar fóstbrœðr wurden und daß sie dadurch zu gegenseitiger Rachepflicht gezwungen waren:
Nu sverjast Þeir í fóstbræðralag, Sturlaugr ok Framar,
ok skal hvorr hefna annars, sem Þeir séu skilbornir bræðr. 69
Mit ganz ähnlichen Worten wie in der Völsunga saga wird auch hier der brüderliche Charakter des fóstbrœðralag besonders unterstrichen („sem Þeir se sambornir bręðr“ – „sem Þeir séu skilbornir bræðr“. Die Rachepflicht wird als eine Pflicht von Brüdern hingestellt („hefna annars, sem Þeir séu skilbornir bræðr“). Allerdings heißt es an dieser Stelle „skilborinn“ (= ehelich gezeugt, geboren) anstelle des üblichen „semborinn“, das Wort will aber ebenfalls wirkliche Blutsverwandtschaft bezeichnen.
Haralds Rímur Hringsbana
In den Haralds rímur hringsbana kommt dem „brœðralag“ eine unmittelbare Funktion im Erzählungsgeschehen zu. Dies ist sonst nur bei besonders alten Belegen der Fall.
Die Rímur von Harald Hringsbani gehören zur ältesten Schicht der isländischen „rímur“. Höchstwahrscheinlich wurden sie während der ersten Hälfte des 15. Jh. geschrieben. Der Inhalt scheint auf einer verlorengegangenen Fornaldarsaga zu beruhen. 70
Haraldr, der Sohn des Dänenkönigs Hringr, hat Hermóðr, den Anführer einer Kriegerschar, erschlagen. Eines Tages trifft er im Wald auf ein Zeltlager. Man teilt ihm mit, daß der Anführer des Kriegerverbandes, bei dem er sich nun befindet, Hertryggr heiße und daß er sich auf der Suche nach dem Mörder Hermóðs befinde, dem er das Leben nehmen wolle. Haraldr verschweigt daraufhin seinen tatsächlichen Namen und macht Hertryggr den Vorschlag, mit ihm Brüderschaft zu schließen; er behauptet, daß es Hertryggr nur so gelingen könne, Haraldr zu treffen:
Bræðra lag vit bryniv Þund
eg binda uil. 71
Hertryggr geht auf Haralds Vorschlag ein, und mit einem gegenseitigen Racheschwur bekräftigen sie ihre Verbrüderung:
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