EIN FALLBEISPIEL FÜR FREMDGEFÜHLE
Der Vater einer Klientin war im Krieg acht Jahre alt und lebte auf einer Art Bauernhof. Eines Tages kamen Soldaten und forderten Tabak. Sie stellten den Großvater der Klientin, ihren Vater und dessen Zwillingsbruder ans Scheunentor und schossen einfach los. Der Vater der Klientin, der nicht getroffen wurde, ließ sich mit den beiden anderen umfallen und konnte später flüchten. Nach Tagen fand ihn eine Bäuerin halb erfroren. Sie taute seine Füße in Kuhdung wieder auf. Gemeinsam fuhren sie mit einem Holzkarren zu dem Gehöft. Sein Vater und Zwillingsbruder lagen noch genauso da, und er half der Frau, die beiden Toten auf den Karren zu laden.
Was macht ein achtjähriges Kind mit solch einem traumatischen Erlebnis? Wie kann es diesen Schock verarbeiten? Der Schmerz wird zur Seite gestellt, denn er ist einfach zu überwältigend. Die Tochter spürt später natürlich diesen Schmerz des Vaters und übernimmt ihn zum Teil.
Mehr dazu, wie wir solche Fremdgefühle zurückgeben und heilen können, erfahren Sie in Kapitel 5über das wunderbare Potenzial der Aufstellungsarbeit. Ich wünschte mir von Herzen, dass dieser tiefere Umgang mit Gefühlen schon ein Thema in der Schule wäre. Kinder könnten lernen, wo Gefühle ihren Ursprung haben, und sie könnten verstehen, dass viele davon auf früheren Erfahrungen beruhen. Wir alle sind mit unserer Geschichte verbunden, und der Verstand hat die schmerzlichen Erfahrungen abgespeichert wie in einem Aktenordner und will uns davor schützen, sie noch einmal zu machen. Doch genau das passiert immer wieder, da die alten Energien noch in uns schwingen. Vielen von uns gelingt es auch nicht, Handlungen von Personen zu trennen. Wir machen andere für unsere erlittenen Verletzungen verantwortlich. Doch die anderen zeigen uns nur ihre eigenen und unsere Wunden.
Wahres Fühlen ist ohne Story, Emotionen sind mit Story. Es ist in unserem seelischen Heilungsprozess sehr wichtig, Gefühle zu spüren und dennoch zu erkennen, dass wir nicht unsere Gefühle sind.
Glaubenssätze – unsere inneren Überzeugungen
Glaubenssätze und daraus resultierende innere Überzeugungen sind ständig wiederholte Gedanken, die tief in uns verankert sind und in unserem Leben immer wieder ihre Bestätigung erfahren.
Durch diese immer wiederkehrende Bestätigung im Außen befinden wir uns in unserem Glaubenssystem wie in einem Teufelskreis. Man sagt, das Unterbewusstsein verstehe kein »Nicht«. Doch warum entsteht dann so eine Negativschleife in uns, wenn wir glauben, nicht wertvoll zu sein? Und wie können wir diese inneren Muster verwandeln und positive Glaubenssätze integrieren?
Beispiele für Glaubenssätze sind etwa: Ich bin nicht gut genug … Ich kann nicht … Ich bin nichts wert … Ich werde nicht gesehen … Ich bin dumm … Ich habe keine Chance … Ich muss das tun, auch wenn ich nicht will … Nur mit schwerer Arbeit … Ich bin allein … Mich will keiner so, wie ich bin… Ich habe keine Unterstützung … Ich habe keine Freiheit … Mich liebt keiner … Erst wenn ich abnehme (gute Noten habe, Leistung bringe) … Erkunden Sie Ihre inneren Glaubenssätze! Wie wird Ihr jetziges Leben davon bestimmt?
Bevor sich in uns ein Glaubenssatz oder Denkmuster einprägt, war zunächst ein Gefühl da. Es reichte schon, als Kind belächelt, nicht ernst genommen oder sogar gemobbt zu werden. Dadurch konnte ein Glaubenssatz entstehen, etwa: »Ich bin nicht richtig, so wie ich bin.« Wir müssen also wieder zurückgehen zu dem ursprünglichen Gefühl, das der Auslöser dafür war.
Dies führt uns zu unserem nächsten Thema, dem grundsätzlichsten überhaupt. Es stellt in jeder Seelencoachgruppe den heftigsten, tiefsten, zähesten Prozess zur inneren Befreiung dar. Die Fragen dazu lauten: »Warum ist dieses Gefühl in mir, und wie bestimmt es mein Leben? Wie kann ich meine negativen Glaubenssätze und Denkmuster auflösen und loslassen?«
Soziale, psychologische und seelische Grundbedürfnisse
Wir alle haben in der Kindheit unerfüllte seelische und soziale Bedürfnisse. Diese sind fast so wichtig wie Atmen, Nahrung und ein Dach über dem Kopf. Wenn sie nicht oder zu wenig erfüllt werden, bekommen wir als Kinder Todesangst. Wir finden seltsame Überlebensstrategien, indem wir diese Bedürfnisse auf irgendeine Art ersatzweise befriedigen. Diese unerfüllte Bedürfnisbefriedigung impft uns Glaubenssätze über uns selbst und über die Welt ein. »Ich werde nicht genug geliebt«, »Ich bin nicht gut genug«, »Keiner hilft mir«. Diese Denkmuster treffen heute im Erwachsenenalter nicht mehr zu. Doch unser Inneres Kind und unser Unterbewusstsein haben diese schmerzlichen Erfahrungen abgespeichert, und daraus entstehen immer wieder ähnliche Lebenssituationen. Unsere wesentlichen seelischen und sozialen Grundbedürfnisse sind:
Das Bedürfnis, ein Lebensrecht zu bekommen. Wir brauchen das Gefühl, auf der Welt willkommen zu sein, vor allem von unseren Eltern.
Das Bedürfnis nach Geborgenheit. Es beginnt mit dem Stillen, bei dem wir die Wärme der mütterlichen Brust spüren, und äußert sich später in der Sehnsucht nach menschlicher Wärme, Zuneigung und Nähe.
Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, auch Bindungsbedürfnis genannt. Als soziale Wesen brauchen wir Familie und Gemeinschaft.
Das Bedürfnis nach Respekt. Wir brauchen das Gefühl, dass unsere Grenzen – das, was wir können, und das, was wir wollen – akzeptiert werden.
Das Bedürfnis nach genügend Raum. Es umfasst die Freiheit, uns auszudrücken oder uns zurückzuziehen.
Das Bedürfnis nach Unterstützung. Das Gefühl, alles allein machen zu müssen, überfordert uns und macht uns einsam.
Das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung. Selbstwertbestätigung und Selbstwertschutz zählen zu den größten Handlungsmotiven für uns Menschen.
Das Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. Wir brauchen das Gefühl, handlungsfähig zu sein.
Das Bedürfnis nach Lustgewinn und Unlustvermeidung.
Das Bedürfnis nach Stimmigkeit, Gerechtigkeit und Sinn.
Wie sieht es in Ihrem Leben aus? Wenn eines dieser Bedürfnisse zu wenig erfüllt wird, sucht Ihr Unterbewusstsein nach Wegen, dieses Bedürfnis ersatzweise zu befriedigen. Es entsteht ein Kompensationsverhalten, das unglaublich viel Energie und Kraft kostet. Oft richten wir unser ganzes Leben danach aus.
Fragen Sie sich immer wieder, welche seelischen Grundbedürfnisse bei Ihnen im Gleichgewicht sind und welche nicht. Wie macht sich dies in Ihrem Leben bemerkbar, und was können Sie tun, um Ihre Bedürfnisse aus Ihrem Umgang mit sich selbst, aus Ihrer Seele heraus zu erfüllen?
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