»Die TOVE war von der Doggerbank unterwegs in einem Südweststurm. Ein Orkan war im Anmarsch… Sie legten mithin den Kutter mit dem Steven vier Strich am Wind, das Großsegel wurde eingeholt und Gaffel und Baum lagen auf Deck gezurrt. Mein Bruder stand mit einem der vier Besatzungsmitglieder im Ruderhaus. Kurz nach Mitternacht sah und hörte mein Bruder einen gewaltigen Brecher, der hoch getürmt auf den Kutter zuraste. (…) Der Brecher wälzte den Kutter herum, sodass er kieloben lag, aber dank des guten, festen Ballasts im Schiffsboden richtete sich die TOVE wieder auf und lag jetzt mit 25° Schlagseite.«
Der Kutter war durch die »Eskimorolle« damals schwer beschädigt worden, aber dennoch gelang es der Mannschaft, das Schiff wieder notdürftig herzurichten und unter eigener Kraft den Hafen von Esbjerg zu erreichen. Dabei sollen die Fischer sogar die Hilfe eines anderen Trawlers abgelehnt haben. Auch der Kutter DANMARK war im selben Sturm durchgekentert und hatte aus eigener Kraft den Hafen erreicht. Und auch die DAGMAR AAEN soll im Bereich der wegen ihrer steilen Grundseen berüchtigten Doggerbank einmal durchgekentert sein. Um es mit Niels Bachs Worten zu sagen:
»Selbst wenn man überlebte, soll die Freude an einem derartigen Erlebnis außerordentlich gering sein. Ein erfahrener alter Esbjerger Fischkapitän (…) sagte mir einmal: ›Von denen, die eine solche Durchkenterung mitgemacht haben, ist nachher die Hälfte nie mehr recht bei Trost.‹«
Auch wenn das Wissen darum, dass selbst eine Durchkenterung möglich und damit überlebbar ist, vielleicht in gewisser Hinsicht beruhigend wirken mag – ernsthaft erleben möchte es wohl keiner.
Das einzige verbliebene Schwesterschiff der DAGMAR AAEN – die EBBA AAEN. Auch wenn sie heute anders aussieht – der Rumpf ist baugleich. Die EBBA lief einen Monat vor der DAGMAR auf der N. P. Jensen Werft in Esbjerg vom Stapel .
VOLKER WENZEL
Auf unseren Reisen ist der Schiffsbetrieb im sogenannten Drei-Wachen-Rhythmus organisiert. Vier Stunden ist eine Wache komplett für das Schiff zuständig, dann übernimmt die nächste Wache usw. So entsteht der permanente Wechsel von vier Stunden Wache, acht Stunden Pause und wieder vier Stunden Wache. Rund um die Uhr. 24/7. Eine Wache besteht meist aus drei Crewmitgliedern. Und die verbringen so viel Zeit miteinander, dass man sich automatisch näher kennenlernt. Auf langen Seepassagen ist – wenn das Wetter mitspielt – nicht unbedingt viel zu tun. Die Wache steht an Deck, navigiert – und erzählt. Zum Beispiel die »22-Uhr-Geschichte«. Die habe ich mir mal auf einer Reise nach Island ausgedacht. Immer zur Hälfte der 8/12 Wache muss jeweils eines der drei wachhabenden Crewmitglieder ein Erlebnis aus seinem Leben erzählen. Egal, was. Einer, der diese Geschichten liebt, ist Volker Wenzel, ein Nautiker bei uns an Bord. Volker gehört zu den ganz wenigen Crewmitgliedern, die die DAGMAR AAEN schon über große Strecken als verantwortlicher Kapitän geführt haben. Auch für ihn ist das Schiff etwas ganz Besonderes:
In mir ist immer noch das Gefühl der Dankbarkeit gegenüber DAGMAR gegenwärtig. Zum Beispiel, als wir 2015 nach etwa 12 Wochen auf See im argentinischen Hafen Ushuaia ankamen. Ich hatte zwar das Schiff geführt, den Kurs bestimmt, das Wetter gecheckt, aber das alles hätte nichts genutzt, wenn der Grundstock, das »Material«, nicht gestimmt hätte: Ohne ein vernünftiges Schiff wäre ich da schlicht nicht angekommen. Das Vertrauen in die DAGMAR hat sich ziemlich schnell eingestellt. Ich erinnere mich noch an meinen ersten echten Sturm auf ihr. 9 bis 10 Beaufort. Das Übliche vor Island. Es war unglaublich! Nicht der Sturm als solcher, so etwas in der Art hatte ich schon öfter erlebt. Aber wie das Schiff sich völlig unbeeindruckt durch die See wühlte – da kann man nur staunend zusehen und sich an der schiffbaulichen Kunst erfreuen .
DAGMAR – das bedeutet für mich die Summe unzähliger kleiner Erlebnisse – auch wenn sie an sich nicht spektakulär sind. So wechselte ich irgendwann gemeinsam mit Arved den Kühler unseres Callesen-Diesel. Davor war ich über ein Jahr nicht an Bord gewesen. Doch kaum dass ich in der Navi stand, war ich sofort da – zu Hause. Dieser ganz spezielle Geruch; eine Mischung aus Holz, Pl, Teer, Salzwasser, dieses ganze Gefühl, dort zu stehen, das ist mir so vertraut. Ich habe so viele Stunden an Bord erlebt, und das Erleben dort fühlt sich oft auch in Kleinigkeiten oder Alltäglichem intensiv an. Dabei habe ich die alte Dame oft verflucht! Zum Beispiel, wenn ich gekrümmt hängend im Maschinenraum irgendwelche schmierigen Teile zerlegen musste. Aber wenn alles wieder tuckert und läuft, dann ist tatsächlich alles vergessen. Zumindest fast vergessen: Man braucht ja Erzählstoff für die 22-Uhr-Geschichten .
Arktische Riviera. Schönwettersegeln entlang der Ostküste Grönlands .
DIE KUTTER DER REEDEREI AAEN
Die DAGMAR AAEN war der dritte Kutter in Folge, den Mouritz Aaen 1931 bauen ließ. Gefertigt wurden alle seine Kutter auf der N. P. Jensen Werft in Esbjerg, die als eine der renommiertesten und besten Werften galt. 1914 durch den Schiffbaumeister N. P. Jensen gegründet, liefen in den folgenden 64 Jahren durchschnittlich zwei Nordseekutter pro Jahr vom Stapel. Erst 1978 wurde der Betrieb geschlossen.
Dagmar und Mouritz Aaen mit einer ihrer Töchter. Die Aaens bildeten eine Dynastie in Esbjerg und waren weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannt .
Die DAGMAR AAEN kurz vor dem Stapellauf. Sie erhielt die Fischereinummer E für Esbjerg und die Nummer 510. Diese behielt sie bis zum Schluss bei. Hier ist sie auf einer ihrer ersten Fangreisen .
Mouritz Aaen galt in Esbjerger Kreisen als geschäftstüchtiger und erfolgreicher Unternehmer. Ein Mann wie ein Baum, durchsetzungsfähig, ruppig im Umgang, kompromisslos – ein Sklaventreiber einerseits, aber auch der Patriarch, der sich um seine Fischer kümmerte, wenn sie in Not gerieten. Seine Kutter wurden ausschließlich aus den besten Materialien gebaut, für die damalige Zeit nach modernsten Richtlinien ausgestattet und galten demzufolge als herausragend, außerordentlich robust und seetüchtig. Ein Umstand, der sich bis zum heutigen Tag bewahrheitet hat. Nun, der Mann konnte sich das leisten. Wenn andere schon längst den Hafen ansteuerten, konnten seine Kutter noch auf See bleiben. Entsprechend hoch waren die Erträge; Quotenregelungen und Fangbegrenzungen waren in jener Zeit noch Fremdworte. Man fing so viel und so lange wie man konnte und kehrte erst in den Hafen zurück, wenn keine Makrele oder Scholle mehr in den Laderaum passte. Von diesen Kuttern ließ Mouritz Aaen nacheinander vier Stück bauen. Die ersten zwei Kutter benannte er nach seinen Töchtern Gudrun und Ebba, den dritten Kutter taufte er auf den Namen seiner Frau: Dagmar. Nur den letzten und größten Kutter taufte er ein wenig zurückhaltend, aber doch stolz auf M. AAEN. Zeitgleich besaß er noch die etwa baugleichen Kutter AJAX, LUNA und AMI OYPE. Von der Größe her lag die DAGMAR AAEN im Vergleich zu anderen Kuttern im oberen Bereich. Einige Kutter waren noch ein wenig größer, aber insgesamt entsprach diese Schiffsgröße dem Paradebeispiel eines hochseetüchtigen Fischkutters. Die stürmische Nordsee erforderte eine gewisse Schiffsgröße.
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