Auch wenn ich erst ziemlich kurz als Crew dabei bin, kenne ich die DAGMAR schon mein Leben lang. Als Mannschaft in zweiter Generation und als Kind einer Seglerfamilie bin ich quasi in ihre Crew hineingeboren und mit ihr aufgewachsen. Wer kann schon von sich behaupten, als Würmchen im Bauch seiner Mutter auf der DAGMAR AAEN um Kap Hoorn gesegelt zu sein? Irgendetwas muss da ja hängen geblieben sein und mich und mein Leben geprägt haben. Auch im weiteren Verlauf meines Lebens hat die DAGMAR eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Immer wieder waren meine Eltern mit ihr unterwegs. Dieses besondere Schiff und seine Reisen waren mir also schon immer sehr präsent. Ich hatte sofort Vertrauen in das Schiff, denn das wurde mir vom ersten Tag an so vorgelebt. Nachdem ich mich erstmals als selbstständiges Crewmitglied bei Arved beworben hatte und an Bord dabei sein durfte, hat sich meine Beziehung zur DAGMAR allerdings sehr verändert. Sie ist jetzt nicht mehr nur durch meine Eltern präsent in meinem Leben; ich habe einen eigenen Draht zu ihr geknüpft. Ich meine das so: Früher war die DAGMAR eher wie eine entfernte Tante, sie hatte einfach einen viel engeren Draht zu meinen Eltern gehabt als zu mir, und sie hat deren Zeit in Anspruch genommen, aber nicht so sehr (oder nur indirekt) meine. Manchmal bin ich mitgekommen, um sie zu besuchen. Heute würde ich sie viel mehr als die Großmutter, die auch eine Freundin ist, beschreiben. Als jemanden, den man von sich aus immer wieder gern und in jeder Lebenssituation besuchen möchte. Man merkt auf jeden Fall ihr Alter, das macht sie in meinen Augen aber eher sympathisch. Außerdem muss man schon viel Zeit investieren und stetig an der Beziehung arbeiten (wortwörtlich), sonst wird sie traurig. Klar hat man auch mal seine Meinungsverschiedenheiten oder einfach genug für den Moment. Aber am Ende bekommt man im übertragenen Sinn meistens auch die leckeren Plätzchen, die geliebten guten Geschichten, und sie bringt dir, wenn’s gut läuft, auch was fürs Leben bei. Am wichtigsten aber: Ich kann mich auf sie verlassen – und auf mich. Wenn ich bei ihr bin, vertraue ich ihr und kann mich bei ihr wie zu Hause verhalten. Das ist enorm viel wert, finde ich. Das Beisammensein auf der DAGMAR und auch das Zusammensein mit der DAGMAR ist ein stetiges Geben und Nehmen. Das Gute ist, dass mir gerade die Arbeit an Bord unfassbar viel Spaß macht – für uns beide also eine Win-win-Situation. Ich habe die DAGMAR als einen Ort kennengelernt, der die Menschen an Bord miteinander verbindet. Egal, wie alt, welches Geschlecht, welchen Beruf man im Alltag ausübt oder wie gut man sich wirklich mit dem Segeln und alten Schiffen auskennt, im Endeffekt kann jeder von jedem was Nützliches lernen und möchte es auch. Es ist wunderbar und erstaunlich, was für Menschen und Persönlichkeiten man kennenlernt und was für Freundschaften entstehen. Zudem ist es auch gut, über sich selbst zu lernen, z. B. wie man mit anspruchsvollen Situationen umgeht oder wie es ist, wenn sich dein Umfeld alle paar Wochen wieder ändert .
Meine liebsten Momente auf der DAGMAR sind die, wenn man beim Segeln einfach vor Freude grinsen muss und gar nicht anders kann, als glücklich zu sein. Das ist schwer zu beschreiben, wenn man es noch nie erlebt hat, aber meistens ansteckend .
Vorsichtig tasten wir uns entlang einer Abbruchkante eines grönländischen Gletschers .
Der Begriff Haikutter hat seinen Ursprung keineswegs darin, dass dieser Kuttertyp auf den Haifang spezialisiert gewesen wäre, sondern er erklärt sich vielmehr dadurch, dass der Schiffstyp als besonders effektiv galt. Hin und wieder mag mal ein Hai als Beifang ins Netz gegangen sein, aber das entsprach nicht der eigentlichen Bestimmung dieser Kutter.
Die Haikutter verfügten meistens schon über Dieselmotoren, als andere nur Segel führten, waren damit wendiger, von Wind und Wetter unabhängiger und landeten daher auch die größeren Fänge an. Für jene Fischer, die noch auf älteren, weniger seetüchtigen und kleineren Kuttern ihrer Arbeit nachgingen, war dieser neue Kuttertyp wie ein gefräßiger Hai, der den anderen die Fische stahl. Zu Beginn hatte der Begriff also weniger mit einer bestimmten Rumpfform zu tun, als vielmehr mit einer zunehmenden Mechanisierung der Fischerei. Da zu dieser Zeit aber fast alle größeren Kutter ein überhängendes, elliptisches Heck und einen geraden Steven aufwiesen, verfestigte sich im Sprachgebrauch der Name Haikutter auf eben jenen Rumpftypus. Das überhängende Heck entspricht dem eines klassischen Segelschiffs, und auch die Linien aus der Segelschiffzeit sind nahezu unverändert übernommen worden. Pate hatten den dänischen Bootsbauern die englischen Smacks gestanden, die auch vor der jütländischen Küste fischten und dabei ein hohes Maß an Seetüchtigkeit bewiesen. Vermutlich fanden auch einige dieser Smacks dänische Eigner, die dann offenbar sehr genau die Vor- und Nachteile einer derartigen Konstruktion untersuchten.
Die englischen Segelschiffe, von denen es zum Glück ja auch heute noch einige hervorragend erhaltene Exemplare gibt, zeichneten sich durch sehr gute Segeleigenschaften aus, da sie scharf geschnitten waren, einen großen Tiefgang aufwiesen und auch bei Sturm gut beiliegen konnten. Sie hatten aber wenig Decksprung. Durch die geringe Reserveverdrängung des Vorschiffs fuhren sie sehr nass; Wellen schlugen schnell über das Vorschiff und rannen nach achtern. Die dänischen Bootsbauer modifizierten daraufhin ihre Konstruktion. Der schlanke Längsschiffverlauf wurde zwar beibehalten, dafür ließen sie aber den Kuttern einen kräftigen Decksprung sowie ein fülliges Vorschiff angedeihen. Dadurch wirkten die dänischen Kutter vielleicht nicht so schnittig wie die englischen Smacks, waren aber vermutlich die besseren Arbeitsschiffe, da sie trockener fuhren. Im Gegensatz zu den Engländern, die eine ausgeprägte Schiffbautradition hatten, waren die Dänen zu diesem Zeitpunkt eher bereit, Veränderungen und neue Ideen einzustreuen, um ältere Konstruktionen weiterzuentwickeln. Dabei zollte man dem Umstand Rechnung, dass die jütländische Westküste den Stürmen voll ausgesetzt ist und die Ansteuerung der Häfen bei Sturm und steilen Seen nur von herausragenden Seeschiffen gemeistert werden konnte.
Die BODIL ist ein genauso großer Haikutter wie die DAGMAR AAEN, aber mit dem traditionellen Ketschrigg ausgestattet .
Surfriding. Ein dänischer Fischkutter kehrt in stürmischer See von der Fangreise zurück .
Rumpf und Spanten waren aus massiver Eiche gefertigt, das Deck meist aus Nadelholz unterschiedlicher Qualität – je nach Finanzkraft des Eigners. Auch wenn es von Werft zu Werft geringfügige Unterschiede gab – der Haikutter wurde zu einer Art Standardfahrzeug für die dänische Fischerei und überzeugte über Jahrzehnte hinweg durch seine unglaubliche Robustheit und Seetüchtigkeit. Anders als wir es heute gewohnt sind, nahm man damals das Wetter, wie es kam, drehte bei zu viel Wind bei oder lief vor dem Sturm ab. Die Qualität des Kutters war wie eine Art Lebensversicherung, deshalb wurde in aller Regel auch sehr viel Augenmerk in den Erhalt des Schiffes gelegt. Und natürlich auch, weil sich der Kutter von einer Generation zu nächsten vererbte. Man plante und investierte langfristig und nicht wie heute in vergleichsweise kurzen Zeiträumen. In seinem seit langem vergriffenen Buch DAGMAR AAEN beschreibt Niels Bach eine Episode über eine Durchkenterung eines Haikutters, die ich hier wiedergeben möchte:
Читать дальше