»Wir haben trainiert und wollten niemanden stören«, antwortete er, woraufhin Talil lächelnd ihre Augen wieder schloss. Rian entspannte sich sichtlich und sagte nichts mehr. Als Bohl erneut in ihn dringen wollte, schüttelte Reed unbemerkt von den Beiden den Kopf und Bohl hielt inne. Er sah noch einmal zu Talil, die seinen Blick plötzlich fixierte.
»Du solltest dich mit dieser Antwort zufriedengeben, denn eine andere wirst du nicht bekommen. Weder von mir noch von Rian.« Mit einem Mal zuckte ihr Auge, und er warf Ilmari einen schnellen Blick zu, der noch immer mit den Verbandslagen beschäftigt war. Nun allerdings fasste er ihren Fuß und wickelte ihn bis zu den Zehenspitzen ein. Talil schloss die Augen, öffnete sie kurz, führte den Becher mit zitternden Händen an den Mund und trank ihn in einem Zug leer. Mit geschlossenen Augen ließ sie ihren Kopf an die Lehne sinken, während Bohl die Schweißtropfen verfolgte, die ganz langsam von ihrer Stirn die Schläfe hinabliefen.
»Pause«, krächzte sie schließlich und Ilmari nahm augenblicklich die Hände fort.
»Du darfst dich nicht bewegen«, mahnte er leise. »Sonst müssen wir von vorne beginnen.« Inzwischen klang er gequält, doch sie behielt die Augen geschlossen und antwortete nicht. Behutsam legte er feuchte Tücher über ihr Bein, damit nicht schon vorzeitig alles aushärtete.
»In welcher Kampfart bist du am besten?«, fragte Bohl plötzlich und ein kurzes Lächeln huschte über ihre Züge.
»Wir können die Schwerter nehmen oder aber den Degen. Solltest du solch eine direkte Art nicht bevorzugen, akzeptiere ich auch den Langbogen.« Überrascht holte Bohl Luft und ihr Lächeln zeigte sich deutlicher. »Ich bin weder blind noch dämlich. Man kann deine Gedanken quasi in deinem Gesicht ablesen. Du willst wissen, ob ich wirklich so gut bin, wie ich hier tue. Wenn ich dir also ebenbürtig bin, dann lässt du es auf sich beruhen«, forderte sie.
Diesmal lächelte Bohl. »Weshalb nur ebenbürtig?« Seine Stimme klang herausfordernd und sie öffnete ihre Augen, sah ihn direkt an.
»Du bist nicht umsonst der 1. Hüter und mir liegt nichts daran, dich hier vor allen bloßzustellen.«
Er lachte und betrachtete sie schmunzelnd. Sie gefiel ihm, das konnte er wohl kaum abstreiten. Sie fachte seine Neugierde an in einer Weise, wie er es lange nicht mehr verspürt hatte. Oh, es gab viele gute Anwärter hier, die auch Talent besaßen, doch ihnen fehlte ihre Zielstrebigkeit, ihr Biss. »Und wenn du mir nicht ebenbürtig sein solltest?«, fragte er begierig.
»Dann beantworte ich dir drei Fragen«, sagte sie gelassen, als gäbe es keinerlei Zweifel an dem Ausgang eines Gefechts.
»Fünf«, hielt er nun dagegen.
»Drei. Oder wir lassen es und sitzen im schlimmsten Fall die Zeit hier schweigend ab.«
Nachdenklich musterte er sie. »Gleichgültig was für Fragen?«, hakte er nach, und es war das erste Mal, dass er eine echte Regung sah: Verachtung. Dennoch nickte sie.
»Aber du wirst dich ausruhen, solange es Ilmari für angebracht hält, oder unsere Abmachung ist hinfällig.« Sichtlich verärgert kniff sie die Lippen aufeinander und schwieg. »Reed wohnt ebenfalls hier«, fügte er an, um sie zu beruhigen, und schüttelte über sich selbst den Kopf. Er empfand keine leidenschaftlichen Gefühle und hoffte, dass sie das nicht von ihm dachte. Zwar würde eine Spanne in ihrer Lebensbahn folgen, in der zwanzig volle Monde Altersunterschied eben keinen Unterschied mehr machten, doch noch war sie selbst viel zu jung. Trotzdem wollte er sie knacken, ihre harte Schale durchbrechen und freilegen, was darunter so sorgsam verborgen lag.
»Bring es zu Ende«, sagte sie hörbar genervt. Rian hockte sich neben sie und ergriff ihre Hand. Schüchtern lächelte er und sie entzog sich ihm nicht.
»Es dauert nicht mehr lange. Reed, könntest du hier bitte einmal halten.« Es war eine Aufforderung, dennoch sah er Talil an, bis sie zustimmend nickte und ihr Bein erneut anhob. Diesmal stöhnte sie auf, griff den Becher fester und hielt es schließlich Bohl hin.
»Bitte«, stieß sie hervor, schloss ihre Augen und verharrte absolut reglos, nur ihr Brustkorb hob sich schneller als üblich.
Behutsam nahm er ihr den Becher aus der Hand, die sich sofort zur Faust ballte. Ihre andere jedoch, die Rian noch immer hielt, lag vollkommen entspannt in seiner. Als er sich gerade abwenden wollte, lockerte sie ihre Faust, streckte die Finger aus und legte sie dann scheinbar gelassen auf die Lehne, ihr Atem aber beschleunigte sich.
O ja, das wird ein wahrer Kampf. Er bedauerte nur ihre Verletzung, die einen echten Nachteil darstellte. Doch er würde sich etwas einfallen lassen, um das auszugleichen. Er wollte einen ehrlichen Sieg.
»Ich bin fertig«, sagte Ilmari und Talil sackte sichtbar erleichtert ein wenig in sich zusammen.
»Danke«, antwortete sie hörbar befreit. »Es tut mir leid, dass ich dich bedroht habe.« Wortlos lächelte er, nickte und begann aufzuräumen. »Wie lange muss ich hier liegen?«, fragte sie und hielt den Atem an. Ilmari wandte sich ihr wieder zu und seufzte.
»Eigentlich wäre ein voller Mondlauf angemessen. Da ich aber bereits schon jetzt ahne, dass du das nicht einhältst, sorge ich dafür, dass du wenigstens die Hälfte dieser Zeit dein Bein schonst.«
Sie nahm den Becher von Bohl entgegen und trank erneut einen großen Schluck. »Wir werden sehen«, antwortete sie ausweichend.
Ilmari grinste. »O ja, das werden wir.« Ebenfalls lächelnd hob sie ihren Becher, prostete ihm zu und nahm diesmal einen sichtbar genüsslichen Schluck.
»Reed, komm, wir besorgen für uns alle mal etwas Vernünftiges zu essen. Ilmari, bleibst du und isst mit uns?«, fragte Bohl, doch er schüttelte bereits den Kopf.
»Nein, tut mir leid, so gerne ich auch würde. Wenn ich nicht gleich heimkehre, verflucht Nell mich.«
Reed und Bohl lachten, während Ilmari scheinbar schicksalsergeben lächelte. Er stellte eine Dose mit Pulver auf den Tisch und sah Talil an. »Das ist ein Mittel gegen die Schmerzen. Nicht mehr und nicht weniger. Solltest du es nicht länger aushalten, nimm einen Hut davon in einen Aufguss, aber höchstens zwei innerhalb von einem Mondgang.« Sie zog eine Augenbraue hoch und nickte.
Gemeinsam verließen Bohl, Ilmari und Reed das Haus und schlossen die Tür hinter sich.
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