„Das sagten zumindest Zeugen, wie wir hörten.“
„Ja, aber den kannte ich doch gar nicht. Der wurde nur auf einmal aggressiv, weil ich ihn aufgefordert habe, seine Rechnung bei Hannes, dem Budenbesitzer, zu bezahlen.“
„Allerdings in polnischer Sprache. Woher wussten Sie, dass er Pole ist, wenn Sie ihn nicht kannten?“
„Weil er auf dem Display seines Smartphones, mit dem er ständig rumhantierte, in großen Lettern den Namen seines polnischen Providers stehen hatte. ‚Polkomtel’. Den würden Sie hier in Deutschland sicher auch nicht als Ihren Netzbetreiber wählen. Und weil der Vogel auf die Zahlungsaufforderung von Hannes einfach nicht reagiert hat, habe ich ihn am Hemdkragen festgehalten und es einfach mal auf polnisch probiert. Wissen Sie, der Hannes is´n prima Kerl. Den bescheißt man nicht.“
„Aha. Und woher können Sie so gut polnisch?“, wollte der Polizist wissen.
„Kann ich gar nicht. Aber wenn Sie, wie ich, mehrfach im Jahr nach Polen fahren müssten, dann würden selbst Sie zumindest die Floskeln kennen, die mit Bezahlen zu tun haben“, meinte Drescher nett lächelnd. „Denn Einkaufen und Essen müssen Sie unterwegs ja auch gelegentlich. Ach so, nee, Sie haben da ja eher Glück“, fügte er eine Spur zu süffisant an, „bei Ihnen ist ja immer Deutschland.“
„Wir machen auch nur unseren Job, Herrrrr Drescher“, überbetonte der Beamte. „Warum haben Sie den Mann eigentlich nicht angezeigt?“
„Weil ich mir genau diesen Zinnober hier ersparen wollte, Herrrrr Wachtmeister“, gab der Angesprochene angefressen zurück. „Ich glaube, das war ’ne Reflexhandlung bei dem, als ich ihn von hinten angefasst habe. Sie wissen doch, dass es Menschen gibt, die schnell mal überdrehen. Und das war bei dem genauso. Aber als der sich umdrehte und mich sah, ist dem aus Angst fast die Klinge aus der Hand gefallen. Diese halbe Portion hätte ich beim tief Luft holen quer unter der Nase hängen gehabt, verstehen Sie.“ Drescher fühlte sich obenauf.
„Mag ja sein, aber eine Anzeige wäre absolut richtig gewesen.“ Der Polizist wollte offenbar partout das letzte Wort haben.
„Hören Sie“, begann Drescher wieder und jetzt eine Spur eindringlicher, „ich bin auf dem Weg nach Krakau in Polen. Das sind rund 980 Kilometer und etwa 13 Stunden reine Fahrzeit bis dort hin. Wenn alles gut geht. Dazu meine Rast- und Ruhezeiten. Morgen spätestens um 17.30 Uhr muss ich dort sein, habe einen festen Abladetermin und vorher mindestens fünf bis sechs Staus. Meinen Sie, da könnte ich mir noch große Anzeigen- und Protokollarien bei der Polizei leisten? Ich muss los, Mensch! Kommen Sie, hier haben Sie meine Karte, da stehen meine Mobil- und meine Festnetznummer drauf und meine E-Mail-Adresse.“
Wie ein Gentleman überreichte er dem reichlich baff dreinschauenden Polizisten die Visitenkarte aus seinem Truckfenster von oben herunter. „Ich bin in spätestens drei Tagen mit einer Rückladung wieder zuhause. Ich wohne in Hemschlar, haben Sie ja gesehen in den Papieren. Dann komme ich gerne auf die Wache in Berleburg und gebe alles zu Protokoll. Und wenn noch was unklar ist, rufen Sie mich einfach auf dem Handy an. Ich hab‘ ’ne Freisprecheinrichtung auf meinem Bock. Da verrutscht nix.“
Der eine Polizist schaute den anderen an. Irgendwie schien beiden diese ganze Geschichte einzuleuchten. Und irgendwie hatten beide auch keine Lust, hier noch den großen Larry raushängen zu lassen. War bald Schichtwechsel. Irgendwann musste es ja gut sein.
„Okay, Herr Drescher. Sie können fahren. Wenn noch Fragen sind, werden sich die Kollegen von der Wache in Berleburg an Sie wenden. Gute Fahrt.“
„Danke, schönen Abend noch“, entgegnete der und startete den Truck. Da fiel ihm etwas siedendheiß ein. „Ääh, Moment, Herr Wachtmeister. Moment bitte noch. Was war denn jetzt eigentlich? Hat mich jetzt etwa der Pole angezeigt? Oder warum wollten Sie das alles so genau wissen? Aber woher hätten Sie sonst seinen Namen. Falls der überhaupt stimmt.“
„Der Mann war in einen schweren Unfall verwickelt. Da waren Sie wohl gerade erst ein paar Minuten weg. Die Kollegen konnten ihn über seine Papiere identifizieren.“
„Das gibt´s doch gar nicht. Das ist ja der Hammer. Hat der sich mit seinem Truck auf die Fresse gelegt?“
„Nein, er ist vor einer Imbissbude von einem PKW erfasst und schwer verletzt worden. Mehr wissen wir auch nicht. Tschüß.“ Die beiden wendeten sich ihrem Dienstwagen zu und ließen Drescher verdattert stehen.
„Mann, Mann, Mann, das ist ja ´n Ding.“ Drescher setzte den Blinker links, legte den ersten Gang ein und löste die Bremsen. Langsam zog er mit seinem Gespann hinter den abfahrenden Polizeiwagen und fuhr gesittet runter in die Laaspher Innenstadt. Um dort links auf die B 62 in Richtung Marburg einzubiegen. Die Rushhour hatte eingesetzt. Der Mist hier hatte einfach elend lange gedauert.
Jetzt konnte er sich den geplanten Halt bei der Metzgerei Reuter in der Bahnhofstraße getrost abschminken, musste erstmal raus aus dem Schlamassel hier. ‚Vielleicht klappt´s ja bei Kalender in Sterzhausen’, überlegte er. Er wollte unbedingt noch einen Kringel Fleischwurst für unterwegs mit in seine Kühlkiste nehmen. Als Proviant. Wenn´s zu eng für Essenspausen würde. Brötchen und geschmierte Butterbrote hatte er dabei. Alleine fahren ließ einfach keine Alternativen offen. Und einen zweiten Fahrer auf dem Truck gab es schon lange nicht mehr.
Corinna Lauber war am Ort des Geschehens in der Limburgstraße eingetroffen. Um den Tatort in Augenschein zu nehmen. Eine ganz wichtige Komponente für Ermittler, die sich von allen Abläufen ein möglichst plastisches Bild machen wollen. Nur war das nun nicht mehr so ganz möglich. Weil der Lastzug nicht mehr dort stand, wo er zur Zeit der Tat geparkt war und auch das BMW-Cabriolet jetzt auf der Seite stand. Nur Kreidemarkierungen auf der Fahrbahn ließen auf den Punkt des Aufpralls und auf den Punkt nach der Vollbremsung schließen. Dazu gab es einige Polizeifotos.
Corinna war fassungslos. Zumindest die Endpositionen nach der Attacke des LKW-Fahrers hätten sie einhalten müssen. „Wer hat das denn veranlasst? Seid Ihr alle verrückt? Nichts am Tatort verändern, heißt es immer. Ich fasse es nicht! Wie kann man nur so“ … ‚blöd sein’, wollte sie eigentlich sagen. Aber die hübsche junge Frau verkniff es sich. Gar nicht so einfach bei einem so dicken Hals. Es war schließlich ihr erster Fall eines eventuellen Mordversuchs, den sie in Eigenverantwortung übertragen bekommen hatte.
„Also pass mal auf, Corinna“, mischte sich mal wieder Pommesdealer Hannes ein. „Der LKW stand da hinten, hinter den beiden Trucks da.“ Er schob die verdatterte Kriminalistin in die Straßenmitte und zeigte mit seiner Linken in die angegebene Richtung. „Der Mann, der auf den BMW geflogen ist, wurde von dessen Sattelauflieger einfach heruntergeworfen und ist auf Motorhaube und Frontscheibe des Cabrios geknallt.“
„Interessante Theorie“, sagte Corinna. „Aber Du solltest mich erst mal mit den Kollegen reden lassen. Okay!?“
„Schon gut, schon gut“, zog der leicht beleidigte Hannes mit erhobenen Händen von dannen, hielt sich aber weiter am Straßenrand auf. Das Ding war genau so gelaufen. Das war für ihn so klar wie Kloßbrühe. Da brachte ihn niemand von ab. Anders konnte es gar nicht gewesen sein. Und spätestens, nachdem er den Fahrer gesehen und ihn mit Polizeigriff festgehalten hatte, war ihm klar, dass der auch die Kräfte dazu hatte, den dürren Polen einfach so aus dem Lastzug zu schmeißen.
Pattrick Born kletterte gerade aus einem der Polizeibusse, in dem sie den Fahrer des Lastzugs mit Handschellen festgesetzt hatten, als Corinna auf den Wagen zusteuerte. Er grüßte freundlich und wollte an ihr vorbei. „Wo is´n der Klaiser?“
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