–aktiviert
–angeleitet
–begleitet durch Beratung
–unterstützt (durch Zielsetzung, Diagnostik, angemessene Interventionen; durch die Bereitstellung oder das Kreieren von Ressourcen)
–zur Verpflichtung von Schülerinnen und Schülern gemacht
–verpflichtend durch Lehrpersonen geplant, durchgeführt und evaluiert […]»
Bei den aufgeführten Definitionen zur Klassenführung spiegelt sich wider, dass Unterricht in allen seinen Facetten ein komplexes Interaktionsgefüge ist, das nie nur monokausale Zusammenhänge bringt.
Immer wieder ist auch der Begriff Classroom Management zu hören. Classroom Management bündelt verschiedene Unterrichts(qualitäts)merkmale und umfasst deutlich mehr als Klassenführung. Beim Classroom Management geht es verstärkt um die Aktivität von Schülerinnen und Schülern, um Selbstregulation und -verantwortung – womit eine Lernendenorientierung erkennbar wird (vgl. Syring et al. 2013, S. 75 ff.).
Wirkung von Klassenführung
Die Bedeutung der Klassenführung für den Lernerfolg von Lernenden konnte in Metaanalysen klar bestätigt werden (vgl. Seidel & Shavelson 2007; Wang, Haertel & Walberg 1993). In der viel beachteten Studie von Wang, Haertel und Walberg (1993) war das Klassenmanagement als eines von 28 verschiedenen Merkmalen am stärksten mit dem Lernerfolg der Lernenden verknüpft, und zwar noch vor der Metakognition und der Kognition. Bei Hattie findet sich eine mittlere Effektstärke (d = 0,35) (Beywl & Zierer 2018). Die Hattie-Studie ist für einen Bericht des Forschungsstandes zur Klassenführung allerdings nicht sonderlich ertragreich, weil sich Hattie (2013, S. 122; S. 124 f.) auf sehr wenige Metaanalysen zur Klassenführung und zum «Reduzieren von Unterrichtsstörungen» stützen kann (vgl. Helmke & Helmke 2015, S. 7).
Helmke dagegen stellt fest, «dass kein anderes Merkmal so eindeutig und konsistent mit dem Leistungsniveau und dem Leistungsfortschritt von Schulklassen verknüpft ist wie die Klassenführung» (Helmke 2003, S. 78). Es ist daher nicht verwunderlich, dass der Klassenführung in den Merkmalskatalogen zu gutem Unterricht jeweils eine besondere Stellung eingeräumt wird (vgl. bspw. Meyer 2004; Helmke 2006, Lipowsky 2007). Sowohl in der Scholastik-Studie (vgl. Weinert & Helmke 1997) als auch in der MARKUS-Studie (vgl. Helmke & Jäger 2002) zeigte sich, dass die «Optimalklassen» beziehungsweise die leistungsstärksten Klassen durch eine überdurchschnittlich gute Klassenführung gekennzeichnet sind. Dazu gehören Elemente wie beispielsweise die Präsenz der Lehrkraft, die jederzeit über Störungen im Klassenzimmer im Bild ist, oder die Klarheit von Regeln. Diese Art der Klassenführung ermöglicht eine besonders konzentrierte Arbeitsweise (vgl. Kiel, Frey & Weiß 2013, S. 16 f.). Eine gute Klassenführung trägt neben hohen Lernleistungen auch zum Wohlbefinden der Lernenden (vgl. Eder 2004; Hascher 2004) sowie zu geringerer Belastung der Lehrkräfte bei (vgl. Helmke 2003).
Prinzipien der Klassenführung
Spätestens seit den bedeutenden Grundlagen von Kounin (1976), aber auch von Emmer und Evertson (2012) ist klar, worauf es letztlich ankommt. Kounin als eigentlicher «Klassiker» der Klassenführung nennt verschiedene Prinzipien, die eine effiziente Klassenführung ausmachen:
–Allgegenwärtigkeit, Dabeisein (Withitness): Die Lernenden sollen das Gefühl erhalten, dass ihre Lehrkraft sämtliche ihrer Aktivitäten im Blickfeld hat. Die Lehrerin oder der Lehrer trägt also quasi ihre Augen und Ohren auch auf dem Rücken. Ebenso ist den Schülerinnen und Schülern bewusst, dass heikle Entwicklungen nicht toleriert und störende Vorfälle nicht absichtlich «übersehen» werden.
Für die Störungsfreiheit des Unterrichts ist kein anderer Bereich der Klassenführung so wirksam wie die Allgegenwärtigkeit der Lehrkraft; die Effektstärke beträgt d = 1,42 (vgl. Hattie 2013, S. 122).
Im Unterrichtsalltag im Mehrklassensystem erkennen die Lernenden, dass jede Lehrkraft, die sie während ihres Schultages besuchen, genau weiß, wer im Klassenzimmer sitzt, wer sich wie anstellt und die auch exakt weiß, wo die «neuralgischen» Punkte in einer Klasse sind. Sie spricht bereits präventiv und sehr geschickt mögliche (negative), sich abzeichnende Ereignisse klar an.
–Überlappung (Overlapping): Die Lehrkraft bearbeitet verschiedene Probleme gleichzeitig und hält dabei den Ball flach. Sie reagiert auf verschiedene Bedürfnisse ihrer Lernenden, und zwar so, dass dies ohne großes Aufsehen erfolgt. Auftauchende Disziplinprobleme werden «nebenher» und ohne großes «Aufsehen» erledigt. Der Unterrichtsfluss wird möglichst nicht unterbrochen. Auch der Einsatz verschiedener Medien erfolgt routiniert. Das ermöglicht es der Lehrkraft, ihre Klasse weiterhin im Blickfeld zu haben.
Im Unterricht gelingt es der Lehrkraft auch in äußerst heterogenen Klassen, auf die Bedürfnisse der Lernenden einzugehen, sie hält den Unterricht am Laufen und beobachtet, während sie einer Kleingruppe Unterstützung bietet, die restliche Klasse.
–Zügigkeit, Reibungslosigkeit, Bewegung im Unterricht, Schwung (Momentum): Dank einer angemessenen Unterrichtsplanung werden unnötige Unterbrechungen des Unterrichtsflusses vermieden. Der Unterricht ist weder von Hektik noch von Langeweile geprägt; es gibt also angemessen viel Lernstoff, der aber nicht monoton vermittelt wird. Die Lehrkraft schweift bei ihren Erklärungen nicht ab, es herrscht kein Leerlauf, und Kleinigkeiten bleiben Kleinigkeiten. Im Unterrichtsalltag lässt sich die Lehrkraft auch bei großem Interesse der Klasse nicht auf Seitenpfade verleiten und reitet keine Steckenpferde. Häufig erkennen Lernende solche Schwächen ihrer Lehrkraft schnell und nutzen diese – vermeintlich zu ihren Gunsten – aus.
–Geschmeidigkeit (Smoothness): Der Unterricht erfolgt ohne sachlogische Brüche, ist also geschmeidig; dieses Prinzip ähnelt dem Qualitätskriterium der Kohärenz. Es gibt keinen sprunghaften Unterrichtsverlauf, ebenso wird die Engführung von Unterrichtsgesprächen vermieden.
Auch hier zeigt sich im Unterrichtsalltag, dass ein angemessen vorbereiteter, zielgerichteter Unterricht dazu beiträgt, dass keine Brüche entstehen und die Lektionen wie aus einem «Guss» ablaufen.
–Gruppenaktivierung (Group Focus): Die Lehrkraft behält den Fokus auf die Klasse oder eine Gruppe, auch wenn beispielsweise gerade nur eine Lernende am Sprechen oder Erklären ist.
So erteilt die Lehrkraft zum Beispiel während des Unterrichts klare Aufträge, bevor sie sich mit einzelnen Lernenden beschäftigt, und behält alsdann die Klasse im Auge.
–Übergangsmanagement (Managing Transitions): Übergänge zwischen verschiedenen Unterrichtsphasen – beispielsweise von einem Inputreferat zu einer Gruppenarbeit oder von letzterer zurück ins Plenum – sollen durch kurze und eindeutige Überleitungen und ohne Zeiteinbuße stattfinden.
Gerade in Schulformen, in denen die Lernenden nur wenige Lektionen bei derselben Lehrkraft sind, ist das Übergangsmanagement zentral, da oft nur wenig Unterrichtszeit zur Verfügung steht und häufig großer Stoffdruck herrscht.
–Vermeidung vorgetäuschter Teilnahme (Avoiding Mock Participation): Lernende haben in ihrer «Karriere» als Schülerin oder Schüler oft clevere Tricks, Rituale und Techniken entwickelt, ausgefeilt und perfektioniert, um so zu wirken, als würden sie aufmerksam beziehungsweise interessiert sein oder nachdenken.
Eine Lehrkraft muss diese «school survival skills» im Alltag erkennen können, um nicht dem Irrglauben zu verfallen, die Lernenden seien beim Unterricht aktiv dabei.
Selbstverständlich gelingt es auch einer äußerst erfahrenen und versierten Lehrkraft nicht immer und vor allem nicht gleichzeitig, das Augenmerk auf alle diese Bereiche zu legen, allerdings sind ihr die Aspekte der Klassenführung gut bekannt, und sie handelt möglichst vorausschauend.
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