Götzl Meine Frage ist: Was war der Stand Ihrer Informationen über die Rolle des Herrn Temme bezogen auf die Ereignisse am 6.4.2006, dem Tag des Mordes im Internetcafé?
Irrgang Mit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft galt für mich uneingeschränkt die Unschuldsvermutung.
Götzl Es ist einer Ihrer Mitarbeiter als Verdächtiger in einem Mordfall verhaftet worden, wollten Sie da nicht möglichst schnell Klärung herbeiführen, welche Rolle er spielte? Es geht doch um einen Sachverhalt, der für Ihre Behörde Konsequenzen haben kann.
Irrgang Ich darf Sie erinnern, dass das Landespolizeipräsidium sich jegliche Einmischung verbat, deshalb hielten wir uns restlos zurück. Es war für uns zunächst nichts weiter zu tun. Wir mussten versuchen, unsere Quellen zu retten.
Bundesanwalt Diemer Was hätte Andreas Temme zu befürchten gehabt, wenn Sie schon früher erfahren hätten, dass er im Internetcafé war, um dort privat zu chatten?
Irrgang Ich bin noch ein alter Berufsbeamter und halte das für ein Unding. Es hat uns alle ziemlich entsetzt, dass sich Herr Temme dort aufgehalten und vergnügt hat. Ich hätte das nicht gebilligt.
Anwalt Bliwier Haben Sie eigentlich mitbekommen, dass es eine Telefonüberwachung gegeben hat bei Herrn Temme?
Irrgang Das hat uns große Schwierigkeiten gemacht, weil gleichzeitig unsere Dienstgeschäfte abgehört wurden.
Anwalt Bliwier Wann haben Sie erfahren, dass es eine Überwachung gegeben hat?
Irrgang Relativ spät. Wir haben das erfahren, weil sich Kollegen beschwert haben, dass sie observiert worden sind bei Treffen.
Anwalt Kienzle Können Sie sagen, wie Sie die Mordserie betrachtet haben?
Irrgang Die Polizei ging ja davon aus, dass es sich um ein internes Problem der betroffenen Bevölkerung handelte. Wir haben uns natürlich auch Gedanken gemacht. Für mich war es ein ganz gravierender Moment, als offenbar wurde, dass ein Verfassungsschützer ganz in der Nähe der Tat war. Weil, wer auch immer die Verantwortung für die Taten hat, sich irgendwie neu positionieren muss, weil er das vielleicht auf sich bezogen hat. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie das auf den Täter wirkt und was das sowohl für die Aufklärung des Falles als auch für den Fortgang der Verbrechen bedeuten könnte. Ich hielt das für so brisant, dass ich das nur als handschriftlichen Vermerk zu den Akten gegeben habe. Meine persönliche Überlegung war, dass es auf Jahre hin nicht gelingen wird, das aufzuklären.
(Als nächster Zeuge betritt erneut Andreas Temme den Saal. Er bleibt dabei, dass er sich an kaum etwas erinnere. Als Verteidiger Heer sagt, seine Mandantin könne sich nicht länger konzentrieren, wird Temmes Befragung unterbrochen.)
13. März 2014
Manfred Götzl, Richter. Ismail Yozgat, 58, Vater des Mordopfers Halit Yozgat. Er trat bereits an den Tagen 41, 80 und 91 auf. Jana J., 33, Sozialarbeiterin aus Berlin. Wolfgang Heer, Verteidiger von Beate Zschäpe. Alexander Kienzle, Anwalt der Nebenklage
(Zunächst gibt Ismail Yozgat eine Erklärung ab, die von einem Dolmetscher übersetzt wird.)
Yozgat Sehr geehrter Herr Vorsitzender, ich bin Ismail Yozgat, der Vater des 21-jährigen Halit Yozgat, der unschuldig in Deutschland getötet wurde. Ich habe das Video mit Temme gesehen. Als er das Geld auf den Tisch gelegt hat, war der Tisch 73 cm hoch. Ich vermute, dass Temme 196 cm groß ist. Warum hat er nicht gesehen, dass Halit hinter dem Tisch liegt, als er das Geld auf den Tisch legt? Warum hat er den Blutstropfen auf dem Tisch nicht gesehen? Was Temme erzählt, kommt mir nicht glaubhaft vor. Mein einziger Sohn wurde am 6.4.2006 durch zwei Kugeln in den Kopf erschossen. Er verlor sein Leben in meinen Armen. Wenn ich nach dem Mord zum Einkaufen in die Stadt fuhr, haben uns die Leute, egal ob Deutsche oder Türken, böse angeschaut, als seien wir schlechte Menschen. Wir sollen Drogen verkauft, Geldwäsche betrieben haben. Es hieß, unser Sohn wurde deshalb erschossen, weil wir krumme Geschäfte betrieben haben. Auch die Zeitungen schrieben das. Wenn wir in den Urlaub in die Türkei fuhren, hörten wir auch dort die gleichen Dinge. Aber wir sind eine aufrichtige Familie und haben all diese Beschuldigungen nicht verdient. Ich habe den Polizisten gesagt, dass die Mörder Ausländerfeinde waren, sie glaubten mir das aber nicht. Das Einzige, was die Polizei damals tat: Sie ermittelte die Einkommensverhältnisse der Familie Yozgat und unterzog uns DNA-Tests. Wir haben zum allmächtigen Gott gebetet: Befreie uns von diesen falschen Beschuldigungen. Ende 2011 kam die Sache mit Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe heraus: Die Mörder waren gefasst, wir wurden von den falschen Beschuldigungen befreit, der allmächtige Gott hat unseren Gebeten entsprochen.
Verteidiger Heer (unterbricht) : Bei allem Verständnis für die Familie Yozgat und das Bedürfnis, sich hier zu äußern. Aber wenn unsere Mandantin hier als Mörder bezeichnet wird, muss ich das beanstanden.
Götzl Herr Yozgat, was das Verfahren angeht, haben Sie keine anderen Rechte als alle anderen Verfahrensbeteiligten. Herr Rechtsanwalt Kienzle, da sind vor allem Sie gefordert. Ich habe volles Verständnis, da Herr Yozgat ja kein Jurist ist.
Anwalt Kienzle Herr Yozgat hat aber ein eigenes Erklärungsrecht. Selbst wenn man das hier formaljuristisch sieht, bewegt sich Herr Yozgat in weiten Teilen im Rahmen.
Götzl Dann fahren Sie fort, Herr Yozgat.
Yozgat Die auf uns gerichteten Blicke haben sich geändert. Wir wurden zu einer Familie, mit der alle Mitleid hatten. Am 23. Februar 2012 hatte Frau Bundeskanzlerin Merkel zum Märtyrergedenktag alle Familien nach Berlin eingeladen. Ich habe dort drei Wünsche mitgeteilt: 1. Die Festnahme und Verurteilung der Mörder, 2. Die Umbenennung der Holländischen Straße in Kassel in Halit-Straße, 3. Gründung einer Stiftung für diese zehn Märtyrer. Bezüglich des ersten Wunsches vertraue ich vollkommen Ihrem Hohen Gericht. Die Erfüllung meines zweiten Wunsches ist fraglich. Zum dritten Wunsch: Nach Beendigung dieser Verhandlung werden wir versuchen, für die zehn Märtyrer eine Stiftung zu gründen. Wir als Familie Yozgat haben vom Staat kein Geld bekommen. Sie haben es uns angeboten, aber wir haben es nicht akzeptiert. Wir wollen kein Geld. Wir haben einen einzigen Wunsch: die Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße. Er kam am 6.2.1985 in der Holländischen Straße auf die Welt, und er wurde dort am 6.4.2006 getötet. Er ist im selben Haus auf die Welt gekommen und gestorben. Der verehrte Herr Oberbürgermeister von Kassel und seine Gruppe haben uns den Halitplatz gegeben. Ihnen danke ich. Aber sie haben uns nur gegeben, was sie wollen. Nicht, was wir wollen. Wir wollen nur, dass die Holländische Straße in Halit-Straße umbenannt wird. Wenn eine Verurteilung der Mörder unseres Sohnes erfolgt, soll auch bei diesem hohen Gericht eine Entscheidung über die Umbenennung der Holländischen Straße in Halit-Straße erfolgen. Sehr geehrter Vorsitzender, hoher Senat, wenn Sie darüber entscheiden, werde ich als Vater des Märtyrers Halit die Angehörigen der verstorbenen Mundlos und Böhnhardt zur Eröffnungsfeier der Halit-Straße einladen. Wir werden gemeinsam weiße Tauben hochfliegen lassen. Unser einziges Ziel ist: Es sollen keine Menschen mehr getötet werden. Sehr geehrter Herr Vorsitzender, der Ball liegt nun bei Ihnen. Wenn Sie eine historische Entscheidung treffen, werden Freundschaft und Menschlichkeit siegen.
Götzl Ich muss Ihnen gleich sagen: Wenn Sie Hoffnungen haben, wir hätten hier Einfluss auf die Benennung der Holländischen Straße – das ist nicht der Fall. Das ist ausschließlich Sache der örtlichen Behörden. Die Einzelheiten wird Ihnen Ihr Anwalt erklären.
(Jana J. tritt in den Zeugenstand.)
Jana J. Mit Beate Zschäpe war ich nicht näher bekannt, ich bin ihr ein paar Mal begegnet, war einmal auch mit ihr in der Disco. Also, zu ihr kann ich eigentlich nicht viel sagen. Das ist ungefähr 17 Jahre her.
Читать дальше