Höhenhirnödem – High Altitude Cerebral Edema (HACE)
Bei dieser schlimmsten Ausprägung der Höhenkrankheit schwillt das Gehirn an. Der Patient zeigt insbesondere Gangunsicherheit, aber auch Koordinationsstörungen, ungewöhnliches Verhalten, Verwirrtheit und leidet unter schwersten Kopfschmerzen, die auch bei Schmerzmitteleinnahme nicht verschwinden. Akute Lebensgefahr! Falls dies ohne Sicherheitsrsiko möglich ist, sollte der Patient selbst gehen, um schneller nach unten zu kommen.
2.3 Geplantes Notfallmanagement ermöglicht effektives Zusammenarbeiten aller Helfer
2.3.1 Gut überlegt Schritt für Schritt vorgehen
Aufmerksam SCHAUEN
Genau ÜBERLEGEN
Konkret ENTSCHEIDEN
Beherzt HANDELN
Bei einem Outdoornotfall gibt es immer eine ganze Reihe von Dingen, die zu tun sind. Untersuchung, Betreuung und Behandlung des Patienten, Bau eines Notfallcamps, Organisation der Evakuierung usw. Damit nicht alles drunter und drüber geht, sondern die wichtigsten Dinge zuerst und die unwichtigsten zuletzt erledigt werden, bedarf es einer konkreten Planung: Du schaust dir die Situation gut an und gewinnst einen Überblick (vergleiche auch die vorangegangenen Punkte). Dann überlege gemeinsam mit deinen Mithelfern und eventuell auch dem Patienten (!), welche Tätigkeiten notwendig sind. Als Nächstes entscheidet ihr, welches Handeln ihr für richtig haltet. Nimm dir diese Zeit zum Planen! Durch eine koordinierte Rettung sparst du sie später locker wieder ein.
2.3.2 Rollenverteilung in der Helfergruppe ist wichtig
Koordinator
Kontakter
Bild 15:
Koordination mit der nötigen Distanz zum Patienten
Wenn mehrere Helfer zur Verfügung stehen, bedarf es eines Koordinators , der den Überblick über die Situation behält und je nach Bedarf und Fähigkeiten Aufgaben verteilt. Die wichtigste einzelne Aufgabe ist die medizinische Betreuung des Patienten durch den Kontakter . Andere Helfer können z. B. für die Dokumentation von Untersuchungsergebnissen, für den Bau des Notfallcamps oder für die Verpflegung (Feuer machen, Tee kochen) zuständig sein.
Egal, ob viele oder wenige Helfer zur Verfügung stehen, zwei Dinge sollten beim Management immer beachtet werden:
• Eine Person muss immer den Überblick haben: Koordinator.
• Eine Person muss immer beim Patienten bleiben: Kontakter.
Für die optimale Rollenverteilung brauchst du also mindestens zwei qualifizierte Helfer.
Sonderfall: nur ein qualifizierter Helfer
In manchen Fällen gibt es nur einen einzigen qualifizierten Helfer und eine größere Anzahl wenig qualifizierter Mithelfer (z. B. Jugend- oder Reisegruppe). Dann übernimmt der »Chefretter« zu Beginn die medizinische Betreuung (Kontakter). Nachdem er den Patienten untersucht und fürs Erste beruhigt hat, übergibt er diese Aufgabe an einen Mithelfer und wird selbst zum Koordinator. Das Denken in den Rollen »Koordinator« und »Kontakter« hilft also auch in diesem Sonderfall.
2.3.3 Der Koordinator versorgt nicht den Patienten, sondern behält den Überblick
Ein guter Koordinator hat alle Qualitäten eines guten Managers: Er hat Organisationstalent, nimmt Informationen auf und gibt sie weiter, trifft Entscheidungen und delegiert Aufgaben – legt aber nicht selbst Hand an. Pauschale Handlungsanweisungen für diese Tätigkeit können hier nicht gegeben werden – schließlich ist jede Notfallsituation anders. Um dennoch einen Einblick in die konkreten Aufgaben eines Koordinators zu geben, folgt hier der Bericht eines Reiseleiters, der die Rettung einer verletzten Langläuferin koordinieren musste.
Nebenstehender Bericht (gekürzt) stammt von einem Teilnehmer eines Kompaktseminars zum Thema »Erste Hilfe Outdoor«.
Er soll verdeutlichen, dass auch im Rahmen einer »ganz normalen« Outdoorrettungsaktion selbst unter sehr guten Rahmenbedingungen zahlreiche Managementleistungen zu erbringen sind.
Bericht: Ein Skiunfall im norwegischen Fjell
Der Unfall ereignete sich auf einer Skitour im Hochfjell am Fuß des Jotunheimen. Ich betreute als Reiseleiter eine Gruppe von etwa 40 Personen. Ferner waren ein Skibegleiter, ein Koch und ein Küchengehilfe dabei.
Am ersten Skitag war das Wetter sonnig und kalt, etwa +5 °C. Es herrschten sehr gute Schneebedingungen und die Loipen waren prima. Der Unfall ereignete sich in der achtköpfigen Gruppe der Fortgeschrittenen:
Gegen 14 Uhr fuhr eine Skiläuferin am Ende eines steileren Abhangs in eine Kuhle. Dabei muss sich der rechte Ski unter dem Schnee festgefahren haben. Dadurch wurden wohl der Fuß, der Unterschenkel und das Knie fixiert. Durch den Schwung der Anfahrt fiel die Frau nach vorn – über das gestreckte Knie. Sie verletzte sich das Knie schwer und zog sich an Schien- und Wadenbein einen schlimmen Splitterbruch zu. Der Knochenbruch war aber nach außen hin nicht offen.
Der Unterschenkel stand anfangs schräg nach außen weg, doch die Frau richtete ihn selbst – unter starken Schmerzen – wieder ein. Den Ersthelfern wurde schnell klar, dass ein Scooter (Motorschlitten) zur Rettung der Frau benötigt wurde. Der Skibegleiter fuhr daraufhin den letzten Kilometer zur Hütte ab, um ein Transportmittel zu besorgen.
An der Hütte wurde ich, der Reiseleiter, zum ersten Mal über das Geschehen informiert. Sofort versuchten Koch und Küchenhelfer (sprechen Norwegisch) zuerst den Hüttenwirt, dann seinen Sohn telefonisch zu erreichen – erfolglos. Schließlich telefonierten wir mit der Frau des Hüttenwirts. Sie teilte uns mit, dass sie den an der Hütte vorhandenen Scooter zwar aktivieren, aber nicht fahren könne. Dafür musste ein weiterer norwegischer Helfer angefordert werden, der im Notdienst tätig war. (In Norwegen haben die meisten Leute im Gebirge irgendeine Notausbildung und Funktion im Rettungsdienst.) Nachdem klar war, dass der Scooter bald einsatzbereit sein würde, schickte ich den Skibegleiter zur Unfallstelle zurück, damit die Information »Hilfe kommt gleich!« schnell dort oben ankommen würde. Ich übernahm daraufhin die Koordination des Geschehens in der Hütte. In der Zeit bis zum Eintreffen des Scooterfahrers suchte ich die beiden Ärzte der Gruppe auf. Das war nicht einfach, denn wir standen am Anfang der Reise und kannten noch nicht einmal alle Namen der Teilnehmer.
Nach der Information der Ärzte zog ich mich schnell wintertauglich um und ging zur Hüttenwirtin und dem Scooter. Es musste nur noch ein großer Anhänger angehängt und mit Fellen belegt werden. Exakt in diesem Moment kam der Fahrer an und wurde kurz von der Hüttenwirtin und dem Küchenhelfer auf Norwegisch über die Sachlage informiert. Eine Verständigung auf Englisch oder Deutsch war nicht möglich. Da bisher nur ich den Unfallort kannte, fuhr (raste) der Fahrer dann sofort mit mir auf dem Anhänger zur Unfallstelle.
Am Unfallort lag die Frau auf Rucksäcken und Kleidungsstücken im Schnee. Den anderen Personen war inzwischen ziemlich kalt geworden, teilweise waren sie mit den Nerven runter, denn die Frau hatte viel geschrien und nach Einschätzung der Helfer war bereits viel Zeit vergangen. Tatsächlich lag der Unfall nur wenig mehr als eine halbe Stunde zurück. Wir positionierten den Anhänger unterhalb der Frau und hoben sie mit sechs Personen gleichzeitig auf den Hänger. Niemand durfte ihr Bein berühren, wir waren sehr vorsichtig und trotzdem muss ihr die Umlagerung sehr weh getan haben. Meine Aufgabe an der Unfallstelle war auch wieder die Koordination. Zuerst stand z. B. der Anhänger oberhalb der Frau und dann falsch herum. Bei der Abfahrt zur Hütte musste ihr Kopf ja oben liegen und nicht unten. Nach der Umlagerung fuhr sie der Norweger sehr vorsichtig (ein echter Profi) zur Hütte.
Читать дальше