Das Zitat, die Kritik und die Forderungen von Comenius haben unserer Meinung nach in ihrem Kern bis heute ihre Berechtigung. In Übereinstimmung mit vielen weiteren grossen historischen Figuren der Pädagogik wie auch mit namhaften Unterrichtsforscherinnen der Gegenwart plädieren wir für
• eine flexible und kreative Organisation des Unterrichts,
• eine Didaktik, in der Bedeutendes gelehrt und gelernt wird,
• eine Methodik, die Langeweile zu vermeiden versucht,
• und eine Unterrichtsatmosphäre, in der Lernen nicht Blut, Schweiss und Tränen bedeutet, sondern Freude, Lachen und entspannte Konzentration.
Ein Buch mit dem Titel Einfach gut unterrichten birgt allerdings auch die Gefahr von Missverständnissen in sich. Die Meinung, dass Lehrerinnen und Lehrer einfach guten Unterricht halten sollten und dass alles andere nebensächlich sei, erfreut sich im Moment einer gewissen Beliebtheit. Argumentiert wird, dass sich Lehrpersonen am Lehrplan orientieren sollten, an den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln ihres Berufs, am bildungspolitischen Mainstream. Wir sind nicht dieser Meinung und teilen die Ansicht von Thomas Kesselring: «Wer so denkt, läuft Gefahr, den Soll-Zustand mit dem Ist-Zustand, das Erwünschte mit dem Bestehenden zu verwechseln.» 5
Ein allgemeines didaktisches Buch legt den Fokus zwar auf Fragen des guten Unterrichtens. Die Aufgaben der Lehrpersonen erfordern aber auch eine Auseinandersetzung mit umfassenderen Themen, die über Unterricht im engeren Sinn hinausreichen und von vielen Pädagogen für unsere gesellschaftliche und soziale Rolle als Lehrpersonen als noch bedeutender erachtet werden: Wie kann ich als Lehrerin oder als Lehrer dazu beitragen, dass in meiner Klasse gegenseitige Achtung, Rücksichtnahme und Wertschätzung gelebt wird? Wie kann ich diese Prinzipien befriedigender zwischenmenschlicher Beziehungen auch im Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen und mit Eltern realisieren? Was braucht es, damit ich dazu beitragen kann, dass die mir für eine gewisse Zeit anvertrauten Kinder oder Jugendlichen ein erfülltes Leben werden führen können? Dass sie sich den Aufgaben, die das Leben stellt, gewachsen fühlen und dass sie ihr Dasein geniessen werden? All diese Fragen haben selbstverständlich mit gutem Unterricht zu tun, aber ihre Beantwortung erfordert Auseinandersetzungen, die über das in dieser Publikation Erörterte hinausgehen. Und nicht zuletzt erfordern sie Lehrpersonen, die sich für eine Weiterentwicklung der Schule in unserer demokratischen Gesellschaft in einer konstruktiven, zukunftsgerichteten und kritischen Art einsetzen. Ohne ein öffentliches Bildungswesen, das eine offene und weltoffene, demokratisch legitimierte Schule pflegt und weiterentwickelt, ist jeder noch so durchdachte didaktisch-methodische Unterricht nur Stückwerk.
1 Lipowsky:Zur Qualität offener Lernsituationen im Spiegel empirischer Forschung, 2002, S.126
2 Altman:Training foreign language teachers for learner-centered instruction, 1983, S.24
3 Comenius:Grosse Didaktik, 2007
4 Berner:Didaktische Kompetenz, 1999, S.32, 33
5 Kesselring:Handbuch Ethik für Pädagogen, 2012, S.14
«Un enfant n’est pas un vase qu’on remplit, mais un feu qu’on allume.»
Michel de Montaigne (1533–1592)
«Unwissenheit ist die Nacht des Geistes, eine Nacht ohne Mond und Sterne.»
Konfuzius (551–479 v. Chr)
WAS GEHÖRT ZU GUTEM UNTERRICHT?
Zentrale Merkmale erfolgreichen Unterrichtens aus der Sicht der Unterrichtsforschung
Die Unterrichtsforschung kennt eine ganze Reihe von relativ einfachen Prinzipien, mit denen nachweislich guter Unterricht gestaltet werden kann. Die wichtigsten werden in diesem Kapitel in knapper Form dargestellt – mit Bezug zu den Befunden renommierter Unterrichtsforschenden wie John Hattie und Andreas Helmke oder bekannter Didaktiker wie Hilbert Meyer. Indem wir die als lernwirksam herausgestellten Unterrichtsmerkmale zu einer Gesamtschau zusammenführen, wird ein breit akzeptierter pädagogischer Konsens abgebildet, der sowohl der deutschsprachigen als auch der internationalen Diskussion gerecht wird.
Dass es den guten Unterricht in einem absoluten Sinn nicht geben kann, wird sofort klar, wenn man sich die naheliegenden Fragen dazu stellt: gut wofür, gut bei welchen Startbedingungen, gut für wen, gut für wann? Guter Unterricht kann nur für einen bestimmten Kontext und im Zusammenhang mit einer gegebenen Situation beschrieben werden, die von den Unterrichtenden selbst immer wieder neu definiert werden müssen – und zwar unter Einbezug der Perspektiven aller Beteiligten. Eine solche Relativierung soll jedoch nicht zum Missverständnis führen, dass es für Unterricht keine Qualitätsmerkmale gibt. «Nein, es gibt zwar nicht die richtige Unterrichtsmethode», sagt Andreas Helmke, «aber es gibt sehr wohl Qualitätsprinzipien des Unterrichts, die unbedingt und fraglos gültig sind, es gibt wohlbegründbare Standards des Lehrerverhaltens, und es gibt wichtige Merkmale der Expertise von Lehrkräften, über die man sich weitgehend einig ist.» 1Diese Merkmale beziehen sich wiederum auf drei Themenkreise: zum einen auf die Lernatmosphäre, zum anderen auf die Motivation der Lernenden, schliesslich und vor allem auf didaktisch-methodische Verfahren . Diese letzte Merkmalsgruppe wird von uns im Folgenden etwas breiter thematisiert, weil sie im engeren Sinn allgemeindidaktisch ist. Dennoch wäre es nicht richtig, ihr eine grössere Bedeutung für gelingenden Unterricht beizumessen. Erfolgreiches Unterrichten ist das Resultat einer ausgewogenen Mischung aus förderlicher Lernatmosphäre, angemessener Motivierung und methodisch-didaktischem Know-how.
Es sind insgesamt zwölf wichtige Merkmale der Expertise von Lehrpersonen, die in den folgenden Kapiteln aufgegriffen und vertieft werden. Wer an einer intensiveren Auseinandersetzung interessiert ist, findet im Text immer wieder Hinweise für ein weiterführendes Selbststudium. Des Weiteren erfolgen in diesem Kapitel kurze Anmerkungen zu den in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung omnipräsenten Begriffen Lernziele und Kompetenzen – als Bindeglied zur Fachdidaktik sollten sie auch Teil allgemeindidaktischer Erwägungen sein.

Die zwölf Merkmale guten Unterrichts lassen sich drei Themenkreisen zuordnen: Lernatmosphäre, Motivation und didaktisch-methodisches Know-how. Damit lehnen wir uns an einen Vorschlag von Wolfgang Beywl an. 2Dieser hat eine Gesamtschau zu den Positionen von drei Autoren vorgelegt, die wir als besonders hilfreich erachten: Die folgenden Merkmale sind den Publikationen Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen von John Hattie, 3 Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität von Andreas Helmke 4und Was ist guter Unterricht? von Hilbert Meyer 5entnommen.
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