Es ist kaum möglich, die verschiedenen Motive der Lateinamerikapolitik in dieser Periode sauber auseinander zu halten. Im Grunde ging es den Verantwortlichen in Washington immer um eine umfassende Wahrung der nationalen Interessen, wobei militärische Sicherheitsüberlegungen, wirtschaftliche Profitgesichtspunkte und spezifische Vorstellungen von politischer Entwicklung und sozialem Fortschritt ineinandergriffen. Mit einer schlichten Verurteilung des US-Imperialismus ist es für den Historiker aber nicht getan. Zum einen erzielten die USA in einigen lateinamerikanischenLateinamerika Staaten – wie auch auf den PhilippinenPhilippinen – durchaus gewisse Modernisierungserfolge. Analog zu den progressivenProgressivismus ReformenReformbewegungenProgressivismus daheim verbesserten sie die Infrastruktur, bauten das Bildungs- und GesundheitswesenGesundheitswesen aus, reorganisierten die Finanzverwaltungen und drängten auf demokratische Wahlen. Als zweischneidiges Schwert erwies sich die Ausbildung von Polizei- und Militärverbänden, die in der Folge oft zu Unterdrückungsinstrumenten diktatorischer Regime degenerierten. Andererseits trugen die Lateinamerikaner, insbesondere die gesellschaftlichen Eliten, durch eigene Versäumnisse und Fehler sehr viel dazu bei, dass die USA eine derart ungehinderte Vorherrschaft ausüben konnten. An erster Stelle ist hier die unsolide Finanz- und Steuerpolitik zu nennen, die viele Länder immer wieder in Krisen und Staatsbankrotte hineintrieb. Hinzu kam der mangelnde nationale Zusammenhalt, der es einzelnen Fraktionen der Führungsschicht geraten erscheinen ließ, sich bei dem großen Nachbarn im Norden „rückzuversichern“ und ihn in die eigenen innenpolitischen Querelen hineinzuziehen. In dem Maße, wie das nationale Selbstbewusstsein in den lateinamerikanischenLateinamerika Ländern zunahm, wuchs auch die Proteststimmung gegen die erzwungene Modernisierung, die militärischen Eingriffe und den Dollar-Imperialismus der Yankees Yankee. Auf diese Weise entstand ein politischer und kultureller Antagonismus zwischen den USA und LateinamerikaLateinamerika, der auch nicht verschwand, als die Interventionstruppen überall abgezogen wurden und Präsident Franklin RooseveltRoosevelt, Franklin D. in den 1930er Jahren seine „Politik der guten Nachbarschaft“ verkündete.
Den zweiten Schwerpunkt der außenpolitischen Aktivitäten vor dem Ersten WeltkriegErster Weltkrieg bildete OstasienOstasien, wo die Großmächte seit dem japanisch-chinesischen KriegJapanJapanisch-chinesischer Krieg von 1895 das zerfallende ChinaChinaBeziehungen zu ChinaImperialismus in Interessensphären aufteilten und die amerikanischen Kaufleute und Missionare Gefahr liefen, an den Rand gedrängt zu werden. Nachdem die USA auf den PhilippinenPhilippinen und HawaiiHawaii Fuß gefasst hatten, konnte die amerikanische Regierung ihre AsienAsien-Ambitionen mit größerem Nachdruck verfolgen. Außenminister HayHay, John warnte die anderen Mächte in zwei Noten von 1899 und 1900 davor, die territoriale Integrität ChinasChinaBeziehungen zu ChinaImperialismus zu zerstören, und forderte sie auf, in ihren jeweiligen Einflusszonen allen Nationen gleichberechtigte Handelsmöglichkeiten zu gewähren. Europäer, Russen und JapanerJapanImperialismus betrachteten dieses Prinzip der Open Door AußenpolitikOpen Door PolitikOpen Door Policy, das ihren eigenen Vorstellungen von Kolonialpolitik zuwiderlief, als Verschleierung amerikanischer Monopolbestrebungen. Zunächst änderte sich nicht viel, zumal die Amerikaner 1900 unter deutschem Oberbefehl an der gemeinsamen Niederschlagung des nationalistischen Boxer-AufstandsBoxer-Aufstand in PekingPeking teilnahmen. Allmählich traten die Interessenkonflikte aber schärfer hervor, denn die USA bezogen trotz oder gerade wegen ihres wirtschaftlichen Profitstrebens in China den anderen Mächten gegenüber eine anti-kolonialistische Position. Die Chinesen versuchten, daraus Kapital zu schlagen, indem sie die Amerikaner gegen die übrigen Eindringlinge ausspielten.
Nach der Jahrhundertwende stiegen die JapanerJapanImperialismus auf Grund ihrer wirtschaftlichen und militärischen Erfolge zum härtesten Konkurrenten der USA in AsienAsien auf. 1905 vermittelte Präsident RooseveltRoosevelt, Theodore in PortsmouthFrieden von Portsmouth (1905), New HampshireNew Hampshire, einen Frieden zwischen Japan und RusslandRusslandZarenreichRusslandRussisch-Japanischer Krieg in der Absicht, das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Mächten möglichst zu erhalten. Sein Engagement trug ihm 1906 den Friedensnobelpreis ein, hinderte die Japaner aber nicht daran, ihre Machtposition auf dem chinesischen Festland immer weiter auszubauen. Wegen der exponierten Lage der PhilippinenPhilippinen sah sich RooseveltRoosevelt, Theodore deshalb gezwungen, ein politisches Arrangement mit TokioTokio zu suchen: Im Gegenzug für die japanische Zusage, die amerikanischen Besitzungen in Asien zu respektieren, erkannten die USA die Hegemonie JapansJapanImperialismus über KoreaKorea und die Interessen der Japaner in der MandschureiMandschurei an. Ein dauerhafter Ausgleich gelang jedoch nicht, weil die Zielvorstellungen zu unterschiedlich waren und kulturelle Faktoren die Beziehungen zusätzlich belasteten. Die JapanerJapanImperialismus betrachteten die Amerikaner als Störenfriede in Asien und empörten sich über die rassische Diskriminierung ihrer Landsleute auf HawaiiHawaii und in KalifornienKalifornien. Als die Schulbehörden von San FranciscoSan Francisco 1906 gesonderte Schulen für asiatische Kinder einführten, konnte ein Bruch zwischen Tokio und Washington nur mit Mühe verhindert werden. Um weiteren Demütigungen dieser Art vorzubeugen, sah sich die japanische Regierung genötigt, die Auswanderung in die USA praktisch zu unterbinden. Die Amerikaner wiederum misstrauten nach wie vor den japanischen Absichten in ChinaChina und unterstützten ab 1911, als die Revolution ausbrach, die nationalchinesischen Kräfte gegen die Japaner. Ob es ihre Politiker wollten oder nicht, wurden die USA von nun an in die Intrigen und Händel der asiatischen Politik hineingezogen.
Am Vorabend des Ersten WeltkriegesErster Weltkrieg hatte ein American Empire Konturen gewonnen, nicht als Kolonialreich im herkömmlichen Sinne, sondern als weltweites System unterschiedlicher Rechtstitel und abgestufter Einflussmöglichkeiten: Neben der einzigen „echten“ Kolonie, den PhilippinenPhilippinen – deren Einwohnern 1916 die Unabhängigkeit in Aussicht gestellt wurde –, gehörten hierzu Territorien mit US-Gouverneuren (Puerto RicoPuerto Rico, HawaiiHawaii), Flottenstützpunkte auf dem Weg nach AsienAsien (SamoaSamoa, GuamGuam, MidwayMidway-Inseln und weitere Pazifikinseln), Protektorate, in denen der amerikanische Botschafter wie ein Statthalter residierte (KubaKuba, PanamaPanama, Dominikanische RepublikDominikanische Republik, HaitiHaiti, NicaraguaNicaragua), und Staaten, deren Politik weitgehend von US-Konzernen kontrolliert wurde (etwa Costa RicaCosta Rica und HondurasHonduras von der United Fruit Co.United Fruit Co. und das afrikanischeAfrika LiberiaLiberia vom Kautschukproduzenten FirestoneFirestone). Die meisten Staaten Mittel- und Südamerikas waren inzwischen schon so stark auf den nordamerikanischen Markt ausgerichtet, dass sich auch ihr politischer Handlungsspielraum verringerte. In der westlichen Hemisphäre übten die USA also bereits eine Hegemonie aus, und in Europa und Südostasien machte sich ihr Gewicht allmählich stärker bemerkbar.
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