Mugdis Blick wandert vom Gesicht einer weißen Frau zu einem Mann mit orientalischen Zügen, von einer Frau in einem Sari zu einem afrikanischen Mann in einem Boubou. Und ihm geht durch den Kopf, dass ein solches Bild der Vielfalt an einem öffentlichen Platz in Mogadischu unmöglich wäre. Traurig. Bei einigen Norwegern beobachtet er, wie sich ihr Gesichtsausdruck verändert, wenn sie eine muslimische Frau in Vollverschleierung sehen. Vielleicht empfinden sie sie als Bedrohung. Eine Frau im Sari dagegen gilt hier als ungewöhnlich und faszinierend. Mugdi erinnert sich an einen Artikel über einen Richter im amerikanischen Bundesstaat Georgia, der einer Frau mit Kopftuch den Zutritt zu seinem Gerichtssaal verwehrte. Würde derselbe Richter einen Juden mit einer Kippa auf dem Kopf oder eine Nonne in Ordenstracht abweisen? Mugdi hält sich für einen spirituellen Menschen, auch wenn er nicht die Disziplin aufbringt, jeden Tag zu bestimmten Stunden zu beten, und seine Spiritualität nicht den Zwängen und Ritualen eines formelhaften Glaubens unterwerfen will. Jede Form der Reglementierung widerstrebt ihm.
Sein Handy vibriert, und er schaut auf das Display. »Ja, Liebling?«
»Wir haben gerade Teepause. Ich sehe im Internet, dass der Flug Verspätung hat.«
»Ja, ich sehe es auch gerade an der Informationstafel.«
Eine Stunde später kommt die Durchsage, dass der Flug mit Waliya und ihren Kindern gelandet ist. Mugdi schickt Gacalo eine SMS: »Sie sind da.«
In der nächsten Sekunde überlegt Mugdi, ob es überhaupt zutrifft, dass sie »da« sind. Gacalo hat nie eine Bestätigung erhalten, dass die drei Nairobi tatsächlich verlassen haben. Waliya hätte sie anrufen sollen, nachdem sie die rigorosen und für Somalis besonders strengen Sicherheitskontrollen in Kenia passiert hatten. Und sie hätte sich nach der Ankunft in Brüssel und vor dem Weiterflug nach Oslo melden sollen.
Mugdi stellt sich darauf ein, lange warten zu müssen, vielleicht Stunden.
Waliya und ihre Kinder waren fast zwei Wochen unterwegs gewesen, mit gefälschten tansanischen Pässen und mit Flugtickets, die Gacalo bezahlt hatte: zuerst von Nairobi nach Entebbe in Uganda; dann weiter nach Damaskus. Dort hielten sie sich eine gute Woche in einem Hotel auf, in dem auch die Schlepper absteigen, die auf die Beförderung von illegalen Migranten nach Europa spezialisiert sind. Gacalo rief Waliya jeden Tag an, um auf dem Laufenden zu sein, mit wem Waliya verhandelte, und für den Fall, dass sie Geld überweisen müsse.
Von Damaskus flogen sie mit einem Aufpasser des Schleppers nach Nikosia auf Zypern, dort kam die Familie für ein paar Tage in einem Hotel im türkischen Teil des Landes unter, bevor es weiterging nach Rom. Dort wurden sie von einem italienischen Grenzbeamten, den ihr Aufpasser offenbar kannte, durchgewunken und zu einem Hotel in Roms Peripherie gebracht. Ob sie es jemals bis nach Oslo schaffen würden, war unsicher. Waliyas Sohn Naciim rebellierte, und seine Schwester war kurz davor, aber Waliya konnte sie beruhigen. »Allah ist auf unserer Seite«, sagte sie.
Zwei Tage später wurden sie von einem Taxi abgeholt, das sie vom Hotel zum Hauptbahnhof von Rom brachte. Die somalische Fahrerin gehörte zu dem Schlepperring, vermutete Waliya, denn sie gab ihnen Schlafwagenkarten für den Zug nach Brüssel und die Tickets für den Flug nach Oslo.
Waliya und ihre Kinder ahnten nichts von den Streitereien in Gacalos Familie. Sie ahnten nicht, dass Timiro sich unverblümt zu den Kosten geäußert hatte. »Fast neuntausend Dollar! Ist es das wert?«
Natürlich gab es keine Garantie, dass die drei nicht von einem gerissenen Schlepper übers Ohr gehauen oder im Gefängnis landen würden. Und selbst wenn sie unversehrt ankämen, würden sie wahrscheinlich, das vermutete Gacalo jedenfalls, wie die meisten Asylsuchenden erst einmal verhaftet werden. In diesem Fall würden sie wohl erst mit ihnen sprechen können, wenn sie die quälende Befragung durch die norwegische Grenzpolizei hinter sich hätten.
Sollten die norwegischen Behörden Mugdi befragen wollen, wäre das nutzlos, da er in die Reisevorbereitungen nicht eingebunden war. Seine Entscheidung, sich allen Details der Reise zu verweigern, war die richtige, davon ist er überzeugt. Es verstößt gegen seine Prinzipien, auch als ehemaliger Diplomat, die Gesetze Norwegens zu verletzen, des Landes, das ihn freundlich aufnahm, als er nicht mehr nach Hause zurückkehren konnte. Es würde ihn nicht überraschen, wenn das Ansehen seiner Familie noch mehr Schaden nähme, wenn etwas schiefgehen würde und Waliya und ihre Kinder zurück nach Nairobi oder, im schlimmsten Fall, zurück nach Mogadischu geschickt würden.
Die Wohnung, in die Waliya und ihre Kinder einziehen werden, glaubt Mugdi, ist vielleicht die größte und schönste, die sie jemals ihr Zuhause genannt haben. Außerdem werden sie reichlich von Gacalos großzügig zubereitetem Essen vorfinden. Sobald er sie abgesetzt hat, denkt Mugdi, hat er seine Schuldigkeit getan und wird wieder fahren.
Er sitzt jetzt gegenüber dem Ausgang, durch den die Passagiere kommen müssen. Er holt einen Ausdruck der Episode aus Giants in the Earth hervor, die er gerade übersetzt. Der Norweger Per Hansa begegnet einer Gruppe Indianer, die ihr Lager eine Meile entfernt von der kürzlich errichteten bäuerlichen Ansiedlung der Norweger aufgeschlagen haben. Die Anwesenheit der Indianer macht seiner Frau Beret Angst. Die armen, hart arbeitenden norwegischen Fischer, die als Auswanderer im Dakota-Territorium gelandet sind, sind nicht nur vor der Armut geflohen, sondern auch vor den Schrecken der Mitternachtssonne im Sommer und der kräftezehrenden Winter. Wie viele seiner Landsleute verfügt Per Hansa über die unerschütterliche Tatkraft eines Mannes, der zur Führung und zum Durchhalten geboren ist und damit etwas aus seinem Leben macht.
Mugdi liest sich seine Übersetzung halblaut vor und findet, dass den Sätzen der Rhythmus des Originals fehlt. Auch das Pathos dieser Episode, das Misstrauen und die Angst der norwegischen Siedler vermitteln sich nicht. Sie unterstellen den »Indianerhorden« schreckliche Absichten. Sie fürchten, von ihnen skalpiert, ihres Viehs und des Landes beraubt zu werden, für das sie nur einen halben Dollar je Morgen bezahlt haben. Per Hansa ist ein überaus feinfühliger Mensch, dem jedoch zu keinem Zeitpunkt in den Sinn zu kommen scheint, dass sie, die norwegischen Siedler, die Indianer von ihrem Land vertrieben haben.
Mugdi fällt ein, dass er Gacalo erzählt hat, diese erste Begegnung der Norweger mit den nordamerikanischen Indianern interessiere ihn am meisten, deshalb habe er seine Übersetzung mit dieser Episode begonnen. Per Hansa und seine norwegischen Landsleute repräsentieren eine mächtigere, stärkere Art des Denkens. Mugdi grübelt darüber nach, was die Norweger mit den Indianern tauschen, und fragt sich, ob der Handel ein fairer ist: Per Hansa versorgt einen kranken Indianer mit Salben und Verbandstoff und erhält dafür Pfeifentabak.
Inzwischen sind immer mehr Leute gekommen, die Schilder mit Namen von Passagieren in die Höhe halten. Und plötzlich vernebelt sich ihm aus unerklärlichen Gründen das Gehirn mit lauter Fragen, auf die er keine Antwort hat. Was soll er tun, wenn man Waliya und ihren Kindern den Flug nach Oslo verwehrt hat? Ihm ist klar, dass die Frau am Schalter das auch nicht weiß, und wenn sie etwas wüsste, dürfte sie ihm die Passagierliste nicht zeigen. Was wäre, wenn Waliya eine Betrügerin ist, eine Spionin, mit einem Auftrag von Dhaqanehs Dschihadistengruppe? Er sagt sich, dass er das unmöglich wissen könne, aber es macht ihn unsicher und gereizt.
Möglich ist auch, dass die Dinge sich nicht zu Gacalos Zufriedenheit entwickeln. Auch wenn Waliya kein »Schläfer« ist, es beunruhigt ihn, dass ihre Kinder vielleicht nicht nach dem Geschmack der Familie sind, dass die Frau, die eindeutig eine Sympathisantin radikaler Dschihadisten ist, in das Leben seiner Familie eindringt, ohne durchleuchtet worden zu sein. Die ewig optimistische Gacalo vertraut darauf, dass am Ende schon alles gut ausgehen werde. Wann immer sie auf seine Fragen keine zufriedenstellende Antwort wusste, sagte sie nur, er solle sich keine Sorgen machen. »Waliya wird begreifen, dass sie hier die einmalige Chance hat, in Frieden zu leben«, sagte sie. »Die Kinder bekommen von uns jede Unterstützung, damit sie hier Fuß fassen und zur Schule gehen können.«
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