Sie werden es uns das ganze Buch hindurch wiederholt sagen hören: Jedes Kind ist anders, und kein Erziehungsansatz, keine Erziehungsstrategie wird jederzeit funktionieren. Doch besteht das naheliegendste Ziel in all diesen Situationen darin, Kooperation herbeizuführen und einem Kind zu helfen, sich auf eine Art zu verhalten, die akzeptabel ist (wie zum Beispiel freundliche Worte zu benutzen oder schmutzige Kleidung in den Wäschekorb zu legen), und Verhaltensweisen zu vermeiden, die nicht akzeptabel sind (wie zum Beispiel jemanden zu schlagen oder das Kaugummi anzufassen, das jemand unter dem Tisch in der Bücherei hat kleben lassen). Das ist das kurzfristige Ziel von Disziplin.
Für viele Menschen ist es das einzige Ziel: sofortige Kooperation erlangen. Sie wollen, dass ihre Kinder aufhören, etwas zu tun, was sie nicht tun sollten, oder anfangen, etwas zu tun, was sie tun sollten. Deshalb hören wir Eltern so häufig Formulierungen benutzen wie „Hör jetzt auf!“ oder das zeitlose „Weil ich es sage!“
In Wirklichkeit wollen wir jedoch mehr als bloßen Gehorsam, nicht wahr? Natürlich wollen wir verhindern, dass aus dem Frühstückslöffel eine Waffe wird. Natürlich wollen wir freundliche und respektvolle Handlungen fördern und die Beleidigungen und die Streitlust verringern.
Aber es gibt ein zweites Ziel, das genauso wichtig ist, und während es sich beim Erzielen von Gehorsam um das kurzfristige Bestreben handelt, ist dieses zweite Ziel ein längerfristiges. Sein Schwerpunkt liegt darin, unseren Kindern Wege aufzuzeigen, mittels derer sie Einsicht und Kompetenzen entwickeln und die Fähigkeit, mit herausfordernden Situationen, Frustrationen und emotionalen Stürmen, durch die sie die Kontrolle verlieren könnten, resilient umzugehen. Dies sind die inneren Kompetenzen, deren Nutzen über das augenblickliche Verhalten in diesem Augenblick hinausgeht und die nicht nur jetzt, sondern auch später in einer Vielzahl von Situationen angewendet werden können. Bei diesem inneren, zweiten Hauptziel der Disziplin geht es darum, den Kindern zu helfen, Selbstbeherrschung und einen moralischen Kompass zu entwickeln, damit sie sich auch dann rücksichtsvoll und pflichtbewusst verhalten, wenn keine Autoritätspersonen in der Nähe sind. Es geht darum, ihnen zu helfen, beim Heranwachsen zu freundlichen und verantwortungsbewussten Menschen zu werden, die sich an erfolgreichen Beziehungen und einem bedeutsamen Leben erfreuen können.
Wir nennen diese Herangehensweise eine mit dem integrierten Gehirn erfolgende Disziplin, da, wie wir erklären werden, wir uns sowohl auf die unmittelbaren äußeren Lehren als auch auf die langfristigen inneren konzentrieren können, wenn wir als Eltern unser integriertes Gehirn benutzen. Und wenn unsere Kinder diese Form bewusster Lehre erhalten, benutzen auch sie letztendlich ihr integriertes Gehirn.
Über die Generationen hinweg sind zahllose Theorien darüber aufgetaucht, wie man seinen Kindern hilft, „richtig groß zu werden“. Da gab es die Schule mit dem Grundsatz „Wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie“, und ihr Gegenteil, die Schule der antiautoritären Erziehung. In den letzten zwanzig Jahren aber, etwa in der Zeit, die in den USA als „Dekade des Gehirns“ bezeichnet wird, sowie in den darauffolgenden Jahren haben Wissenschaftler eine gewaltige Menge an Information über die Funktionsweise des Gehirns aufgedeckt, was uns viel Aufschluss über liebevolle, respektvolle, konsequente und effektive Disziplin gegeben hat.
Wir wissen nun, dass wir einem Kind dadurch helfen, sich optimal zu entwickeln, dass wir die Erzeugung von Verbindungen in seinem Gehirn – seinem gesamten Gehirn – unterstützen, welche die Entwicklung von Kompetenzen zur Folge haben, die zu besseren Beziehungen, einer besseren psychischen Gesundheit und einem bedeutsameren Leben führen. Sie könnten dies als Modellieren, als Nähren oder als Aufbauen des Gehirns bezeichnen. Welchen Begriff auch immer Sie vorziehen, der Punkt ist entscheidend und spannend: Durch die Worte, die wir verwenden, und die Handlungen, die wir vollziehen, verändern sich die Gehirne der Kinder tatsächlich, werden sie aufgebaut, während sie neuen Erfahrungen ausgesetzt sind.
Effektive Disziplin bedeutet, dass wir nicht nur ein schlechtes Verhalten beenden oder ein gutes begünstigen, sondern dass wir zudem Einsicht und Kompetenzen vermitteln und die Verbindungen in den Gehirnen unserer Kinder fördern, die ihnen in Zukunft helfen werden, bessere Entscheidungen zu treffen und sich gut zu regulieren. Automatisch. Weil ihr Gehirn so verdrahtet sein wird. Wir helfen ihnen zu verstehen, was es bedeutet, mit ihren Emotionen umzugehen, ihre eigenen Impulse zu regulieren, die Gefühle anderer zu berücksichtigen, über Konsequenzen nachzudenken, wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen und vieles mehr. Wir helfen ihnen, ihr Gehirn zu entwickeln und zu Menschen zu werden, die bessere Freunde, bessere Geschwister, bessere Söhne und Töchter und bessere Menschen sind. Und dann, eines Tages, selbst bessere Eltern sind.
Ein gewaltiger Bonus besteht darin, dass wir uns, je mehr wir beim Aufbau der Gehirne unserer Kinder mithelfen, umso weniger damit abmühen müssen, das kurzfristige Ziel, Gehorsam, zu erreichen. Kooperation begünstigen und das Gehirn aufbauen: Das sind die beiden Ziele – das äußere und das innere –, die eine liebevolle, effektive, mit dem integrierten Gehirn erfolgende Vorgehensweise bei der Disziplin leiten. Dies ist Erziehung, bei der man das Gehirn „im Hinterkopf behält“!
Unsere Ziele erreichen:
Nein zum Verhalten sagen und Ja zum Kind
Wie erreichen Eltern typischerweise ihre Ziele, wenn es um Disziplin geht? Am häufigsten durch Drohungen und Bestrafungen. Kinder verhalten sich unangemessen, und die umgehende elterliche Reaktion besteht darin, energisch und bestimmt Konsequenzen zu verhängen.
Kinder handeln, Eltern reagieren, dann reagieren die Kinder. Immer dasselbe, achtlos wiederholte Muster. Und für viele Eltern – wahrscheinlich für die meisten Eltern – sind Konsequenzen (zusammen mit einer gesunden Dosis Schreien) so ziemlich die primäre Disziplinstrategie, auf die sie immer zurückgreifen, sich immer verlassen können: Auszeiten, Schlagen, das Entziehen eines Privilegs, Hausarrest und so weiter und so weiter. Kein Wunder, dass es so viel Drama gibt! Aber wie wir erklären werden, ist es möglich, auf eine Art vorzugehen, durch die viele der Gründe, warum wir Konsequenzen verhängen, von vornherein wegfallen.
Um noch weiterzugehen: Konsequenzen und bestrafende Reaktionen sind in Wirklichkeit häufig kontraproduktiv, nicht nur, was das Aufbauen des Gehirns betrifft, sondern sogar, was das Bestreben angeht, Kinder zur Kooperation zu bewegen. Aufbauend auf unserer persönlichen und unserer klinischen Erfahrung sowie auf der neuesten wissenschaftlichen Forschung zum sich entwickelnden Gehirn können wir Ihnen sagen, dass das automatische Anordnen von Konsequenzen nicht der beste Weg ist, Ihre Ziele zu erreichen.
Welches ist aber der beste Weg? Er ist die Grundlage des Ansatzes einer Disziplin ohne Drama, und er lässt sich auf eine einfache Formel bringen: verbinden und umlenken .
Verbinden und umlenken
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