In den Nachrichten geht es weiter mit Sport. Das fassungslose Schweigen der Kunden ist ohrenbetäubend. Mugdi denkt sofort an seinen jüngeren Bruder Kaluun, der gerade in Schottland ist. Er kann sich nicht erinnern, ob in Edinburgh oder in Glasgow, wo er eine Gruppe junger Afrikaner, Stipendiaten des British Council, in Radiojournalismus unterrichtet. Hoffentlich ist ihm und seiner Partnerin Eugenia nichts passiert. Er muss sie anrufen, denkt er, da dreht sich ganz vorn in der Kundenschlange eine Frau mit gepiercter Zunge um und sagt laut und wütend zu den anderen Kunden: »Stellt euch vor, die Muslime und Schwarzen haben erst mal die Mehrheit. In zwanzig Jahren ist es so weit, wenn wir sie weiter ins Land lassen. So schnell, wie die sich vermehren, sind die jetzt schon gefährlich.«
»Das meinst du nicht ernst, oder?«, sagt ein junger tätowierter Mann.
»Todernst«, sagt Gepiercte Zunge.
In der folgenden Debatte reden die Leute wild durcheinander. Die Mehrheit widerspricht der Ansicht von Gepiercte Zunge. Eine junge Frau sagt: »Hältst du uns alle für Idioten? In Norwegen werden Muslime und Schwarze nie die Mehrheit haben. Red nicht so ein dummes Zeug.«
Mugdi fragt sich, was Gepiercte Zunge wohl sagen würde, wenn sie wüsste, dass sein in Norwegen aufgewachsener Sohn nicht nur ein Terrorist war, sondern dass seine Familie dessen Witwe und Stiefkindern die Einreise nach Norwegen ermöglicht hat.
Gepiercte Zunge schaut von Mugdi zu dem pakistanischen Supermarktmanager und sagt gereizt: »Wir nehmen sie auf, wir geben ihnen Kleidung und Essen, und was tun sie? Anstatt dankbar zu sein, verüben sie Anschläge auf unsere U-Bahnen und Busse, jagen unsere Gebäude in die Luft und töten dabei Tausende Menschen. Zum Teufel mit ihrer Religion.«
Sie lässt ihre Einkäufe an der Kasse liegen, stapft davon davon und reagiert auch nicht, als der Manager ihr hinterherruft.
Mugdi erinnert sich an den Schrecken, den 9/11 bei so gut wie allen Norwegern hervorgerufen hat, einschließlich Birgitta und Johan. Nur vier Jahre später folgten die Anschläge in der U-Bahn und dem Doppeldeckerbus in London, bei denen über fünfzig Menschen ihr Leben verloren. Und obwohl in Irak, Somalia, Afghanistan, Pakistan und Jemen viele weitere Selbstmordattentate verübt wurden, schenkten die Norweger diesen kaum Beachtung. Vielleicht hatten sie Mitgefühl mit den Opfern, aber doch nie so wie bei den Anschlägen in ihrer Nähe und wenn die Toten Europäer waren.
Als schließlich Mugdi die Kasse erreicht und zahlt, spürt er die feindseligen Blicke wie Pfeile in seinem Rücken. Erst als er den Supermarkt verlässt, entspannt er sich langsam.
Als er nach Hause kommt, macht sich seine Tochter gerade eine Misosuppe. Sie ist im Bademantel und sieht blass aus, ihre Bewegungen sind langsam und fahrig, das Haar noch nass und verstrubbelt. Als Mugdi sofort zum Telefonhörer greift, um Kaluun anzurufen, sagt Timiro: »Du siehst so bedrückt aus. Ist was passiert?« Er erzählt ihr von den Anschlägen in Glasgow und London. »Geht es Onkel Kaluun und Eugenia gut?«, fragt sie.
»Das versuche ich gerade herauszufinden.«
Während er darauf wartet, dass in der Wohnung seines Bruders jemand abhebt, fragt Mugdi Timiro, wie sie sich fühlt. »Ich bin müde, völlig erledigt.« Sie wartet noch, bevor sie nach oben geht. Auch sie will wissen, ob Kaluun und Eugenia wohlauf sind. Nach den ersten Worten zwischen ihrem Vater und seinem Bruder weiß sie, dass alles in Ordnung ist. »Sag ihnen herzliche Grüße von mir, Papa.« Dann nimmt sie einfach ihren Teller Suppe und geht langsam die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Mugdi hört im Hintergrund die leisen Schritte seines Bruders, als der ihm sagt, er gehe gerade hinaus auf den Balkon, von wo er auf den Abney Park Cemetery sehen könne. Auf diesem Waldfriedhof im Osten Londons haben die beiden Brüder oft lange, vergnügte Spaziergänge unternommen.
»Eugenia und mir geht es gut«, sagt Kaluun.
»Wann seid ihr aus Schottland zurückgekommen?«
»Heute Morgen mit dem Nachtzug.«
»Ich bin froh, dass euch nichts passiert ist.«
»Mein Abteilungsleiter braucht mich hier. Ich soll einen Kollegen aus der Nachtschicht entlasten.«
»Überall in Europa läuten die Glocken der Panik. Auch hier in Norwegen hören wir sie laut und deutlich«, sagt Mugdi. »Die Täter haben sie zwar noch nicht erwischt, aber ich ahne schon, dass das Leute waren, die aussehen wie wir. Und da können wir sie noch so sehr verfluchen, natürlich wird man uns alle über einen Kamm scheren. Hoffentlich beruhigt sich das schnell wieder.«
»Ich glaube, das wird eine Weile dauern. Jetzt was anderes, wie geht es Timiro? Eugenia und ich haben uns so gefreut, als sie angerufen und erzählt hat, dass sie schwanger ist.«
»Sie ist etwas empfindlich und immer müde«, sagt Mugdi. »Aber sonst geht es ihr gut. Sie lässt euch grüßen.«
»Als wir das letzte Mal gesprochen haben, hat sie Eugenia und mir gestanden, dass ihre Ehe am Ende ist. Ich habe versucht herauszubekommen, wo Xirsi jetzt ist, aber niemand scheint etwas zu wissen.«
»Du hast sie miteinander bekannt gemacht, oder?«
Kaluun wechselt erstaunlich schnell das Thema. »Und, wie geht es der Witwe und ihren Kindern«, fragt er.
»Da gibt es nicht viel zu erzählen.«
»Sie sind jetzt in Oslo, oder?«
»Ja, aber wir haben sie noch nicht gesehen. Sie werden noch festgehalten und befragt. Ich weiß nicht, wie lange sich das hinzieht, aber nach den Ereignissen in Glasgow und London dauert es sicher länger. Die Rechten lechzen doch nach Muslimblut, Abschiebungen und drakonischen Überwachungsgesetzen.«
»Du siehst mal wieder ziemlich schwarz, Bruderherz.«
Kaluun ist nicht mehr so rigoros wie früher. Irgendetwas ist mit ihm passiert, denkt Mugdi. Als er nach England gezogen ist, da war er noch so hart wie Winterfutter. Aber in letzter Zeit ist er weicher geworden.
»Was denkst du?«, fragt Mugdi.
»Wir denken darüber nach, das Haus in London zu verkaufen und uns etwas auf einer Insel zu suchen, irgendwo in der Karibik, für den Ruhestand.«
Mugdi weiß, dass Kaluun Reisen selten im Voraus plant und für die Flugtickets seiner Spontantrips oft sehr hohe Preise zahlt. Wenn er sich zu einer Reise entschließt, dann ist er gut bei Kasse. Er hat einen guten Job bei der BBC und keine Kinder. Er hat nie geheiratet, lebt aber mit seiner Partnerin Eugenia, einer angesehenen Rechtsanwältin, zusammen. Ihre Eltern stammen aus Montego Bay, aber sie wurde in London geboren. Sie wollen nicht heiraten, sie sind auch so glücklich, und das ist alles, was zählt. Mugdi mag Eugenia sehr.
»Warum die Karibik? Wegen Eugenia?«
»Weil die Karibik die einzige kosmopolitische Gegend in der Welt ist, wo jedermann willkommen ist und ich entspannter und mit weniger Angst leben kann. Leben und Leben lassen, das ist das Motto der Leute auf den kleineren Inseln. Zumindest kam es mir immer so vor, wenn ich dort war.«
»Eine Woche Urlaub ist etwas völlig anderes, als ganz dort zu leben.«
»Das ist mir klar«, sagt Kaluun, hält kurz inne und fährt dann fort. »Jedenfalls wird es Zeit, dass du uns mal wieder besuchst. Du bist schon lange nicht mehr hier gewesen.«
»Nein danke, jetzt lieber nicht, wo alle so nervös sind.«
»Das hält sicher nicht lange an.«
Mugdi fällt auf, dass Kaluun ihm vor ein paar Minuten noch das genaue Gegenteil gesagt hat.
»Man wird sehen.«
»Große Städte kommen mit solchen Schockerlebnissen besser zurecht als kleine Städte oder homogenere Gesellschaften. Wenn so etwas in Oslo passieren würde, dann könnte das für das Norwegen, wie wir es kennen, fast das Ende bedeuten. Das sagt mir zumindest mein Gefühl.«
Wieder verändert sich Kaluuns Stimme auffällig. Als wäre jemand zu ihm auf den Balkon gekommen. Wie zum Beweis sagt er: »Ich muss jetzt Schluss machen. Grüße Timiro und Gacalo herzlich von mir.«
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