Zurück zu unserem Beispiel:
Risiken: Deine Gruppe checkt zuerst die Risiken und sichert sich ab. Denn Sicherheit hat Vorrang vor allen anderen Punkten!
Unfallmechanismus
Ursache: Du hast den Sturz beobachtet. Daher kannst du deinen Kollegen berichten, dass er als Ursache für Knochenbrüche, eine Wirbelsäulen- und eine Kopfverletzung infrage kommt, da sich euer Freund mehrfach überschlagen hat. Auch Verletzungen durch den Pickel sind wahrscheinlich.
Management: Ihr besprecht euch kurz und entscheidet, dass du als der medizinisch Kompetenteste zum Patienten absteigst, während die anderen den Handyempfang checken und ggf. einen weiteren Standplatz bauen. Der am Berg Erfahrenste in eurer Gruppe übernimmt die Koordination. Bei vorhandenem Mobilfunkempfang kann er sofort einen Notruf veranlassen, sobald klar ist, dass ihr Unterstützung braucht.
Die nächsten Punkte, BAP und SAU, gehören eng zusammen. In beiden Fällen geht es um Leben oder Tod: Mit BAP überprüfen wir die lebensnotwendigen Vitalfunktionen. Die SAU-wichtigen Notfälle kommen als Ursachen für eine Beeinträchtigung dieser Funktionen infrage und müssen daher vorrangig behandelt werden.
1.3 Bewusstsein, Atmung, Puls (BAP) checken und sichern, SAU-gefährliche Störungen bekämpfen
Bewusstsein? Atmung? Puls? = »BAP-Check«
Um herauszufinden, ob ein Notfall das Leben des Patienten bedroht, müssen Bewusstsein (B), Atmung (A) und Puls (P) bzw. der Kreislauf bei jedem Patienten überprüft werden. (Ausnahme: Bei bewusstlosen, nicht normal atmenden Patienten hat die Wiederbelebung Vorrang vor der Pulskontrolle.) Diese Überprüfung ist recht einfach und kann daher schnell durchgeführt werden. Sie liefert dir wichtige Infos über den Zustand deines Patienten. Wenn du die Qualität der Vitalfunktionen in ihrem Verlauf protokollierst, kannst du zudem positive und negative Entwicklungen im Zustand deines Patienten prima erkennen.
Neben der Qualität der Vitalfunktionen bedenke auch mögliche Ursachen für deren Beeinträchtigung: z. B. Kopfverletzung, Diabetes etc.
Bewusstseinsstörung.
Bei Ausfall einer BAP-Funktion: Sofort handeln!
Sind eine oder mehrere Vitalfunktionen nicht nur beeinträchtigt, sondern völlig ausgefallen, dann musst du sofort handeln: Bewusstlose mit normaler Atmung kommen in die Seitenlage, Patienten ohne normale Atmung müssen wiederbelebt werden.
Schock? Atemstörung? Unterkühlung? = »SAU-gefährlich«
Nicht immer ist die Lebensbedrohung so eindeutig wie beim Ausfall von Bewusstsein, Atmung oder Puls. Drei Notfallbilder sind im Outdoorbereich besonders häufig die Ursache für lebensbedrohliche Probleme – und leider werden sie allzu häufig unterschätzt: Schock (S), Atemstörung (A), Unterkühlung (U) .
SAU-Gefährliches hat Vorrang.
Daher frage dich nach dem Checken des Umfelds bzw. des Unfallmechanismus (RUM!) und der Überprüfung der Vitalfunktionen(BAP!), ob Hinweise auf eines dieser »SAU-gefährlichen« Notfallbilder vorliegen. Wenn ja, müssen sie vorrangig versorgt werden. Zentrale Punkte sind hierbei jeweils die Beseitigung der Ursachen und die Senkung des Sauerstoffbedarfs des Patienten.
So geht es weiter: Beim Patienten angekommen, checkst du zuerst BAP: »He, alles klar? Wo tut es denn weh?« (B), »Bekommst du gut Luft? Hast du Schmerzen beim Atmen?« (A), und fühlst kurz den Puls (P).
Obwohl dein Patient über Schmerzen in seinem Bein klagt, machst du einen kompletten BAP-Check! Denn wenn du feststellst, dass er gar nicht weiß, was passiert ist (
Bewusstseinsstörung!), gibt dir das einen Hinweis auf eine Schädel-Hirn-Verletzung, die viel bedrohlicher ist als das eventuell gebrochene Bein. Und wenn du feststellst, dass er Schmerzen beim Atmen hat (
Atemstörung!), wiegt diese Erkenntnis ebenfalls schwerer als die Fußverletzung – eine Verletzung der Lunge durch eine gebrochene Rippe kann schnell lebensbedrohlich werden!
Doch zum Glück kannst du keine Hinweise auf ein SAU-gefährliches Problem finden: Die Schockursache »lebensbedrohliche Blutung« hätte nämlich vor der weiteren Untersuchung und Ruhigstellung des Beines Vorrang ( SAU vor D IWAN). Wenn der Patient bewusstlos wäre (Gefahr eines Atemstillstands!), müsste er in die Seitenlage gebracht werden, obwohl aus dem Unfallhergang ein Hinweis auf eine Wirbelsäulenverletzung zu folgern wäre. ( BAP/S AU vor D IWAN). Eine Unterkühlung (U) ist bei dem sonnigen, warmen Wetter auch auszuschließen.
Bei allen bisher genannten Punkten musst du ziemlich schnell handeln, denn das Leben deines Patienten könnte in Gefahr sein. Wenn du jedoch die ersten beiden Teile des Schemas (RUM und BAP/SAU) abgearbeitet hast, kannst du in aller Ruhe und Gründlichkeit weitermachen, denn nun geht es ja nicht mehr um Leben oder Tod! Ein DIWAN ist schließlich eine gemütlich gepolsterte Liege aus dem Orient.
1.4 DIWAN: Alles Weitere in aller Ruhe managen
Detailuntersuchung: Bodycheck und Anamnesegespräch
Am Anfang steht eine genaue Untersuchung. Bisher hast du ja nur aus dem Umfeld bzw. dem Unfallmechanismus (U von RUM) einige Verdachtsmomente erhalten und den Zustand der Vitalfunktionen (BAP) überprüft. Die Genauigkeit der Untersuchung ist für dein weiteres Vorgehen entscheidend: Sie ermöglicht dir eine gute Einschätzung der Verletzungsschwere, was für die Planung des weiteren Vorgehens (z. B. Beantwortung der Frage »Tour fortsetzen, Pausentag einlegen oder gar evakuieren?«) von entscheidender Bedeutung ist. Die Detailuntersuchung (D) besteht aus zwei Komponenten: Der Bodycheck ist vor allem für Knochenbrüche, Gelenkverletzungen u. Ä. relevant. Das Anamnesegespräch gibt insbesondere bei nicht verletzten Patienten Hinweise auf die Ursache und Schwere der Störung (z. B. Bauchschmerzen, Erkrankung usw.).
Bild 3:
Jetzt aber schnell: Die Punkte BAP und SAU müssen flott abgearbeitet werden.
Immobilisierung: ruhig stellen und schienen
Der nächste Punkt ist die Immobilisierung (I) . Dazu gehört z. B. das Ruhigstellen und Schienen von gebrochenen Armen und verstauchten Knöcheln. Dadurch erreichen wir u. a. eine Schmerzlinderung und erhöhen die Chancen auf eine unkomplizierte Ausheilung. An dieser Stelle denken wir ebenfalls an die Ganzkörper-Immobilisierung von Patienten mit einer Wirbelsäulenoder Beckenverletzung.
Wundversorgung
Im Vergleich zu einem gebrochenen Knochen ist eine Wunde weniger gravierend. Hier geht es nicht mehr um die Stillung lebensbedrohlicher Blutungen – dies ist bereits Teil der SAU (Blutung = Schockursache) gewesen. Daher steht die Wundversorgung (W) erst an dieser Stelle auf dem Programm. Dazu gehören die Wundreinigung und eventuell -desinfektion, der Wundverschluss von klaffenden Wunden sowie das sterile Verbinden, z. B. mit einem Verbandpäckchen.
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