»Und die Witwe?«
»Sie lernt die Sprache und geht arbeiten.«
Mugdi ist nicht so zuversichtlich, trotzdem versprach er seiner Frau, seine Abneigung gegen somalische Flüchtlinge, die seiner Erfahrung nach nur selten arbeiteten, wenn sie vom Staat Almosen erhielten, im Zaum zu halten. Mit seiner Meinung wollte er trotzdem nicht hinter dem Berg halten. »Ich wette, sie will nicht arbeiten.«
»Dann bekommt sie es mit mir zu tun.«
Die Lage von Saafi, der Tochter, sei komplizierter, hat Gacalo gesagt. Sie habe keine Grundbildung erhalten und spreche nur wenig Englisch. Sie müsse am Pflicht-Sprachunterricht teilnehmen, um ihre Chancen auf einen Arbeitsplatz zu verbessern. Bei diesem Gespräch war Timiro dabei gewesen.
Wenn Gacalo sich in die Ecke getrieben fühlte, ging sie zum Gegenangriff über. »Glaubt ihr, wir sollten solche Gespräche gerade jetzt führen, zwei Wochen vor ihrer Ankunft? Ihr hört euch an, als müsste nur ich Lösungen finden für die tausend Probleme, die auf uns zukommen werden.«
Worauf Timiro sagte: »Das liegt daran, Mama, dass du ihnen das alles ermöglicht hast.«
Mugdi glaubt, dass Gacalo unrecht hat, aber er will sich nicht Elitismus, mangelnde Empathie oder ewige Nörgelei vorwerfen lassen. Birgitta hatte ihn sogar einmal als sich selbsthassenden Somali bezeichnet.
Johan war ihm bei einer dieser ständigen Auseinandersetzungen zur Seite gesprungen: »Er will, dass es den Somalis gut geht, dass sie jede Gelegenheit ergreifen, und daran ist ja nichts Schlechtes. Heutzutage kann man in ein paar Stunden von einem Eck der Welt ins andere fliegen, aber richtige Integration dauert eben ein paar Jahre.«
Das vibrierende Handy in seiner Tasche reißt ihn aus seinen Gedanken. Auf dem Display sieht er die Uhrzeit und ist überrascht, wie spät es schon ist. Von der Witwe und ihren Kindern ist aber immer noch nichts zu sehen.
»Und, wo sind sie?«, fragt er.
»Die Einwanderungspolizei hat mich gerade vom Flughafen angerufen«, sagt Gacalo. »Sie haben alle drei festgenommen.«
»Das bedeutet nichts Gutes. Sonst noch was?«
»Der Beamte hat mich darüber informiert, dass wir demnächst zu einer Befragung im Flughafenbüro zu erscheinen haben.«
Mugdi glaubt aus ihrer Stimme so etwas wie Triumph heraushören zu können – als betrachte sie es als ihren Erfolg, dass Waliya und ihre Kinder die erste und schwierigste Hürde geschafft haben.
»Heißt das, sie werden nicht abgeschoben?«
»Zumindest nicht sofort.«
»Dann kann ich jetzt also nach Hause fahren?«
»Natürlich, mein Liebling.«
Im Auto schaltet Mugdi das Radio an. Bei Ausschreitungen im amerikanischen Bundesstaat Virginia machen Mitglieder einer rechten Bürgerwehr gemeinsame Sache mit dem Ku Klux Klan. Dreihundert Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten ertrinken im Mittelmeer. In Myanmar massakrieren buddhistische Mönche Muslime der Rohingya-Minderheit. Ein Bus voller Schulkinder kommt von einer Bergstraße in Serbien ab. In Kairo stürzt ein Hochhaus aufgrund baulicher Mängel ein. Mugdi schaltet das Radio aus. Er ist davon überzeugt, dass die Welt auf dem falschen Weg ist. Die vielleicht beste Nachricht des Tages ist die, dass man einer Witwe und ihren Kindern zumindest die Einreise erlaubt hat und sie die Entscheidung abwarten können, ob sie als Flüchtlinge anerkannt werden. Mugdi hofft es.
Mugdi sitzt oben in seinem Arbeitszimmer und arbeitet an seiner Übersetzung von Giants in the Earth ins Somalische. Bevor sie zur Arbeit gegangen ist, hat Gacalo ihm gesagt, dass es keine Neuigkeiten von der Bundespolizei gebe. Die Beamten im internationalen Flughafen hatten versprochen, ihnen den genauen Termin für die Befragung noch durchzugeben, wo sie über ihre Beziehung zu den Neuankömmlingen, ihre Einkommensverhältnisse und ihre Bereitschaft zur Hilfe Auskunft geben sollen. Mugdi sitzt seit über drei Stunden am Schreibtisch. Vor ihm liegen nebeneinander das norwegische Original und die englische Übersetzung. Abwechselnd liest er in dem norwegischen, dem englischen und dem frischen somalischen Text.
Jetzt liest er noch einmal einen Teil der Episode, die er gerade übersetzt hat. Darin schlägt eine Gruppe »Rothäute« in der Nähe der norwegischen Siedler ihr Lager auf. Als sie weiterziehen, sind unerklärlicherweise ein halbes Dutzend Kühe verschwunden, auf deren Milch die Siedler angewiesen sind. Einige verdächtigen die Indianer, das Vieh gestohlen zu haben. Als die Kühe nicht wieder auftauchen, breitet sich tiefe Verzweiflung unter den Siedlern aus. Beret, Per Hansas Frau, plagt die Angst, das ungezähmte Land, die endlose Prärie könne für die menschliche Existenz nicht geeignet sein. Kein Wunder, dass sie fast wahnsinnig wird. Mugdi kritzelt eine Notiz an den Rand, dass sich die Norweger im Dakota-Territorium genauso von ihrem früheren Leben abgeschnitten fühlten wie heute die Somalis in Norwegen. Sie kommen in ein verschneites Land, in dem es das halbe Jahr dunkel ist und die Sonne nicht scheint und in dem die sogenannte Offenherzigkeit seiner Bewohner für Fremde nur schwer zu verstehen ist, wenn sie nicht mit ihnen trinken und ihre Sprache nicht sprechen.
Es ist unmöglich vorherzusagen, denkt er, wie es Waliya und ihren Kinder ergehen wird, obwohl Naciim sich leichter tun wird als seine Schwester Saafi. Gacalo hat ihm von der Gruppenvergewaltigung erzählt, die das Mädchen im Flüchtlingslager in Kenia durchlitten hat und die sie traumatisiert habe. Sie wird besonders zärtliche, liebevolle Zuwendung benötigen. Was Waliya angeht, so sagt ihm seine Erfahrung mit anderen somalischen Frauen in ihrem Alter und mit ihrem Hintergrund, dass sie sich wie eine Schildkröte in ihren Panzer zurückziehen und ihre Gedanken kaum mit ihm teilen wird. Er wird das respektieren, Abstand halten und Gacalo alle wichtigen Entscheidungen überlassen, weil Waliya und Saafi sich in ihrer Gesellschaft sicher wohler fühlen werden. Laut Gacalo ist Naciim intelligent, fleißig, aufgeschlossen und ehrgeizig. Obendrein hat ihn sein Stiefvater Dhaqaneh bevorzugt behandelt und von klein auf in die Rolle des Mahram eingewiesen, des männlichen Oberhaupts des Haushalts.
Mugdi geht nach unten in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen, stellt fest, dass keine Milch mehr da ist, und beschließt, einkaufen zu gehen. Bevor er das Haus verlässt, klopft er an Timiros Tür, die sich nun doch entschlossen hat, länger in Oslo zu bleiben. Sie antwortet mit schwacher, kaum hörbarer Stimme. »Ja?« Er sagt, dass er Milch holen gehe, ob sie mitkommen wolle, etwas frische Luft schnappen.
»Ich bin nicht in der Stimmung, Papa.«
»Soll ich dir was mitbringen?«
»Nein, danke.«
Das Geschäft, zu dem Mugdi geht, hat geschlossen. Wegen einer Hochzeit steht auf dem Zettel an der Tür. Er überlegt kurz, geht über die Straße und dann nach Süden zu einem Supermarkt, an dem er auf dem Weg zur Tramhaltestelle oft vorbeikommt.
Unterwegs denkt er über die Parallelen von Berets Leben im Dakota-Territorium und dem somalischer Frauen in Norwegen nach. Aus Angst vor der Prärie verhängt Beret die Fenster ihrer Lehmhütte und verriegelt jedes Mal, wenn ihr Mann nicht im Haus ist, die Tür. Wenn somalische Frauen das Haus verlassen, verbergen sie ihre Körper aus Angst, wem sie über den Weg laufen könnten, in alles verhüllenden Ganzkörpergewändern.
Während Mugdi mit seiner Milch an der Kasse des Supermarkts ansteht, verfolgt er auf einem Fernsehschirm die Nachrichten. In Großbritannien sind gerade zwei Terroranschläge verübt worden – einer in London, der andere in Glasgow. Die Angreifer seien wahrscheinlich »radikale Muslime« gewesen, sagt der Sprecher. In London hätten sie mithilfe von Handys Bomben zünden wollen, was misslungen sei, wohingegen in Glasgow ein mit Bomben beladener SUV in einen der Eingänge des Glasgower Flughafens gerast und in Flammen aufgegangen sei. Die britische Polizei gehe davon aus, dass die beiden Anschläge miteinander in Verbindung stünden.
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