Stur stellt Mugdi ihr immer wieder die eine Frage: »Warum soll ich die Frau eines Sohnes unterstützen, den ich wegen seiner terroristischen Taten verstoßen habe?«
Bevor in Somalia die staatliche Ordnung zusammenbrach, war Mugdi Botschafter gewesen. Er ist es gewohnt, dass er seinen Willen bekommt. Man bekommt Ärger, wenn man seiner Argumentation nicht folgt.
Je länger das Patt andauert und Gacalo keinen Zweifel daran lässt, dass sie sich nur mit Mugdis voller Unterstützung zufriedengeben wird, desto mehr machen sich alle Sorgen. Dass sie Mugdi nicht von ihrer Sicht der Dinge überzeugen kann, regt Gacalo wahnsinnig auf. Sie fühlt sich herabgesetzt, nicht mehr geliebt, und nach einem weiteren heftigen Streit stürmt sie eines Nachmittags aus dem Haus.
Als sie nach Stunden noch nicht zurückgekommen ist und auch nicht ans Handy geht, macht sich Timiro auf die Suche nach ihrer Mutter. Sie sucht sie in den beiden kleinen Parks um die Ecke, findet sie dort nicht und ruft Birgitta an, die sie beruhigt, Gacalo sei bei ihr.
Auf dem Heimweg läuft Timiro Himmo in die Arme, die gerade aus der Tram steigt. Sie arbeitet als Krankenschwester und hat Feierabend. Erfreut über die zufällige Begegnung, gehen die beiden Frauen in ein Café, um sich ein bisschen zu unterhalten. Timiro erzählt, dass sie ihre Mutter gesucht hat, und bringt Himmo auf den neuesten Stand der Auseinandersetzung wegen Waliya. »Die Atmosphäre ist seit ein paar Tagen so vergiftet, es ist nicht mehr auszuhalten. Und das habe ich ihnen auch gesagt. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern sich je so gestritten haben oder dass Mama so laut geworden ist. Na ja, außer einmal, als ich noch klein war.«
»Ach ja?«
»Ich war jung und bockig und wollte unbedingt eine Katze. Mama hat kategorisch abgelehnt, ein Haustier würde bei unseren Wochenendausflügen nur stören. Hinter ihrem Rücken habe ich Papa angebettelt, und der hat ja gesagt, ohne vorher mit ihr zu sprechen, und in der Tierhandlung gleich eine Katze für mich gekauft. Ich habe sie noch nie so wütend erlebt. Am Ende setzte sich Papa durch, und ich durfte die Katze behalten.«
»Na ja, dann ist es vielleicht nur gerecht, wenn sich diesmal deine Mutter durchsetzt.«
»Vielleicht. Aber bei Papa weiß man nie. Er ist der Typ, der seine Meinung genau dann ändert, wenn man es am wenigsten erwartet.«
»Ich weiß, was du meinst«, sagt Himmo. »Aber im Grunde ist er ein sanftmütiger Mann. Er wird schon nachgeben. Da bin ich ziemlich sicher.«
»Das hoffe ich«, sagte Timiro. »Um ihrer beider willen. Mama grübelt ständig vor sich hin, ist dauernd im Büro, und wenn sie dann nach Hause kommt, schweigt sie uns an. Nach dem Abendessen geht sie ins Bett, wenn sie überhaupt bis zum Abendessen da ist. Und Papa zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück und vertieft sich immer mehr in die Übersetzung seines norwegischen Lieblingsromans Giants in the Earth.«
»Irgendwann werden sie sich wieder zusammenraufen«, sagt Himmo. »Mach dir keine Sorgen. Sie lieben sich doch.«
»Ich wünschte nur, sie würden mir nicht meinen Besuch verderben.«
»Gib ihnen Zeit, ihren Ärger zu verarbeiten«, sagt Himmo. »Dein Vater ist erbost, weil sie hinter seinem Rücken mit Dhaqaneh in Verbindung geblieben ist. Und sie ist wütend, weil er ihn verstoßen hat.«
Timiros Handy klingelt. Sie schaut auf das Display und sagt zu Himmo: »Papa.« Sie wendet sich etwas ab und spricht mit ihrem Vater, sagt, er brauche sich keine Sorgen zu machen, Mama sei bei Birgitta und sie selbst sitze mit Himmo in einem Café, sie seien sich zufällig über den Weg gelaufen.
Der Kellner stellt gerade die Kanne Tee auf den Tisch, als Timiro schlecht wird. Sie hält die Luft an und presst die Hand vor den Mund wie jemand, der sich jeden Augenblick übergeben muss. Himmo bemerkt es, sagt aber nichts. Stattdessen schenkt sie beiden Tee ein und beobachtet Timiro, wie sie die Tasse zum Mund führt und schweigend wieder absetzt.
»Genug jetzt von deinen Eltern und dem Streit über Waliya«, sagt Himmo. »Was gibt es bei dir Neues? Wie geht es Xirsi, warum ist er nicht mitgekommen?«
Timiro verändert ihre Sitzposition und schaut Himmo dann glücklich an. »Ich bin schwanger.«
Himmo greift nach Timiros Hand und drückt sie sanft. Sie gratuliert, wünscht ihr Gesundheit und eine Geburt ohne Komplikationen – immerhin wird Timiro wird bei der Entbindung schon vierunddreißig sein. »Deine Eltern freuen sich sicher.«
»Nicht so, wie ich gehofft hatte«, sagte Timiro.
»Nicht? Warum?«
»Wie gesagt, ich bin in eine angespannte Situation geraten. Sie sind viel zu sehr mit ihren eigenen Scharmützeln beschäftigt, um sich in meine Lage einfühlen zu können. Ich kann es ihnen nicht mal verübeln. Dhaqanehs Tod, das Versprechen meiner Mutter an ihn, die Frage, ob Waliya in der Familie willkommen ist oder nicht, das ist jetzt wichtiger als meine Schwangerschaft. Außerdem mögen sie Xirsi ohnehin nicht besonders.«
»Was hast du vor?«, fragt Himmo.
»Ich werde mit ihnen sprechen und ihnen sagen, dass ich mein Kind nicht in einer so feindseligen Umgebung bekommen will.«
»Ich bin sicher, sie werden sich besinnen, und ich hoffe, Xirsi wird auch vernünftig und erfüllt seinen Teil der Abmachung – als Vater des Kindes und als dein Ehemann.«
»Xirsi ist ein Scheißkerl«, sagt Timiro. »Ich glaube kaum, dass er sich ändern kann und Verantwortung für mich und das Kind übernimmt. Ich weiß, dass es hart wird als berufstätige, alleinerziehende Mutter. Aber du hast es ja auch geschafft, und zwar gut.«
»Zu Hause war es mit Kindern einfacher, da hilft einem die Großfamilie. Hier in Europa ist es für die meisten somalischen Frauen härter, egal, ob verheiratet oder nicht. Bei vielen Paaren kommt es zur Krise, weil die Männer nichts zum Zusammenhalt der Familie beitragen. Sie beschäftigen sich mehr mit Politik als mit ihren Kindern. Viele berufstätige Frauen halten das nicht aus und lassen sich scheiden. Diese Mütter haben meine volle Hochachtung. Sie schuften unermüdlich, damit Essen auf den Tisch kommt, kümmern sich um die Kinder, sorgen dafür, dass sie zur Schule gehen und nicht in Schwierigkeiten geraten. Jede von ihnen ist eine Heldin. Man sollte den ganzen Tag ihr Lob singen.«
»Ich bin fertig mit Xirsi. Ich lasse mich scheiden«, sagt Timiro.
Himmo drückt ihr mitfühlend die Hand. Schweigend sitzen die beiden Frauen eine Weile da.
Himmo war dreimal verheiratet und hat sich dreimal scheiden lassen, weil keiner der Männer Verantwortung für die Kinder übernommen hat, um die sie sich jetzt allein kümmert. Das weiß Timiro. »Was die Kinder angeht«, sagt Himmo, »ist von allen Männern, die ich kenne, dein Vater eine Ausnahme.«
Timiro freut sich über diese Bemerkung, und sie unterhalten sich noch ein paar Minuten, dann verabschieden sie sich.
Zu Hause macht Timiro das Abendessen. Ihr Vater arbeitet in seinem Zimmer, und ihre Mutter ist auch schon nach Hause gekommen, allerdings in gedrückter Stimmung. Timiro ruft beide zu Tisch. Sie essen schweigend. Von der Verbundenheit, die ihre Eltern immer ausgestrahlt haben, ist nichts zu spüren. Timiro spürt lediglich ihre Angst vor einer ungewissen Zukunft. Das beunruhigt sie. Warum sollte es gerade jetzt jemand Drittem erlaubt sein, sie auseinanderzubringen, wenn sie in ihrer Trauer besonders zusammenhalten müssen?
Sie konfrontiert ihre Eltern mit der Nachricht, dass sie mit dem nächsten verfügbaren Flug nach Genf zurückkehren werde. Gacalo fängt sich als Erste und stammelt: »Aber du hast doch gesagt, du bleibst länger. Du bist gar nicht in der Verfassung, alleine zurechtzukommen.«
»Ich weiß, warum sie fliegt«, sagt Mugdi.
Gacalo schaut von Mugdi zu Timiro, dann wieder zu Mugdi. »Habe ich da was verpasst? Habt ihr beide euch gegen mich verschworen?«
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