Ganz im Einklang mit Captain MahansMahan, Alfred T. geostrategischem Konzept machte Roosevelt die Kanalverbindung zwischen Atlantik und Pazifik zum Kernstück seiner Außenpolitik. Zunächst ließ er sich von den BritenGroßbritannien für die Garantie der freien Durchfahrt aller Schiffe die alleinige Befugnis zum Bau und zur Kontrolle des Kanals geben. Dann traf er die Entscheidung für die Kanalroute am Isthmus von PanamaPanama, wo in den 1880er Jahren ein französischer Versuch unter Ferdinand de LessepsLesseps, Ferdinand de gescheitert war. Als die kolumbianische Regierung ihre finanziellen Forderungen in die Höhe schraubte, setzte Roosevelt Ende 1903 ohne Rücksicht auf völkerrechtliche Gepflogenheiten und mit Hilfe eines zwielichtigen französischen Verbindungsmannes, Philippe Buneau-VarillaBuneau-Varilla, Philippe, die Unabhängigkeit PanamasPanama ins Werk. (Knapp zwanzig Jahre später erleichterten die Amerikaner ihr Gewissen, indem sie KolumbienKolumbien mit 25 Millionen Dollar „abfanden“.) Die panamesischen Nationalisten traten eine 32 km breite Kanalzone an die USA ab, für die Washington eine einmalige Summe von 10 Millionen Dollar und ein jährliches Entgelt von 250.000 Dollar zahlte. 1906 begann der Bau des „Jahrhundertprojekts“, den amerikanische Ingenieure leiteten und der im Wesentlichen von amerikanischen Firmen vorangetrieben wurde. Roosevelt scheute keine Kosten und brachte den Kongress immer wieder dazu, die erforderlichen Gelder zu bewilligen. Er stationierte Militär in der Kanalzone und ließ sie mit schweren Geschützen befestigen. Im Jahr 1914, fast zeitgleich mit dem Kriegsausbruch in Europa, wurde der 82 km lange PanamakanalPanamakanal fertig gestellt und von Präsident WilsonWilson, Woodrow feierlich eingeweiht. Er verkürzte den Seeweg von der Ost- zur Westküste der USA um 8000 Seemeilen, was große wirtschaftliche Bedeutung hatte, vor allem aber enorme strategische Vorteile einbrachte, weil Kriegsschiffe jetzt innerhalb weniger Tage vom Atlantik in den Pazifik und umgekehrt verlegt werden konnten. Inzwischen war der Flottenbau weiter intensiviert worden, und die USA standen seit 1907 an der zweiten Stelle der Seemächte, übertroffen nur noch von Großbritannien. Die Militärplaner in WashingtonWashington, D.C. rechneten zu diesem Zeitpunkt aber bereits nicht mehr mit der Möglichkeit eines amerikanisch-englischenGroßbritannien Krieges, sondern richteten ihr Augenmerk ganz auf das DeutscheDeutschlandBeziehungen zu Deutschland vor 1949Vor dem Ersten Weltkrieg Reich und JapanJapanImperialismus als potenzielle zukünftige Gegner.
Der PanamakanalPanamakanal in Verbindung mit der Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-DoktrinMonroe-Doktrin machte die KaribikKaribik im Verständnis vieler Amerikaner endgültig zum „Vorgarten“ oder „Hinterhof“ der USA. Ökonomische Durchdringung und politische Einflussnahme gingen hier Hand in Hand, und die Hemmschwelle für militärische Zwangsmaßnahmen begann zu sinken. Das bekamen als Erste die Kubaner zu spüren, deren Souveränität erheblich eingeschränkt wurde. Das von Kriegsminister Elihu RootRoot, Elihu verfasste Platt Amendment Platt Amendment, das die Kubaner 1901 in ihre VerfassungVerfassung aufnehmen mussten, legte fest, dass alle völkerrechtlichen Verträge, die KubaKuba abschloss, der Genehmigung durch den amerikanischen Kongress bedurften. Darüber hinaus wurden die USA ermächtigt, militärisch einzugreifen, wenn sie die territoriale Integrität oder die innere Ordnung der Insel für gefährdet erachteten; und schließlich durfte die US Navy den Stützpunkt GuantánamoGuantánamo, Kuba (US Stützpunkt) unterhalten (was sie heute noch tut). Obgleich die USA also offiziell die Unabhängigkeit Kubas anerkannten, errichteten sie faktisch ein Protektorat über die Insel, das durch die einflussreiche Rolle amerikanischer Landbesitzer, Geschäftsleute und Konzerne noch verstärkt wurde. Dieser halbkoloniale Status provozierte fast zwangsläufig Widerstand, den die USA mehrfach mit militärischen Interventionen beantworteten. Erst 1922 verließen die letzten amerikanischen Besatzungstruppen die Insel, und 1934 hob der Kongress das Platt Amendment im Zeichen von Franklin D. RooseveltsRoosevelt, Franklin D. Good Neighbor Policy AußenpolitikGood Neighbor-Politik offiziell auf.
Besonders empfindlich reagierten die USA auf Aktionen, die sie als Missachtung der Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-DoktrinMonroe-Doktrin verstanden. Das erfuhren Engländer, Deutsche und ItalienerItalien, als sie 1902 die Regierung von VenezuelaVenezuela, die den Staatsbankrott erklärt hatte, durch eine gemeinsame Flottenexpedition zur Anerkennung ihrer Schulden zwingen wollten. Vor Theodore RooseveltsRoosevelt, Theodore Drohung, notfalls die Flotte einzusetzen, wichen sie zurück und fanden sich mit einem Schiedsgericht ab. Diese zweite Venezuelakrise sorgte wiederum für große Aufregung in der amerikanischen Öffentlichkeit und belastete vorübergehend die Beziehungen der USA zu den europäischen Mächten. Um ähnlichen Zwischenfällen vorzubeugen und den Europäern jeden Vorwand für Strafaktionen in der KaribikKaribik zu nehmen (die möglicherweise zur Besetzung von Inseln oder zur Errichtung von Flottenstützpunkten führen konnten), verkündete Roosevelt im Dezember 1904 seine so genannte „Ergänzung“ ( corollary ) zur Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-Doktrin. Formell war sie an die Adresse der lateinamerikanischenLateinamerika Regierungen gerichtet, die gewarnt wurden, durch eigenes Fehlverhalten Situationen heraufzubeschwören, die europäische Mächte zum Eingreifen veranlassen könnten. In flagranten Fällen solchen Fehlverhaltens oder bei offenkundiger Unfähigkeit der Verantwortlichen würden sich die USA gezwungen sehen, die Aufgaben einer „internationalen Polizeimacht“ ( international police power ) auszuüben und für Ordnung, Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Die praktische Anwendung folgte auf dem Fuße, als die USA 1905 die Finanzverwaltung der bankrotten Dominikanischen RepublikDominikanische Republik übernahmen. Die eigentlichen Adressaten der Roosevelt Corollary waren jedoch die Europäer, denen die Bereitschaft der USA demonstriert werden sollte, die Monroe-DoktrinAußenpolitikMonroe-Doktrin (in der erweiterten Interpretation des Präsidenten) notfalls mit Gewalt durchzusetzen.
Völkerrechtlich war diese Position mehr als zweifelhaft, und lateinamerikanische Politiker und Juristen hielten RooseveltRoosevelt, Theodore die Doktrin der Nichteinmischung in die Angelegenheiten souveräner Staaten und die Forderung nach einem allgemeinen Interventionsverbot entgegen. Dennoch übten die USA bis zum Eintritt in den Weltkrieg wiederholt die von Roosevelt reklamierte „Polizistenrolle“ aus, in einigen Ländern wie KubaKuba, NicaraguaNicaragua und MexikoMexikoBeziehungen im 20.Jh. sogar mehrfach. Roosevelts Nachfolger William Howard TaftTaft, William Howard verlegte sich stärker auf die so genannte Dollar Diplomacy AußenpolitikDollar Diplomacy, die eine wechselseitige Unterstützung von US-Regierung und im Ausland tätigen amerikanischen Konzernen, etwa der 1899 gegründeten United Fruit Co.United Fruit Co., beinhaltete. Demgegenüber setzte Präsident WilsonsWilson, Woodrow Außenminister William J. BryanBryan, William Jennings seine Hoffnungen auf die panamerikanische Bewegung, die sich seit Ende der 1880er Jahre auf Kongressen um politische Einigkeit und wirtschaftliche Zusammenarbeit bemühte. Als Anhänger der FriedensbewegungFriedensbewegung unternahm BryanBryan, William Jennings auch einen ernsthaften Anlauf, die von den USA auf den Haager KonferenzenHaager Konferenzen (1899/1907) von 1899 und 1907 maßgeblich unterstützten Ideen der friedlichen Konfliktregelung und der Schiedsgerichtsbarkeit in die Praxis umzusetzen. Andererseits waren BryanBryan, William Jennings und WilsonWilson, Woodrow nicht minder von der Überlegenheit des amerikanischen politischen Systems und vom zivilisatorischen Auftrag der USA überzeugt als RooseveltRoosevelt, Theodore und TaftTaft, William Howard. Bei dieser Einstellung fiel es ihnen nicht schwer, Rechtfertigungsgründe für die Einmischung in die Mexikanische Revolution und für die Fortsetzung der Interventionspolitik in der KaribikKaribik zu finden. WilsonWilson, Woodrow sprach sogar von der Notwendigkeit, die Nachbarnationen zur Selbstregierung „anzuleiten“ und ihnen den Respekt vor dem Gesetz beizubringen. 1917 veranlasste er den Kongress zum Kauf der Virgin IslandsVirgin Islands von DänemarkDänemark, um einer befürchteten (aber tatsächlich gar nicht geplanten) Übernahme dieser Inselgruppe durch das DeutscheDeutschlandBeziehungen zu Deutschland vor 1949Vor dem Ersten Weltkrieg Reich zuvorzukommen.
Читать дальше