Götzl Haben Sie gefragt, ob er Blut gesehen hat?
Karsten R. Er sagte, er hätte das nicht gesehen. Herr S. ist nicht sehr groß, Augenhöhe 162 cm. Von daher halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass er tatsächlich nichts gesehen hat hinter dem Tresen. Es kann tatsächlich so gewesen sein.
(Auch der nächste Zeuge ist ein Beamter, der eine Vernehmung bei der Polizei schildern soll; in diesem Fall die Vernehmung von Andreas Schultz, der als Kompagnon von Frank Liebau einen rechten Szeneladen in Jena betrieb und bei der Polizei gestanden hat, eine Waffe verkauft zu haben, mutmaßlich die Česká-Pistole. Schultz hatte an Tag 79 vor Gericht von seinem Auskunftsverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.)
Steffen B. Herr Schultz schilderte kurz seine Vita. Ihm wurde vorgehalten, dass er Ralf Wohlleben eine Waffe besorgt habe. Er äußerte sich, dass das nicht stimme. Allerdings habe Wohlleben ihn zusammen mit einem Begleiter nach einer scharfen Waffe gefragt, er habe sie an die Jugoslawen in der Spielothek verwiesen. Die könnten ihnen eine Waffe besorgen. Während der Vernehmung ist er ermahnt worden, bei der Wahrheit zu bleiben. Daraufhin sagte er nach Bedenkzeit: Ich hab dem die Scheißknarre besorgt. Ja, es sei richtig, Wohlleben sei im Laden gewesen. Als die Waffe dann da war, habe er sie dem Begleiter von Wohlleben für 2000 Mark übergeben, es sei eine Waffe osteuropäischer Herkunft gewesen, und eine Schachtel mit circa 50 Patronen sei dabei gewesen. Er habe sie dem Carsten Schultze, in ein Tuch eingewickelt, im Pkw übergeben, damit war das Geschäft für ihn erledigt. Dies sei 1999 oder 2000 gewesen.
Götzl Wie verhielt sich Andreas Schultz während der Vernehmung?
Steffen B. Ihm war die Sache sichtlich unangenehm, er verhielt sich kooperativ, das hat ihn aber nicht davon abgehalten, uns zunächst zu belügen.
Götzl Fiel der Name Frank Liebau?
Steffen B. Auf Nachfrage sagte er, Wohlleben sei erst bei Liebau gewesen, und der habe Wohlleben an ihn verwiesen.
Götzl Hat er den Carsten Schultze bei der Lichtbildvorlage erkannt?
Steffen B. Er hat ihn, ohne dass er den Namen wusste, erkannt. Damals wäre er rumgelaufen wie ein Hitlerjunge, mit Scheitel und kurzen Haaren und braunem Hemd.
Götzl Hat er die Waffe beschrieben?
Steffen B. Er konnte sich erinnern, dass da entweder ein tschechischer Aufdruck war oder etwas in kyrillischen Buchstaben.
Götzl Welchen Betrag haben Sie in Erinnerung? Sie sagten vorhin 2000 Mark.
Steffen B. 2500 D-Mark vom Abholer.
Götzl Was hat er jetzt an der Waffe verdient?
Steffen B. Ich denke, 500 Mark. 2000 D-Mark hat er bezahlt und für 2500 D-Mark hat er sie weitergegeben.
Götzl Ist denn nach den Angaben von Herrn Schultz über den Verwendungszweck der Waffe gesprochen worden?
Steffen B. Nach seinen Angaben nicht. Er habe auch nicht danach gefragt. Aber er hat deutlich zum Ausdruck gebracht, dass eine scharfe Waffe besorgt werden sollte und keine Spielzeugwaffe. Die Frage, ob Frank Liebau Wohlleben an ihn vermittelt habe, hat er bejaht. Er sagte auch, dass Liebau nichts von dem Geschäft wusste und von ihm auch nichts über die Waffenbeschaffung erfahren habe. Und Schultz sagte, das es die einzige Waffe gewesen sei, die er jemals verkauft oder besorgt hat.
26. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Mandy Struck, 38, Friseurin aus Schwarzenberg.
(Auf der Zuschauertribüne hat Karl-Heinz Statzberger Platz genommen, ein verurteilter Münchner Rechtsterrorist, der zu einer Neonazi-Gruppe gehörte, die 2003 einen Anschlag auf die Grundsteinlegung für das Jüdische Gemeindezentrum in München plante. Als Zeugin tritt Mandy Struck auf. Richter Götzl belehrt sie, dass sie ein Auskunftsverweigerungsrecht habe, weil gegen sie ermittelt werde.)
Struck Ich möchte gerne aussagen.
Götzl Es geht uns um Kontakte, die Sie zu Frau Zschäpe, Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos in Chemnitz hatten.
Struck Es ist schon sehr lange her. Im Frühjahr 1998 hat jemand bei mir an der Tür geklingelt und gefragt, ob drei Leute bei mir schlafen können, die hätten Scheiße gebaut. Ich wollte die nicht bei mir haben. Da ist mir der Einfall gekommen, dass Max`Wohnung ja frei ist, weil er eh bei mir schläft. (Sie meint Max-Florian B., ihren damaligen Freund.) Ich habe Max gefragt, ob das in Ordnung ist. Ich bin der Meinung, dass er bei mir war. Aber er hat ausgesagt, er sei auf einem Konzert gewesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich fremde Leute bei ihm einquartiere, ohne ihn zu fragen. Ich kannte die drei nicht. Ich habe sie erst in Max’ Wohnung kennengelernt, ein, zwei Tage später. Das war komisch. Ich wusste nicht: Wer steht da jetzt vor mir. Die haben einen sehr friedlichen, netten Eindruck gemacht. Einer sah nett aus, einer sah böse aus. Der hat nie geredet, nicht gelächelt, nur beobachtet und mich mit Blicken durchlöchert. Ich hatte sehr wenig Kontakt zu den dreien.
Götzl Und die dritte Person?
Struck Es war noch ein Mädchen dabei. Die war mir sehr sympathisch – sehr freundlich und aufgeschlossen.
Götzl Wie sah das Mädchen aus?
Struck Klein, Lockenkopf, schulterlanges Haar, piepsige Stimme. Niedlich.
Götzl Jetzt müssen Sie natürlich schon ein bisschen ausholen. Die Identität wird Ihnen nicht genannt. Und dass die Scheiße gebaut haben. Jetzt ist die Frage, weshalb Sie ohne Weiteres die Wohnung von Ihrem Freund Max zur Verfügung stellten. Woher kannten Sie den Nachfrager?
Struck Da ich selber in der rechten Szene war, war das halt ein Kamerad von mir. Ich stand auch schon mal auf der Straße, da wurde mir auch ein Platz gegeben, ohne dass man fragt, warum, weshalb, wieso.
Götzl Hat der Kamerad denn gesagt, dass die drei aus der rechten Szene waren?
Struck Er hat gesagt: Kameraden.
Götzl Wie lange waren Sie in der rechten Szene?
Struck Na, es war ja eine reine Skinhead-Szene damals. Geschorene Köpfe, Bomberjacke, Konzerte, bis sich das halt mal später mehr auf Politik kristallisiert hat, dass man auch auf Demos gegangen ist. Einfach Partyspaß erst mal. Mit Politik hatte das am Anfang nichts zu tun.
Götzl Von welcher Zeit sprechen Sie?
Struck 1994, x’95, wo ich halt meine Lehre gemacht hab. Ich habe mich angepasst, den Kopf rasiert, bin dann genauso rumgelaufen wie die andern auch.
Götzl Wer waren jetzt Ihre hauptsächlichen Bekannten?
Struck Skinheads.
Götzl Wer?
Struck Ja, mein Freund. Mir fallen jetzt gar keine Namen ein, so spontan.
Götzl Vielleicht einer oder zwei?
Struck Einer hieß mit Spitznamen Manu, und der Eminger hat bei mir geschlafen.
Götzl Wie lange waren die drei denn in der Wohnung?
Struck Ich gehe mal aus von sechs bis acht Wochen. Ich schätze, ich war etwa fünf Mal da. Einmal, ziemlich am Anfang, ging es Frau Zschäpe sehr schlecht. Sie hatte übelste Bauchkrämpfe. Also habe ich ihr meine AOK-Karte gegeben. Später dann sollte ich auch noch einen Ausweis für sie abholen.
Götzl Haben Sie sonst noch etwas in Erinnerung?
Struck Dass sie irgendwelche komischen Würfel gebastelt haben für so ein Spiel. Die waren am Feilen und Sägen.
27. Februar 2014
Manfred Götzl, Richter. Mandy Struck, 38, Friseurin aus Schwarzenberg.
(Die Befragung vom Vortag wird fortgesetzt.)
Götzl Jetzt geht es um einen Passantrag. Haben Sie einen Pass abgeholt oder einen Ausweis?
Struck Von den Erinnerungen bin ich mir sicher, dass ich einen Personalausweis abgeholt habe.
Götzl Und wie ordnen Sie das jetzt hier ein? (Zeigt einen Antrag.)
Struck Das ist ein Antrag für einen Reisepass oder wie?
Götzl Ja.
Struck Ich habe aber nur einmal etwas abgeholt.
(Götzl fragt nach ihren Kontakten in die rechte Szene. Struck zählt eine Menge Namen auf. Sie kannte nicht nur Neonazis in Sachsen, sondern auch in Nürnberg.)
Читать дальше