»Ich war heute Morgen in Greifswald, in der Uniklinik. Höchstwahrscheinlich ist es nichts Ernstes. Aber bevor das feststeht, wäre es nett, wenn du es für dich behältst. Ich möchte jetzt nicht …«
Sie ließ den Satz in der Schwebe, ihre ungewohnte Unsicherheit war jetzt offensichtlich.
Fabian Radegast war stehengeblieben, Annekatrin Struve auch. Er machte einen Schritt auf sie zu und nahm sie in den Arm.
»Du kannst dich auf mich verlassen«, sagte er leise in das dunkle Gewuschel ihrer Haare.
»Ja, ich weiß, danke.«
Sie machte einen Schritt zurück und lächelte Radegast tapfer an.
»Bei der letzten Vorsorgeuntersuchung hat meine Hausärztin etwas an meiner Lunge gefunden. Und die Laborwerte waren auch nicht ganz in Ordnung. Also hat sie mich zum Röntgen geschickt, weil ich im Frühjahr diesen hartnäckigen Husten hatte. Die Bilder waren aber nicht eindeutig.«
Annekatrin zögerte erneut, bevor sie weiterredete.
»Das heißt, sie haben nur nicht eindeutig gezeigt, dass da nichts ist. Also hat meine Ärztin mich zum CT geschickt. Und Dampf gemacht. Normalerweise wartest du mindestens vier Wochen auf einen Termin. Aber sie kennt einen Spezialisten an der Uniklinik in Greifswald, und der hatte extra für uns einen blockiert. Den heute früh um 6.15 Uhr. Aber als wir ankamen, gab es irgendeinen Notfallpatienten. Und als ihr dann angerufen habt, lag ich noch in der Röhre. Keine Chance zu telefonieren.«
Annekatrin Struve setzte versuchsweise noch einmal ihr trotziges Lächeln auf.
»Und …«, sagte Radegast und musste sich erst einmal räuspern, »und was ist dabei rausgekommen?«
»Noch nichts. Ergebnisse gibt es frühestens am Freitag. Eventuell muss ich dann auch noch mal hin.« Sie machte eine Pause. »Tut mir leid. Wahrscheinlich hätte ich vorher mit dir darüber reden sollen.«
»Quatsch«, sagte Radegast. »Hör bitte auf, dir Vorwürfe zu machen.«
Sie waren am Stand mit den Fischbrötchen angekommen. Annekatrin bestellte sich eins mit Makrele, Radegast schloss sich an.
Roland Schiller war wütend. Er riss sämtliche Fenster auf und hakte sie fest. Sein Haus roch wie ein Sack ungewaschener Socken. Oder wie angefaulte Kartoffeln. Dabei hatten Gärbers von nebenan versprochen, sich um sein Haus und seine Sachen zu kümmern, während seiner Abwesenheit. Eben war er drüben gewesen, um sein Auto zurückzuholen. Da hatte Egon Gärber ihm mit den Autoschlüsseln eine Rechnung über 1700 Euro hingeschoben. Der Volvo hätte im März ja zum TÜV gemusst, und das seien die notwendigen Reparaturkosten gewesen. Schiller hatte erst mal nach Luft geschnappt. Nicht bloß wegen der Summe. Obwohl, das auch. Aber mehr noch wegen Egons Dreistigkeit. Und weil Vera da so hinter ihm gestanden und Egon den Rücken gestärkt hatte.
Ich meine, das ist doch eigentlich unglaublich, sagte sich Roland Schiller jetzt. Er dachte die Sätze, die ihm vorhin nicht eingefallen waren. Die nutzen jahrelang meinen Wagen für lau, und dann sowas. Von wegen ein Gefallen unter Nachbarn. Hyänen sind das. Und dann kriegen sie es nicht mal fertig, ab und zu mein Haus durchzulüften. Wer weiß, was die hier veranstaltet haben, während ich nicht da war? Aber damit ist jetzt Schluss. Endgültig.
Schiller verließ das Haus und ging in den Garten. Hier hatten die Gärbers auch nichts gemacht. Überhaupt nichts. Er riss ein paar vertrocknete Ranken aus seinen Tomaten und stach sich an einer der Disteln, die sich überall breitgemacht hatten. Er warf die Ranken zurück auf die Tomaten. So wurde das nichts. Das musste man mit System machen. Und mit Arbeitshandschuhen. Roland Schiller ging rüber zu seinem Schuppen, in dem die Gerätschaften seiner alten Baufirma lagerten. Hier mussten auch Arbeitshandschuhe sein. Als erstes fiel ihm ein alter Waschmittelkarton in die Hände, noch halbvoll. Das Zeug war etwas klumpig, aber wohl noch gut. Wahrscheinlich hatte das seine Ex-Frau dagelassen, bevor sie ausgezogen war. Jetzt konnte er wenigstens die Bettwäsche in die Maschine stecken und musste nicht in dem muffigen Zeug schlafen. Er nahm den Karton und ging über den Hof ins Haus zurück. Am oberen Ende der Kellertreppe blieb er stehen und wischte sich den Schweiß ab. Der größte Unterschied zwischen der JVA und der Freiheit waren nicht die abgeschlossenen Türen. Der Unterschied war, dass man in der JVA immer wusste, was gerade Sache war. Und was als nächstes kam. Aber hier? Garten, Waschmaschine, Lüften, das Auto – alles gleichzeitig und alles gleich wichtig. Plötzlich fiel ihm wieder der Traum von heute früh ein. Helga, das tote Schaf. Er hatte nie ein Schaf gehabt. Und warum ausgerechnet Helga? Er kannte gar keine Helga, jedenfalls erinnerte er sich an keine. Ein heftiger Windstoß schlug die Tür hinter Schiller zu. Er drehte sich um, machte sie wieder auf und sicherte sie mit einem Ziegelstein. Unwichtig waren die offenen Türen für ihn auch nicht. Er stieg die Treppe runter und bestückte seine Waschmaschine.
Als Roland Schiller aus dem Keller wieder hochkam, bekam er einen Schreck. Eine Frau stand reglos in der offenen Tür zum Hof. Wegen des Gegenlichts konnte er ihr Gesicht nicht erkennen.
»Sie müssen Schiller sein«, sagte die Frau. Ihre Stimme hatte einen leichten Akzent, den Schiller nicht gleich zuordnen konnte.
»Ja«, sagte er, während er die letzte Treppenstufe nahm. »Roland Schiller, ich bin gerade …«
»Ich weiß«, fiel sie ihm ins Wort. »Ich bin Michaela. Frau Harms.«
»Ach«, sagte Schiller, »ich hatte nicht mit Ihnen gerechnet. Jedenfalls nicht so schnell. Ich bin noch nicht dazu gekommen, Ihr Zimmer fertig zu machen.«
Michaela Harms, immer noch im Gegenlicht, schaute in Richtung Wohnzimmer und dann die Treppe hoch.
»Sie müssen sich keine Umstände machen«, erklärte sie schließlich. »Ich wohne im Hotel.«
»Ach so«, sagte Schiller, »in welchem denn?«
»In einem, das Sie mir empfehlen werden.«
Roland Schiller spürte, dass hier etwas schiefzulaufen drohte. Die Frau, deren Gesicht immer noch im Schatten war, behandelte ihn nicht gerade wie einen gleichberechtigten Partner. Was sie doch immerhin waren. Oder nicht?
»Wie wäre es«, sagte Schiller, »wenn wir erst mal einen Begrüßungsschluck nehmen, draußen im Garten?«
»Gut«, sagte sie und drehte sich um.
»Haben Sie Aperol Spritz?«
»Ich fürchte nicht«, erklärte Schiller, während er ihr durch den Hof in den Garten folgte.
»Ich habe Dosenbier. Und Rum. Und etwas Cognac müsste auch noch da sein.«
Jetzt konnte er Michaela Harms wenigstens ansehen. Eine zierliche, fast mädchenhafte Blondine. Sie trug eine kurze, schwarze Lederjacke über einem weißen Sommerkleid, eine Handtasche hing über der linken Schulter, und mit der rechten Hand zog sie einen kleinen Rollkoffer. Das alles sah nicht eben billig aus. Sein Freund Oliver musste wirklich gutes Geld gemacht haben, als er noch draußen war.
»Dann entscheide ich mich wohl für den Cognac«, sagte Michaela Harms nach einer angemessenen Bedenkzeit und drehte sich um.
Schiller schaute ihr ins Gesicht. Sie war älter, älter, als ihre Aufmachung vermuten ließ, sicher auch älter als Oliver Harms. Und damit auch älter als er selbst. Und dann war da noch was. Schiller vermutete, dass Michaela Harms der Natur mit Hilfe der Kosmetik ein Schnippchen hatte schlagen wollen. Und dass dies nicht mehr funktionierte. Sie stand vor seinem Gartentisch und strich sich mit der rechten Hand eine lange blonde Strähne aus der Stirn. Ihre Finger, mit mehreren schweren Ringen besetzt, zitterten. War sie jetzt doch etwas nervös? Das hätte Schiller etwas beruhigt. Aber ihre nächste Frage kam wieder hart und direkt.
»Also«, sagte sie, »was ist mit meinem Cognac?«
»Kommt«, sagte Schiller. »Bitte, setzen Sie sich.«
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