Winters Gesicht leerte sich. Sie gab die Schlacht verloren. Gegen ihren obersten Chef konnte sie nichts ausrichten. Panzer verlor keine Zeit und beschrieb kurz und präzise, was Bundesanwaltschaft und Innenministerium von ihr erwarteten.
Gegen Mitternacht fuhr sie auf der A2 Richtung Westen, den klaren Auftrag im Gepäck, die Geschworenen zu identifizieren. Haases Akte darüber und über die Morde in Aachen lag im Kofferraum. Sie füllte bereits zwei dicke Ordner. Osterhagen würde ihr den Rücken freihalten und sie unterstützen. Daran zweifelte sie keinen Augenblick. Ein Problem stellten einzig die Kollegen vom LKA Düsseldorf dar. Sie konnte sich deren Begeisterung über die Verstärkung aus Berlin lebhaft vorstellen.
KAPITEL 2
Wiesbaden
Am frühen Morgen fuhr sie direkt zur BKA-Zentrale in Wiesbaden. Hier hatte ihre Karriere als Ermittlerin begonnen, falls man die erlebten Höhen und Tiefen so bezeichnen wollte. Nostalgische Gefühle kamen nicht auf, zu sehr beschäftigte sie die Eiszeit zu Hause. Schlimm genug, dass sie und Jamie sich auseinander lebten, vor allem aber sah sie keine Verbesserung, falls sich beide an ihren Job klammerten.
Mit einem leisen Fluch stieß sie die Tür zur Cafeteria auf. Wenn Sie jetzt nichts zwischen die Zähne bekam, würde sie zusammenklappen, bevor sie Uwe gefunden hätte. Telefonisch war der IT-Spezialist, dem sie nachgerade alles zutraute, was entfernt mit Computern zu tun hatte, während der ganzen Nacht nicht zu erreichen gewesen. Uwes abgeschaltetes Smartphone bedeutete nichts Gutes. Sie stopfte rasch ein fast zu Staub zerfallendes Schoko-Hörnchen in sich hinein. Die frischen würden erst in zwei Stunden geliefert, versicherte die Kassiererin mit vorwurfsvollem Blick. Das gebräunte Wasser, das hier als Kaffee verkauft wurde, verhinderte wenigstens den drohenden Erstickungsanfall.
Das Großraumbüro, wo Uwe Wolf mit zwei Dutzend anderen Nerds arbeitete, als wäre er einer von ihnen, empfing sie kalt und leer wie ihr Haus in Dahlem. Er war keiner von ihnen. Nicht nur sein IQ unterschied ihn vom gewöhnlichen Volk. Er besaß auch ein paar Eigenschaften, die den Umgang mit ihm nicht eben erleichterten.
»Die werden doch nicht wieder alle an einer bescheuerten Sitzung ihre Zeit vertrödeln«, murmelte sie ärgerlich.
Schon auf dem Sprung zum Abteilungsleiter, der sie fürchtete wie Uwe fremde Hände auf seiner Tastatur, sah sie, wie eine junge Frau lachend hereinplatzte. Sie erkannte Lena erst auf den zweiten Blick, aufgekratzt, strahlend, in einem geradezu unverschämt entblößenden Trägerleibchen. Aus dem Mauerblümchen am Platz gegenüber Uwes Burgwall aus Bildschirmen war eine junge Frau geworden, die ihr Glück gefunden hatte, wie es schien.
»Gott sei Dank, Lena«, grüßte sie schmunzelnd. »Ich dachte schon, die hätten eure IT aus Spargründen dichtgemacht.«
Lena erinnerte sich sofort an sie, obwohl die letzte Begegnung knappe zwei Jahre zurücklag.
»Chris!«, rief sie überrascht. »Verstecken sich die schweren Jungs wieder im Netz?«
Lenas Transformation war vollkommen. Die Frage nach dem Grund lag Chris auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. Der Grund betrat gerade das Büro, wie sie an der leichten Errötung von Lenas sonst schneeweißen Wangen erkannte.
»Uwe, rate mal, wer da ist«, rief sie dem Gesuchten entgegen, als hätte er keine Augen im Kopf. Zu ihr gewandt, fügte sie kichernd hinzu: »Ein Pfeiler in der Tiefgarage stand heute Morgen am falschen Platz.«
Die Liebe musste noch sehr jung sein, wenn das der Grund für ihre Heiterkeit war.
»Hauptkommissarin Chris, wir kennen uns«, sagte Uwe, setzte sich an seinen Platz und schaltete die Monitore ein.
Es war seine Art, Freude über das Wiedersehen auszudrücken. Alles hatte sich also doch nicht verändert. Er konnte Small Talk nicht ausstehen oder Redundanz, wie er ihn nannte, also schilderte sie ohne Umschweife, was sie von ihm erwartete.
»Sie halten diesen jury12 für den Aachener Mörder?«, fragte Lena, die auch zugehört hatte.
Sie schüttelte den Kopf. »Das habe ich nicht gesagt. Im Augenblick gehe ich davon aus, dass die Geschworenen eher die Strippenzieher sind. Sie manipulieren die Leute, heizen die Stimmung auf und betreiben gezielt Mobbing, um missliebige Personen auszuschalten. Bis jetzt haben sie nicht ausdrücklich zu Gewalt aufgerufen, aber das war im Fall des Lobbyisten Scholz offenbar auch nicht nötig.«
»Mobbing bis zum Mord«, murmelte Lena nachdenklich, »eine ganz neue Dimension.«
Chris verstand nicht viel von Psychologie. Es reichte, um Verhöre zu führen, mehr nicht. Sie konnte sich dennoch gut vorstellen, dass genügend labile Geister im Netz unterwegs waren, die davon träumten, dem Aachener Phantom-Polizisten nachzueifern. Uwe arbeitete konzentriert an seinem Computer. Bald schüttelte er ärgerlich den Kopf.
»Auf Anhieb nichts zu machen. Jury12 benutzt das Tor-Netzwerk.«
»Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, Uwe.«
Das implizierte Kompliment ließ ihn kalt. Er interessierte sich wie gewohnt nur für die scheinbar unlösbare Aufgabe. Seine Finger tanzten auf der Tastatur wie zu einem up tempo Solo von Wynton Marsalis, bei dem kein Metronom mehr mitkommt.
»Es gibt neuerdings ein Hashtag #dieGeschworenen auf Twitter«, verkündete Lena.
Chris ließ Uwe arbeiten und wechselte zu Lenas Bildschirmen. Unter dem neuen Hashtag fanden sich schon nahezu tausend Einträge. Nutzer mit Spitznamen wie WeißerHai oder LawAndOrder interessierten sie nicht, Namen, die auf Firmen oder Medien schließen ließen, hingegen schon. Ein Name tauchte immer wieder auf, wie sie rasch feststellte: RuhrStahl. Die Beiträge von RuhrStahl waren professionell verfasst. Sogar die Interpunktion stimmte, die sonst fast gänzlich fehlte. Der Tenor von RuhrStahl war eindeutig: Freihandel mit China ist Teufelszeug. Insofern zeigte man Verständnis mit den Protesten gegen Scholz und das Kanzleramt.
»Kein Wunder, fürchten unsere Stahlkocher die Chinesen mit ihren Dumping-Preisen«, sagte sie. »Kann man herausfinden, wer sich hinter RuhrStahl verbirgt?«
Lena lachte. »Klar kann ich das – mit einem Gerichtsbeschluss.«
»Dauert Tage«, warf Uwe ein, der offenbar mit einem Ohr mithörte.
Sie rief Haase an. Eine Stunde später lag die Information in ihrer Inbox. RuhrStahl war das offizielle Kürzel eines Portals, das als Sprachrohr der deutschen Stahlindustrie diente. Als Chefredakteurin zeichnete eine gewisse Nora Schreiber. Haase lieferte ein Dossier über sie als Anhang gleich mit. Sie hatte nun genügend Munition beisammen, um das LKA Düsseldorf heimzusuchen. Uwe arbeitete wie besessen an der Suche nach jury12. Er bekam nicht mit, wie sie sich entfernte, nachdem sie Lena eingeschärft hatte, neue Entwicklungen im Netz unverzüglich zu melden.
Gegen Mittag grüßte der Düsseldorfer Rheinturm mit seiner Dezimaluhr von fern. Nach einem Halt beim Gemüse Döner, gut wie zu ihren Zeiten in Wiesbaden, fuhr sie nach Hamm zum Landeskriminalamt. Der alte Kripochef, der mit ihr noch eine Rechnung offen hatte, war wohl inzwischen in Rente, hoffte sie. Trotzdem betrat sie das Gebäude mit der Abneigung, die schlechte Erfahrungen begleitete wie der Geschmack von Blut und Zahnpasta nach der Zahnkontrolle.
Das Gefühl täuschte sie nicht. Nach drei Minuten war klar: Der zuständige Ermittler im Fall Aachen, Hauptkommissar Tom Fischer, war eine jüngere Ausgabe des ehemaligen Chefs. Eine gute Eigenschaft besaß er allerdings. Er sprach offen aus, was er dachte. Das hörte sich zwar meist nicht gut an aber besser so als in den Rücken schießen, sagte sie sich. Ihre Taktik der Deeskalation fruchtete nicht. Während sie nüchtern den Fragenkatalog abarbeitete, gab er ihr mit jeder Antwort zu verstehen, ihr Einsatz in Düsseldorf wäre so überflüssig wie Fußschweiß. Außer dem jungen Kriminalassistenten Becker fanden das alle im Büro amüsant. Becker musste sie sich merken. Sein rotes Kraushaar blendete wie die grünen Augen, als wollte er sie für ein Fotoshooting ausleuchten. Ungefähr eine halbe Stunde spielte sie Fischers Spiel mit, dann riss ihr Geduldsfaden.
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