Achte bei einem Notfall zunächst auf alles, was um den Patienten herum vorgeht, sozusagen auf das »DRUMheRUM«. Meistens ist » RUM« in wenigen Sekunden abzuhaken, da man drohende Risiken oder den Unfallmechanismus oft mit einem Blick wahrnehmen und das Management mit wenigen Worten unter den Helfern abstimmen kann.
Dennoch sind Umsicht und klare Gedanken in diesen ersten Sekunden von entscheidender Bedeutung für den Ablauf der Hilfeleistung: Sie gewährleisten die Sicherheit der Helfer, liefern erste Verdachtsmomente für eine korrekte Diagnose und ermöglichen eine koordinierte Versorgung des Patienten.
Dieses Teilkapitel gibt dir zunächst allgemeine Hinweise zu Risiken und zeigt einige Techniken zur Rettung aus akuter Gefahr. Im zweiten Abschnitt folgen Zusammenhänge zwischen Umfeld und Schädigung. Zuletzt werden Fragen des Managements besprochen.
2.1 Dein erster Gedanke gilt den Risiken, die dich, deine Gruppe und den Patienten bedrohen
2.1.1 Sicherheit ist wichtiger als alles andere
Sicherheit zuerst!
Wenn sich bei der Rettung ein Helfer verletzt, kann er niemandem mehr helfen – im Gegenteil, es gibt plötzlich einen zusätzlichen Patienten. Daher hat deine eigene Sicherheit und die deiner Mithelfer oberste Priorität. Dazu gehört, einem Abgestürzten nicht kopflos und ungesichert hinterherzusteigen, einen Ertrinkenden nur unter Beachtung der entsprechenden Verhaltensregeln anzuschwimmen usw.
Überblick trainieren
Beim Lesen dieses Buches denkst du sicher: »Na, das ist ja wohl klar!« Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn dein Instinkt treibt dich dazu, dem Verletzten so schnell wie möglich zu Hilfe zu eilen. Wenn du das tust, verbaust du dir aber unter Umständen die Möglichkeit, einen echten Überblick über die Situation und ihre Gefahren zu gewinnen. Also: Versuche ab heute immer dann, wenn du jemandem helfen willst, einige Sekunden innezuhalten und die Umgebung zu betrachten. Auch dann, wenn deinem Mitmenschen einfach nur etwas heruntergefallen ist. Das ist ein gutes Training.
Bild 5:
Safety first!
Grundprinzip: »Risiken abwägen«
Zweite Priorität hat die Sicherheit des Patienten . Es ist wichtig, dass er keine weiteren Schäden erleidet. Hier kann erstmals das Grundprinzip »Risiken abwägen« angewandt werden: Ist der Patient einem akuten Risiko ausgesetzt (z. B. Stein-/Blitzschlag, Lawinenhang, Feuer usw.), rette ihn aus dem Gefahrenbereich, auch wenn dabei das Risiko besteht, eine (noch) nicht erkannte Verletzung zu verschlimmern. Dieses Grundprinzip wird dir in diesem Buch noch öfter begegnen.
Erinnere dich an das Beispiel aus Kapitel 1:
Dein Partner ist beim Queren des Firnfeldes ausgerutscht. Erste Priorität hat deine eigene Sicherheit und die deiner Gruppe: Du sicherst dich entsprechend selbst, z. B. mit deinem Pickel, und die Gruppe baut einen vernünftigen Standplatz. Zweitens denkst du an die Sicherheit des Patienten: Er wird gesichert, und eine Person steigt vorsichtig (nicht direkt in der Falllinie über ihm) hinunter.
Gefahrenprävention durch sicherheitsrelevante Ausbildungen
Zu dem Punkt Risiken gehört auch der Hinweis auf die Gefahrenprävention . Mehr dazu erfährst du in entsprechenden sicherheitsrelevanten Ausbildungen. Zu den wichtigen Schulungen gehören beispielsweise:
• Für Kletterer und Bergsteiger: Ausbildung in behelfsmäßiger Bergrettung
• Für Skitourengänger: Lawinenkurs
• Für Paddler und Rafter: Rettungsschwimmer, Kanu-Sicherheitstraining, SRT-Kurs
• Für Erlebnispädagogen: Sicherheitskurs bei den entsprechenden Fachverbänden
Häufig sind in allgemeinen Ausbildungen zum Thema (z. B. Kletterkurs) bereits einige sicherheitsrelevante Elemente eingebunden. Überlege kritisch, ob diese Kenntnisse für dich im Ernstfall ausreichen. Nimm im Zweifelsfall einfach an einer derartigen Schulung teil – fast alle machen viel Spaß und man lernt Gleichgesinnte kennen.
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Immer an Schutzhandschuhe denken!
Praxistipp: Schutzhandschuhe
Ein Risiko, das du besonders beachten musst, ist die Infektion mit ansteckenden Krankheiten wie z. B. Aids oder Hepatitis. Schütze dich vor dem Kontakt mit Körperflüssigkeiten am besten durch Einmalhandschuhe. Wenn du keine zur Verfügung hast, bieten eine übergestreifte Plastiktüte, eine wasserdichte Jacke oder normale Handschuhe zumindest einen gewissen Schutz.
Die sichersten und angenehmsten Schutzhandschuhe sind aus Latex oder Nitril. Leider altert dieses Material vor allem bei Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen sehr schnell. Sie sind somit nur sinnvoll, wenn du jemanden kennst, der dich alle paar Monate mit »frischen« Handschuhen versorgen kann. Wenn das nicht der Fall ist, verwende Vinylhandschuhe. Du kennst sie aus dem Autoverbandkasten. Sie halten sich länger, sind aber nicht so »gefühlsecht«.
2.1.2 Bei großem Risiko muss der Patient schnell aus dem Gefahrenbereich gerettet werden
Bei akuter Gefahr: Schnelligkeit ist wichtiger als schonender Transport.
Auf dieser Doppelseite werden einige Techniken gezeigt, mit denen du einen Patienten schnell und ohne Hilfsmittel aus akuter Gefahr retten kannst. Dabei geht es mehr um Schnelligkeit als um einen schonenden Transport. Wenn das Risiko für dich und den Patienten nicht wirklich extrem groß ist, solltest du ihn besser vor Ort untersuchen und behandeln und erst später in aller Ruhe transportieren (DIW AN: Abtransport organisieren).
Weitere Transporttechniken werden im Abschnitt 4.4.4 (→ 159ff) vorgestellt.
Bild 7:
Für Bewusstlose und für schwere Patienten: der Rautek-Rettungsgriff
Rautek-Rettungsgriff
Der nach seinem Erfinder benannte Griff ermöglicht ein schnelles Aufnehmen und Ziehen des Verletzten über kurze Strecken. Er ist vor allem bei Bewusstlosen und bei besonders schweren Patienten geeignet.
Bild 8:
Auf schmalen Wegen: im Rautekgriff tragen
Rautekgriff mit 2 Helfern
Wenn zwei Helfer verfügbar sind und die Trageringtechnik (→ 25) nicht möglich ist, kann der zweite Helfer die Beine des Patienten überkreuzen und das untere (Hosen-) Bein in die Hand nehmen.
Bild 9:
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