Teil I Grundlagen› § 3 Schuldrechtliche Pflichten – Einteilung und Abgrenzungen› VI. Lösung Fall 7
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A. A könnte gegen B einen Anspruch auf Übergabe und Übereignung des Fahrrads aus § 433 Abs. 1 S. 1 haben.
I.Durch den Abschluss des Kaufvertrags ist zunächst die Primärleistungspflicht der B entstanden, das Fahrrad zu übergeben und zu übereignen (§ 433 Abs. 1 S. 1).
II.Diese Primärleistungspflicht könnte allerdings gem. § 275 Abs. 1 Var. 1 erloschen sein. Als B aus dem Buchladen kommt, ist das Fahrrad verschwunden und nicht mehr auffindbar. Es war gebraucht und individuell lackiert, so dass eine Stückschuld (§ 243 Abs. 1) vorlag. B kann ihre Pflicht also nicht durch Leistung eines anderen Fahrrads erfüllen. Da das Hollandrad unauffindbar ist, ist die Übergabe und Übereignung jedenfalls für B unmöglich (§ 275 Abs. 1 2.Var: „subjektive Unmöglichkeit“[54]). Der Primärleistungsanspruch ist somit erloschen.
Ergebnis:A hat keinen Anspruch auf Übergabe und Übereignung des Fahrrads aus § 433 Abs. 1 S. 1.
B.A könnte einen Schadensersatzanspruch aus §§ 275 Abs. 4, 280 Abs. 1, Abs. 3, 283 in Höhe von 300 Euro gegen B haben.
I.Ein Schuldverhältnis liegt in Form des Kaufvertrags vor.
II.Als Pflichtverletzung kann man allein die nachträgliche Unmöglichkeit der Leistungserbringung ansehen (vgl § 275 Abs. 4) oder aber auf das Nicht-Abschließen des Fahrrads abstellen.[55]
III.B muss die Unmöglichkeit auch zu vertreten haben iSd § 280 Abs. 1 S. 2. Der Schuldner hat grundsätzlich Vorsatz und Fahrlässigkeit zu vertreten, § 276 Abs. 1. Indem sie ihr Fahrrad nicht abschloss, ließ B die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer Acht und handelte mithin fahrlässig gem. § 276 Abs. 2. B hat die Pflichtverletzung somit zu vertreten.
IV.Gem. § 251 Abs. 1 hat B Schadensersatz iHd Wertes des Fahrrades (300 Euro) zu leisten.
Ergebnis:A hat gegen B daher einen Schadensersatzanspruch aus §§ 275 Abs. 4, 280 Abs. 1, Abs. 3, 283 in Höhe von 300 Euro.
C.Eine weitere Sekundärleistungspflicht ist die Pflicht zur Surrogatsherausgabe (§ 285), die hier ebenfalls relevant wird: B hat durch den zur Unmöglichkeit führenden Umstand (Abhandenkommen des Fahrrads) die Versicherungssumme von 200 Euro erhalten. Diese Summe tritt an die Stelle des geschuldeten Gegenstands (sog. „stellvertretendes commodum“[56]). A kann von B also auch die Versicherungssumme aus §§ 275 Abs. 4, 285 Abs. 1 verlangen. Allerdings mindert sich der Schadensersatzanspruch gem. § 285 Abs. 2 in der Höhe des durch § 285 Abs. 1 Erlangten. A kann also entweder aus § 285 Abs. 1 Herausgabe der empfangenen 200 Euro und Schadensersatz iHv 100 Euro verlangen, oder nur Schadensersatz aus § 283 geltend machen (dann iHv 300 Euro).
[1]
S. dazu näher unten Rn 118.
[2]
Näher Unberath , Die Vertragsverletzung (2007), S. 175 ff.
[3]
Zum Folgenden näher Unberath , Die Vertragsverletzung (2007), S. 263 ff.
[4]
BGH NJW-RR 2018, 1103.
[5]
Wolf/Neuner , BGB AT 11, § 38 Rn 2; Weiler , Schuldrecht Allgemeiner Teil 4, S. 75.
[6]
Näher dazu unten Rn 237 ff.
[7]
Zu § 612 siehe Medicus/Lorenz , SR BT 18, § 31 Rn 22 ff; zu § 632 siehe Medicus/Lorenz , SR BT 21, § 35 Rn 8 ff.
[8]
Jauernig/ Mansel , BGB 17, § 241 Rn 9.
[9]
BGH NJW 2018, 1746 (1747). Zur Abgrenzung der Nebenleistungspflichten von den Schutzpflichten (iSd § 241 Abs. 2) unten Rn 112 ff.
[10]
Vgl §§ 275 Abs. 4, 280 Abs. 1, Abs. 3, 283 bei Ausschluss der Leistungspflicht nach Vertragsschluss, §§ 275 Abs. 4, 311a Abs. 2 bei Ausschluss der Leistungspflicht bei Vertragsschluss.
[11]
BGH NJW-RR 1989, 801 (Unbefristetes Wettbewerbsverbot bei Verkauf einer Gebäudereinigungsfirma).
[12]
Vgl BAG, 3 AZR 442/68, AP BGB § 611 Treuepflicht Nr 7.
[13]
Vgl BGH NJW 1979, 1404: Vermietung innerhalb eines Einkaufszentrums.
[14]
Fikentscher/Heinemann , SR 11, Rn 37 ff; Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 388 spricht von Rücksichtnahmepflichten.
[15]
Zu Einzelheiten s. Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 554 ff.
[16]
Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 555 mwN; Hk/ Schulze , BGB 10, § 241 Rn 5.
[17]
Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 556 ff; Fikentscher/Heinemann , SR 11, Rn 40.
[18]
Vgl Hk/ Schulze , BGB 10, § 241 Rn 5.
[19]
Vgl BGH NJW 2018, 301 (Schwimmbadaufsicht und Badeunfall).
[20]
Näher dazu Arnold JuS 2013, 865, 867 f.
[21]
Etwa Canaris JZ 1965, 475; Medicus/Petersen , BR 27, Rn 203; BGH, NJW 1962, 1196; BGH, NJW 1998, 302; ablehnend Grigoleit NJW 1999, 900.
[22]
Näher Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 399 ff.
[23]
Amtliche Begründung BT-Drucks 14/6040, S. 126.
[24]
Reischl JuS 2003, 40, 43.
[25]
Amtliche Begründung BT-Drucks 14/6040, S. 125.
[26]
Näher Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 409 ff.
[27]
Dazu eingehend oben Rn 84 ff.
[28]
Vgl Jauernig/ Mansel , BGB 17, § 241 BGB Rn 9; differenzierend und weiterführend MünchKomm/ Bachmann , BGB 8, § 241 Rn 69 ff.
[29]
Dazu oben Rn 107. Zu Einzelheiten vgl Staudinger/ Olzen , BGB (2015), § 241 Rn 554 ff.
[30]
Palandt/ Grünberger , BGB 78, § 241 Rn 8; MünchKomm/ Bachmann , BGB 8, § 241 Rn 63; Madaus , Jura 2006, 289 (291); Grigoleit FS Canaris (2007) 275 (304 f).
[31]
Das Beispiel entstammt BT-Drs. 14/6040, S. 125. Das Rücktrittsrecht kann dann sowohl über § 323 als auch über § 324 begründet werden. Entsprechendes gilt für § 281 und § 282. Näher unten Rn 538 ffund Rn 626 ff.
[32]
BT-Drs. 14/6040, S. 125.
[33]
Anschaulich: BGHZ 218, 22.
[34]
BGHZ 218, 22. So etwa BGH, NJW 2018, 1746; BGH NJW 2014, 143.
[35]
Näher dazu Wandt , Gesetzliche Schuldverhältnisse 9, § 16 Rn 111 ff; Fikentscher/Heinemann , SR 11, Rn 38.
[36]
Fikentscher/Heinemann , SR 11, Rn 38; Jauernig/ Teichmann , BGB 17, § 823 BGB Rn 2 ff.
[37]
BGHZ 55, 392, 395 = NJW 1971, 1131, 1132; BGHZ 66, 315, 319 = NJW 1976, 1505, 1506; MünchKomm/ Bachmann , BGB 8, § 241 Rn 41; Erman/ Schmidt-Räntsch , BGB 15, § 194 Rn 9.
[38]
BeckOGK/ S. Arnold , BGB (1.6.2019), § 438 Rn 37 ff.
[39]
Zur Wechselwirkung zwischen vertraglichen und deliktischen Ansprüchen BeckOGK/ Spindler , BGB (1.10.2019), § 823 Rn 34 ff.
[40]
Palandt/ Sprau , BGB 78, § 690 Rn 1; BeckOK/ Gehrlein , BGB 51, § 680 Rn 2; BeckOGK/ Schaub , BGB (1.9.2019), § 276 Rn 163.
[41]
MünchKomm/ Bachmann , BGB 8, § 241 Rn 46; Medicus/ Lorenz , SR AT 21, Rn 401.
[42]
Erman/ Lützenkirchen , BGB 15, § 548 Rn 5 mwN.
[43]
Anschaulich auch: OLG Zweibrücken, NJW-RR 2002, 1456: Keine Haftung eines Schaustellers, der Süßwaren eines anderen Schaustellers unentgeltlich in Verwahrung genommen hatte. Die Süßigkeiten waren wegen eines Brands zerstört worden.
[44]
Vgl oben Rn 55 ff.
[45]
Vgl Brox/Walker , SR AT 43, Rn 19.
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