Sie entschuldigte sich und schloss auf. Es war ein Haus für Nostalgiker mit kleinen Zimmern und winzigen Fenstern, durch die nur wenig Licht fiel. Ihr Musikzimmer in Dahlem war größer als die Grundfläche des Elternhauses. Dennoch spürte sie, wie der Trennungsschmerz mit jeder Minute stärker wurde. Kaum im Haus, setzte der körperliche Schmerz ein.
»Sehen Sie sich ruhig um. Ich muss mich kurz entschuldigen.«
Eilig zog sie sich auf die Toilette zurück. Sie brauchte nicht hinzusehen. Die Symptome waren eindeutig. Es klappte wieder nicht. Mit Tränen in den Augen spülte sie das Blut hinunter, zweimal.
»Alles in Ordnung?«, fragte der Makler besorgt, als sie zurückkehrte.
Er musste ihre geröteten Augen bemerkt haben. Sie nickte, versuchte gar nicht erst zu lächeln.
»Konnten Sie sich ein Bild machen?«
»In der Tat, und ich muss Ihnen ein Kompliment aussprechen – und ihren Eltern selig. Das alte Haus befindet sich in einem tadellosen Zustand.«
»Sie werden es nicht abreißen?«
Er verneinte entschieden. »Ich denke, es gibt genug Interessenten, die dieses Objekt zu ihrem neuen Heim machen wollen.«
Eine junge, glückliche Familie mit höchstens zwei Kindern, mehr fanden nicht Platz. Es war eine schöne Vorstellung, die sie ein wenig über die erneute Enttäuschung hinweg tröstete. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, weshalb sie in all den Jahren zuvor die Pille genommen hatte, wenn es doch nie funkte. Der Makler streckte ihr die Hand entgegen, um sich zu verabschieden.
»Vielen Dank für Ihr Vertrauen, Dr. Roberts. Dann verbleiben wir also wie besprochen.«
Damit eilte er zu seinem Lexus. Sie konnte sich nicht erinnern, etwas besprochen zu haben. Nicht wichtig , dachte sie. Wenn sie sich beeilte, würde sie Jamie noch zu Hause antreffen, bevor er wieder zu einer Talkshow oder Podiumsdiskussion in irgendeiner Uni verreiste. Sie hatte den Überblick verloren. Seit seiner bahnbrechenden Arbeit über die Perfektionierung der Genschere CRISPR war er der meistgesuchte Mediziner weit und breit und dauernd auf Achse. Wenigstens lag es nun nicht mehr an ihr, sich für die häufige Abwesenheit entschuldigen zu müssen.
Sie traf ein leeres Haus an in Dahlem. Jamies Zettel lag auf dem Küchentisch, der in den Anfängen um diese Zeit nach Feierabend stets festlich gedeckt gewesen war. Roland Koch Institut , lautete die Notiz, love you, Jamie . Die Einladungskarte für die Veranstaltung im RKI Berlin klebte daran. Sie warf den Zettel achtlos wieder hin und blickte sich in der leeren Küche um. Diese Küche, die locker für ein kleines Gourmet-Restaurant reichte, war sein Königreich gewesen. Sie hatte sich jeweils nur hinsetzen und genießen können. Jetzt wirkte sie leer wie ihr Magen. Nichts außer einer Schale mit halb totem Obst stand auf dem Tisch. Seine Musik spielte nicht mehr hier. Sie ahnte jetzt, wie er sich früher bei geregelter Arbeitszeit gefühlt haben musste, als er versuchte, sich an ihr unberechenbares Leben als Kriminalkommissarin anzupassen.
Sie nahm einen Apfel aus der Schale, der sich noch einigermaßen fest anfühlte, und stieg die Treppe hinauf. Im Musikzimmer, welches das ganze Dachgeschoss einnahm, holte sie ihr Saxofon aus dem Instrumentenkoffer und legte sich auf die Couch. Lange streichelte sie das goldene ›Senzo‹ in der Hoffnung, die Lust zu spielen würde zurückkehren. Schließlich nickte sie ein.
Das Handy weckte sie. Kollege Haases Stimme klang ruhig und entspannt wie immer, als verbrächte er den Urlaub im Büro, nicht das ganze Leben.
»Ich fürchte, Sie müssen herkommen, Chef«, meldete er. »Es brennt.«
»Ist das nicht eher ein Fall für die Feuerwehr?«, versuchte sie zu scherzen.
»Staatssekretär Panzer aus dem Innenministerium wird in den nächsten Minuten erwartet«, erklärte er.
»Und Staatsanwältin Winter hyperventiliert«, warf sie ein. »Kann ich mir vorstellen. Bin schon unterwegs.«
Musik funktionierte nicht, Arbeit würde womöglich helfen, die Enttäuschungen des Tages schneller zu vergessen. Zudem war Haase nicht nur der brillanteste Fallanalytiker, den sie kannte, er beherrschte auch die hohe Kunst der Baristas. Sein wunderbar cremiger Ristretto war allein schon eine Reise zum Bundeskriminalamt am Treptower Park wert.
Unterwegs im Auto ließ sie sich von ihm briefen. Mit einer Tasse seines edlen Gebräus betrat sie wenig später Staatsanwältin Winters Büro, im Kopf die klare Vorstellung, was sie erwartete und was die andern von ihr zu erwarten hatten. Der Unbekannte an Winters Besprechungstisch musste Staatssekretär Panzer sein. Er erhob sich und stellte sich vor, eine unerwartete Geste, die ihre kompromisslose Haltung zu untergraben drohte. Nicht unsympathisch, musste sie zugeben, beinahe schon Kategorie Generalbundesanwalt Osterhagen, dessen Gegenwart sie einige Male in der Vergangenheit verwirrt hatte.
»Ich nehme an, das BMI interessiere sich nicht in erster Linie für einen Mordfall in Aachen«, bemerkte sie lächelnd.
Staatsanwältin Winter rutschte auf ihrem Stuhl hin und her, bereit einzugreifen, falls nötig. Sie war die Einzige unter Hochspannung im Raum. Das Gespräch zwischen dem Vertreter des Innenministers und ihr selbst verlief geradezu beängstigend harmonisch. Es lag wohl daran, dass Panzer wie das Ministerium von einer wenig fassbaren Angst getrieben war. Das BMI fürchtete, die durch Proteste in den sozialen Medien und einem Teil der Presse aufgeheizte Stimmung in der Bevölkerung könnte kippen, in Gewalt ausarten und das ganze Land überziehen.
»Und jetzt die Morde in Aachen«, sagte Panzer düster. »Der Minister, was sage ich, das halbe Kabinett fürchtet, diese mysteriösen Geschworenen könnten ihre Drohung wahr machen. Klaus Hartmann gibt offen zu, dass die Nerven im Kanzleramt blank liegen.«
Vielleicht etwas übertrieben , dachte sie, aber die Gefahr war nicht von der Hand zu weisen. Winter brach ihr Schweigen.
»Müsste unter diesen Umständen nicht eher das Justizministerium aktiv werden?«
Er stimmte zu, schränkte allerdings ein:
»Es ist eine heikle Gratwanderung, wie Sie sich vorstellen können. Noch liegen keine Straftaten vor außer den bedauernswerten Fällen in Aachen. Hetze im Internet und Drohungen auf Transparenten sind weitgehend erlaubt, Meinungsäußerungsfreiheit.«
Winter bohrte weiter. Die Staatsanwältin wusste wie Sie, worauf diese Besprechung hinauslief: auf einen politisch delikaten Spezialauftrag. Den wollte die Juristin wenigstens klar umreißen und wenn möglich aufs Machbare beschränken. Chris sah keine Veranlassung, sie daran zu hindern.
»Das BMI möchte also die gefährliche Hetzkampagne beenden, das verstehe ich«, sagte Winter. »Bundesanwaltschaft, BKA und vor allem der Verfassungsschutz haben doch aber die Mittel, um in einem solchen Fall präventiv einzugreifen. Weshalb geschieht das nicht?«
Panzer nickte lächelnd. »Wer sagt, dass das nicht der Fall ist?« Nach kurzem Zögern fügte er an: »Eine entsprechende Taskforce hat vor zwei Tagen die Arbeit aufgenommen.«
Es war an Winter, diese Nachricht mit einem Lächeln zu quittieren, obwohl ihr das nie richtig gelang. Lächeln passte einfach nicht zu ihrem Gesicht. Das Wort Taskforce gefiel Chris ganz und gar nicht. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich, als sie fragte:
»Was haben wir damit zu tun?«
»Gar nichts.«
Panzers Antwort kam wie aus der Pistole geschossen, als wüsste er um ihre Allergie gegen Gruppenarbeit aller Art über verschiedene Behörden hinweg. Er betrachtete sie eine Weile, nickte dann schmunzelnd und sagte:
»Curd hat mich gewarnt.«
Der Name elektrisierte sie.
»Osterhagen?«, platzte sie heraus. »Sie sprechen vom Generalbundesanwalt?«
»Er hat mich überzeugt, Sie einzuschalten – oder es zumindest zu versuchen.«
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