Begehren ist etwas ganz Natürliches
Begehren ist also etwas ganz Natürliches. Es ist wichtig, das festzuhalten, denn in spirituellen Kreisen wird Begehren oft als etwas Negatives gesehen. Der Kern der buddhistischen Lehre wird vielfach verkürzt so wiedergegeben: Weil wir begehren, leiden wir. Geben wir das Begehren auf, endet auch das Leiden.
Es wäre aber ganz und gar nicht im Sinne der Lehre, das Begehren zu verteufeln. Der Buddha lehrt: Was wir ablehnen, können wir nicht verstehen und transformieren. Wenn du das Begehren als etwas Schlechtes betrachtest, wirst du in dieser Bewertung steckenbleiben. Dein Widerstand wird es nicht zum Verschwinden bringen, sondern eher noch steigern. Oft verstärken wir das, wogegen wir kämpfen.
Das Begehren abzulehnen wird also dazu führen, dass du noch mehr unter dem Mangelgefühl leidest. Du wirst weiterhin versuchen, dein Verlangen zu befriedigen, oder du wirst es verdrängen. Wahrscheinlich entwickelst du zusätzlich Schuldgefühle. Deswegen ist es so wichtig zu erkennen, dass Begehren eine natürliche Folge unseres Erlebens von Trennung und Unvollkommenheit ist. Es ist weder schlecht noch gut.
Warum Menschen Beziehungen eingehen
Schon sehr früh im Leben haben wir die Erfahrung gemacht: Die Befriedigung unserer Bedürfnisse kommt von außen. Wenn wir als Baby Hunger hatten, wurden wir von der Mutter gestillt. Wenn uns kalt war, hat sie uns mit ihrem Körper gewärmt, wir bekamen ein warmes Bettchen und Kleidung. Dieses Modell haben wir auf unser ganzes Leben übertragen und in der modernen Konsumgesellschaft auf die Spitze getrieben: Wir haben Durst, also kaufen wir uns ein Getränk. Uns ist langweilig, also schalten wir den Fernseher ein. Wir wollen große Emotionen erleben, also gehen wir ins Kino.
Nähe und Geborgenheit suchen wir bei einem anderen Menschen aus dem tief greifenden Gefühl des Mangels. Wir haben ein Bedürfnis nach liebevoller Bestätigung, Verbindung und Sicherheit. Wir sehnen uns nach Geborgenheit, Erfüllung, einem Leben frei von Angst. Wir streben einen Zustand an, in dem es uns an nichts mehr mangelt und in dem wir keine Angst mehr haben müssen.
Die Kraft der Verliebtheit – in dir!
Ohne Zweifel, wenn du verliebt bist, wird eine große Kraft freigesetzt. Wird die Liebe erwidert, schäumst du geradezu über vor Inspiration und Freude und würdest am liebsten die ganze Welt umarmen. Begegnen dir Herausforderungen, krempelst du die Ärmel hoch und alles geht dir leicht von der Hand. Auf sehr direkte und positive Weise spürst du dich dabei selbst: Ich fühle, also bin ich. In diesen Momenten sind Gefühle der Unvollkommenheit, Begrenztheit und Angst oft wie weggeblasen.
Wenn der Rausch der Verliebtheit abklingt, kommst du zurück auf den Boden. Eben noch bist du davon ausgegangen, der geliebte Mensch sei die Ursache dafür, dass du dich auf einmal so kraftvoll, lebendig und bewusst spüren konntest. »Du machst mich glücklich!« – so sprechen Verliebte zueinander. Doch sobald du den anderen als normalen Menschen mit Stärken und Schwächen wahrnimmst, fragst du dich vielleicht, ob ein anderer Partner deine Bedürfnisse nicht besser stillen könnte.
Es ist wichtig zu verstehen: Kein Mensch kann die Bedürfnisse eines anderen dauerhaft und vollkommen erfüllen. Wenn wir das von einer Beziehung erwarten, verlangen wir etwas Unmögliches und überfordern den Kein Mensch kann die Bedürfnisse eines anderen vollkommen erfüllen.geliebten Menschen. So entsteht Frust und daraus werden gegenseitige Angriffe geboren. Wahrscheinlich wirst du versuchen, den Partner oder die Partnerin zu verändern. Dabei kann eine Menge Druck entstehen, zum Beispiel durch die unterschwellige Botschaft, der Partner, die Partnerin sei unzureichend. Oder du trennst dich, weil du glaubst, dieser Mensch sei wohl doch nicht der Richtige, und du machst dich auf die Suche nach einem anderen. Mit dem das Spiel dann von vorne beginnt.
Mit anderen Worten: Wenn du glaubst, eine Beziehung werde dich glücklich machen, legst du die Grundlage für Schwierigkeiten. Glücklich können wir nach der Lehre des Buddha nur werden, indem wir uns entwickeln, an den Herausforderungen des Lebens wachsen und erkennen: Die Stillung unserer Sehnsucht über die Sinne im Außen ist nicht möglich.
In Wirklichkeit liegt die Kraft der Liebe nicht im anderen – sondern in dir selbst. Durch die Begegnung mit dem Partner wurde sie kurzfristig aktiviert und deutlich spürbar. Er oder sie war der Türöffner, aber nicht die Ursache deines energiegeladenen Höhenflugs voller Zuversicht. Wenn du glaubst, dass solche Momente an einen anderen Menschen gebunden sind – einen Partner oder eine Partnerin mit einem bestimmten Alter, Aussehen und Fähigkeiten –, dann verpasst du eine große Chance! Die Tür zu deinen inneren Ressourcen wird sich wieder schließen, das Gefühl von Nähe und Einheit wird immer wieder verloren gehen.
Bewusst werden durch Beziehungen
Löse dich also von der Vorstellung, dass der geliebte Mensch für dein Glück verantwortlich sei. Betrachte deine Beziehung stattdessen als eine Chance, deine inneren Ressourcen zu entdecken. Darin liegt ihr wahrer Wert: Sie ist eine hervorragende Gelegenheit, Liebe zu verschenken, bewusster zu werden und begrenzende Vorstellungen von sich und anderen aufzulösen.
Eine lebendige Beziehung zu führen bedeutet, sich zu öffnen. Neben sehr positiven Energien werden in der Nähe zum anderen Menschen unweigerlich auch alte Verletzungen wieder aufbrechen. Schwächen und Ängste lassen sich nicht länger verdrängen, sondern treten an die Oberfläche. Gerade in diesen schmerzhaften Prozessen liegt eine große Chance. Deine Beziehung ist eine Chance, Bewusstheit und Liebe zu entwickeln.Du kannst dir deiner Gefühle und deiner emotionalen Muster bewusst werden, bekommst also Zugang zu dem, was dich bewegt und steuert. Betrachte deine Beziehungen als Gelegenheit, diese Muster nicht als Mangel zu begreifen, sondern mit all dem bewusst und liebevoll umzugehen und dich zu entwickeln. Nimm sie als Übungsfeld, dich auch gegenüber anderen Menschen nicht zu verhärten, nicht aggressiv zu werden oder wegzulaufen, wenn sie sich anders verhalten, als du es möchtest.
Kurz: Nimm die Beziehung als Chance, zu lieben, statt zu kämpfen.
Glücklich kannst du nur werden, indem du die Bedürftigkeit hinter dir lässt. Und das kannst du tun, indem du deren Ursache verstehst – das Gefühl der Trennung. Indem dir klar wird, Glück in der Liebe finden wir, indem wir Liebe nicht fordern, sondern verschenken.dass du in Wirklichkeit nicht vom Rest der Welt getrennt bist, und du die Liebe in dir entfaltest. »Das Einzige, was bedeutsam ist, ist die Liebesfähigkeit des Herzens so zu entwickeln, das es nichts anderes mehr empfinden kann«, hat meine Lehrerin Ayya Khema gesagt. Dein Partner, deine Partnerin kann dir nicht abnehmen, diesen Weg zu gehen, aber deine Beziehung kann dir sehr dabei helfen, dich auf den Weg zu machen.
Die Stimme der Sehnsucht wird dir helfen, in deinen Beziehungen über dich hinauszuwachsen. Ich betrachte die Sehnsucht als treue Freundin. Sie will dich zu Erfüllung und wahrer Freiheit führen. Das ist die große Chance, die in Beziehungen liegt.
2. Die Beziehung zu dir selbst
Es gibt einen Menschen, mit dem du ganz sicher dein ganzes Leben lang zusammen bist. Dein Verhältnis zu ihm prägt alle deine anderen Beziehungen. Dieser Mensch bist du selbst. Indem du die Beziehung zu dir selbst pflegst, gibst du Beziehungen zu anderen eine Chance. Der Weg zum inneren Frieden führt über Akzeptanz und Verständnis.Im Umgang mit dir kannst du Bewusstheit, Liebe und Vertrauen hervorbringen – die wichtigsten Voraussetzungen gelungener Beziehungen. Andere Menschen wirst du dank der Auseinandersetzung mit deinen eigenen Gefühlen und Gedanken besser verstehen, so dass du in schwierigen Situationen auf heilsame Weise reagieren kannst. Dir selbst viel Aufmerksamkeit zu schenken ist also keineswegs egozentrisch. Im Gegenteil: Es kommt allen Menschen zugute, mit denen du zu tun hast.
Читать дальше