Die verletzte Frau wurde mitsamt dem Anhänger in die Hütte getragen und von den beiden Ärzten betreut. Als ich wieder dazukam, war bereits klar, dass sie ins Krankenhaus musste. In Norwegen ist es üblich, dass man zunächst versucht, selbst zum nächsten Arzt zu fahren. Unsere Ärzte meinten jedoch, dies wäre in diesem Fall unmöglich. Daraufhin bestellten wir in Lillehammer einen Krankenwagen. Das war gar nicht so einfach, denn ein Beinbruch hat im norwegischen Gebirge offensichtlich keine Priorität. Letztlich dauerte es gut vier Stunden, bis der Krankenwagen vor Ort war. Während dieser Zeit wurde die Frau trocken angezogen, da sie nass geworden war und fror. Außerdem bekam sie von den Ärzten starke Schmerzmedikamente.
Meine Aufgabe bestand jetzt darin, das weitere Vorgehen zu organisieren. Die Freundin der Verletzten und der Küchenhelfer sollten mit nach Lillehammer fahren. Die relevanten Sachen für zwei Personen mussten gepackt werden: Papiere, Versicherungsscheine usw. Als Reiseleiter musste ich auch noch Geld rausrücken und das Büro in Deutschland informieren. Ansonsten war mit vermindertem Personal das Abendessen und eine gemeinsame Gesprächsrunde für alle Reiseteilnehmer vorzubereiten. Notfallpack, Erste Hilfe, Sicherheit auf Touren und ähnliche Themen kamen während dieser Tour immer wieder zur Sprache.
Bild 16:
Winterliche Tour in Lappland
Bild 17:
Gut verpackt für den Scooter-transport (Erste-Hilfe-Seminar in Lappland)
Gedanken zur beschriebenen Situation: Wurde richtig gehandelt? Wie wurde das Prioritätenschema umgesetzt? Könnte so etwas auch bei deinen Touren passieren? Welche Aufgaben kommen dem Büro in Deutschland zu – insbesondere bei noch schlimmeren Situationen (→ 180ff: Krisenmanagement)?
2.3.4 Der Kontakter ist für psychische Betreuung zuständig
Einfühlen können
Sei einfach du selbst!
Viele Aufgaben beim Outdoornotfallmanagement sind mit technischem oder medizinischem Wissen, mit Übersicht und Organisationstalent leicht lösbar. Der Kontakter jedoch benötigt Fähigkeiten, die darüber hinausgehen: Er muss sich in seinen Patienten einfühlen können sowie Informationen, Zuversicht und Geborgenheit vermitteln. Dieser Abschnitt enthält Informationen, die dich auf diese Aufgabe vorbereiten sollen. Bedenke aber, dass psychische Betreuung etwas sehr Individuelles ist. Somit hängt sie sowohl von dir als auch dem Patienten ab. Behalte also einerseits die folgenden Hintergründe im Kopf und im Herzen und sei andererseits einfach du selbst!
Reaktionen sind individuell sehr verschieden – aber keine ist »unnormal«
Typische Reaktionen erkennen und damit umgehen
Es gibt viele Reaktionen auf ungewohnte oder extreme Situationen. Keine davon ist richtig oder falsch, sondern durch die individuelle Lebensgeschichte des Patienten bedingt. Wenn man einige davon kennt, kann man eher angemessen reagieren. Es gilt: Nicht die Reaktion ist unnormal – das Notfallereignis ist es!
Verleugnung
»Ich bin nicht verletzt, alles ist in Ordnung.« Dies ist häufig eine erste Reaktion, die man als Eigenschutz der Psyche interpretieren kann. Bei diesen Patienten muss man besonders aufmerksam diagnostizieren.
Keine Schuldzuweisungen
Rationalisierung
»Wir sind nur abgestürzt, weil der Karabiner nicht gehalten hat.« Gerade bei selbst verschuldeten Unfällen scheint die Psyche eine Vernachlässigung durch die Helfer zu befürchten, wenn es keine sachliche Erklärung für die Ursache gibt. Schuldzuweisungen verbessern die Situation dieser Patienten nicht.
Kleine Aufgaben übertragen
Regression (Rückentwicklung) in kindliche Verhaltensweisen
Nur Grundbedürfnisse, Zuwendung und Schutz spielen eine Rolle, bis hin zu vollständiger Selbstaufgabe. Hier kann man als Helfer behutsam gegensteuern, indem man dem Patienten kleine Aufgaben überträgt: »Halte bitte mal diese Kompresse hier fest.«
Angst kann eine Schutzfunktion haben.
Angstreaktionen
Angst ist bis zu einem gewissen Maß eine wichtige Schutzfunktion. Nimmt sie jedoch das Denken und Handeln vollständig in Besitz, so sollte der Helfer durch sachliche Informationen und durch das Ausstrahlen von Ruhe und Zuversicht behutsam gegensteuern. Allerdings hilft übertriebenes Verharmlosen (»Ach, das ist doch alles kein Problem!«, »Nur keine Angst!«) nicht.
Bild 18:
Auf den Patienten herabstarrende Gaffer können seine Angst verstärken (Foto: Uli Ueber).
Patienten haben die gleichen Bedürfnisse wie alle anderen Menschen
Wunsch nach körperlichem Wohlbefinden
Jeder Mensch wünscht sich frische Luft, Essen und Trinken, Wärme bzw. Kühlung, bequeme Lagerung, Ruhe, Schutz vor Ekel erregenden Gerüchen oder Lärm usw.
Wünsche ernst nehmen
Wunsch nach Kontrolle
Patienten können plötzlich keinen Einfluss mehr darauf nehmen, was um sie herum geschieht. Mache deinem Patienten deutlich, dass seine Wünsche ernst genommen und nach Möglichkeit erfüllt werden. Tue möglichst nichts gegen seinen Willen.
Sicherheit vermitteln
Wunsch nach Sicherheit
Der Unfall, der sich gerade eben ereignet hat, führte dem Patienten deutlich vor Augen, dass die Situation nicht so sicher ist wie erwartet. Warum sollte also nicht gleich wieder etwas Schlimmes passieren? Erkläre dem Patienten, dass Sicherheit auch deine erste Priorität ist: »Du kannst nicht weiter abrutschen und die anderen aus der Gruppe sind in Sicherheit!« Besonders beim Transport eines Verletzten ist darauf zu achten, dass er sich (z. B. auf der Trage) sicher fühlt.
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Die psychische Erste Hilfe ist Aufgabe des Kontakters.
Informationen geben, Maßnahmen erklären
Wunsch nach Information
Die Helfer haben den Überblick über die Umgebung, ihre Maßnahmen und ihren Handlungsplan. Lass den Patienten daran teilhaben. Erkläre alle deine Maßnahmen! »Ich lasse jetzt vorsichtig kaltes Wasser über deine verbrannte Hand laufen. Das lindert deine Schmerzen und ist wichtig für die Ausheilung.«
Nicht anlügen
Wichtig ist das Hier und Jetzt!
Es ist normalerweise nicht sinnvoll, den Patienten über seinen Zustand anzulügen, z. B. bei einer Querschnittslähmung: »Ooch, das ist immer so, wenn man auf den Rücken fällt. Das gibt sich in zwei, drei Tagen wieder.« Bei folgenschweren Verletzungen ist es jedoch manchmal hilfreich, die Beschränktheit der diagnostischen Möglichkeiten im Gelände zu betonen und eventuelle Gedanken an eine schreckliche Zukunft durch eine Betonung des »Hier und Jetzt« zu vertreiben. »Hier draußen kann man wirklich nicht sagen, welche Folgen deine Verletzung hat. Aber Hilfe ist unterwegs und du wirst in gute Hände kommen. Bis dahin ist es wichtig, dass du ruhig und warm bleibst. Hier ist ein Schluck heißer Tee für dich.«
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