Das Weinen verstummte.
Manuel blickte Ulla vorwurfsvoll an. „Es ist wirklich alles gut. Wir sind gleich da. Deine Mutter liegt im Hospital Joan March. Hinter Palmanyola.“
***
Auf den restlichen Kilometern presste sie so viel wie möglich aus Manuel heraus.
So viel er wusste, waren ETA und Mama heute Morgen zum „Blütengucken“ gefahren. Zwischen Santa Maria del Cami und Bunyola würden die vielen Mandelbäumchen gerade ihre volle Pracht entfalten, hatte es in der mallorquinischen Presse geheißen.
Irgendwo in dieser Gegend musste es wohl geschehen sein. Mama war in einem Gebüsch verschwunden, um einem dringenden Bedürfnis nachzugehen, hatte wohl dabei das Gleichgewicht verloren und war gestürzt. Auf den Kopf.
„Wer hat sie gefunden und ins Krankenhaus gebracht?“ Ulla wollte Genaueres wissen.
Manuel seufzte.
Seine Mutter hatte ihn angerufen. Er hatte die beiden eine halbe Stunde später auf einer Nebenstrecke entdeckt und Mama wurde ins Krankenhaus gefahren.
„Und deine Mutter, was ist mit der?“
Er sah sie seltsam an, schüttelte den Kopf und blickte starr auf die Straße.
Ulla beschlich ein ungutes Gefühl.
„Was ist los, Manuel? – Bitte, sag mir alles“, bat Ulla aufgeregt.
Da fing das Kind wieder an zu weinen.
Dieses Mal wurde es nicht von seinem Vater getröstet. Der fuhr robotermäßig die letzten Kurven des Berges hinauf und hielt dann vor einem großen weißen Gebäude.
„Wir sind da.“
***
Ihre Mutter sah entsetzlich aus: weißbandagierter Kopf, Schläuche aus der Nase, je ein Schlauch im linken Handrücken und in der rechten Armbeuge. Abschürfungen in der rechten Gesichtshälfte und auf der rechten Hand. Sie war leichenblass und atmete kaum. Ihre Augen waren geschlossen.
„Mama!“ Ulla beugte sich vorsichtig über sie und küsste sie zart auf eine freie Stelle im Gesicht.
„Mama, hörst du mich?“
Keine Reaktion. Ulla strich sanft über ihre rechte Hand.
„Ich soll dich herzlich grüßen. Von KH. Und Ingrid und Eni und Björn. Und natürlich von Domi.“
Bildete sie es sich ein oder bewegte ihre Mutter wirklich ihre Augenlider?
„Mama“, sagte sie beschwörend, „alle wünschen dir gute Besserung. Du sollst ganz schnell gesund werden. Hörst du? Gesund!“
„Das ist genug!“
Eine Ärztin mit müden Augen stoppte Ulla.
„Mehr ist nicht gut für Ihre Mutter. Bitte verstehen Sie das!“ Ihre Aussage erfolgte in fast akzentfreiem Deutsch.
„Kann ich an ihrem Bett sitzenbleiben?“
Das Nein kam prompt und entschieden.
„Sie muss zurück auf die Intensivstation. Dorthin können Sie sie nicht begleiten. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihre Mutter ist zäh. Sie wird es überleben.“
Ulla meinte, eine Bewegung im Gesicht ihrer Mutter wahrzunehmen.
Sie küsste sie erneut.
„Mach’s gut, Mama. Ich bin morgen früh wieder da.“
***
Auf der Weiterfahrt zum Hotel vermied Manuel jegliches Gespräch.
Eine Zeit lang fuhr er auf Nebenstraßen.
Als sie das Geheul einer Motorrad-Staffel hörten, bog er in einen Hof und stellte das Licht ab.
Ullas Verwunderung veranlasste ihn zu einer Erklärung: „Wegen der Kleinen. Sie hat Angst vor Krach.“
Mehr war ihm während der gesamten Fahrt nicht zu entlocken. Er lieferte sie im Hotel ab. „Ich fahr dich morgen ins Krankenhaus. Um 9.00 Uhr hier am Eingang! Ciao.“
Als er den blauen Golf auf dem Hotelparkplatz wendete, bemerkte Ulla im Schein der vielen Lampen tiefe Schrammen über die gesamte linke Autoseite vom Vorderrad bis zum Hinterrad. Eine dicke Beule verunstaltete die Fahrertür, der linke Scheinwerfer schien nur noch lose in seiner Fassung zu hängen. Und der linke hintere Kotflügel war tief eingedellt.
Sie starrte ihm nach, wurde aber vom Nachtportier aus ihren Gedanken gerissen.
„Bitte, Señora, Ihre Unterlagen und Ihr Schlüssel. Falls Sie noch eine Kleinigkeit essen wollen, die Bar ist bis 2.00 Uhr geöffnet. Viel Spaß in unserem Hotel.“
***
Trotz allem erfreute sich Ulla am Blick vom Balkon auf den dunkel leuchtenden Pool, an den mondbeschienenen Palmen und natürlich am blass glänzenden Meer.
Vor allem genoss sie aber das Telefongespräch mit KH.
Ihre Erleichterung übertrug sich auf ihn, er wurde deutlich ruhiger.
„Übermorgen haben wir uns ja wieder, Kallilein! Und weißt du, was das Beste ist?“
„Nein, was?“
„Als die Ärztin sagte Ihre Mutter ist zäh, hat Mama gelächelt!“
Sie spürte durch die Leitung, dass auch KH erleichtert schmunzelte.
„Typisch Mama“, sagte er, „sie ist nicht tot zu kriegen.“
3 - Neuigkeiten
Beim Frühstück schmeckte ihr der frischgepresste Orangensaft am besten. Ulla füllte sich ein zweites Glas ein, trug es zu ihrem Platz zurück und beobachtete dabei unauffällig ihre Umgebung.
Mehrheitlich ältere Paare zu zweit oder zu viert; einige Singles vereinzelt an Zweiertischen; viele Sportler, vermutlich Fahrradfahrer – männlich und weiblich, gemeinsam an großen separaten Teamtischen, außerhalb des Speiseraums in der Bar. Dort lieferte ein Fernsehgerät ununterbrochen Bilder von der Winterolympiade in Sotchi.
Ulla las die Schilder der Gruppen.
„Racing Team Wales – Sky Team – Racing Team GB. Hmm, seit wann gehört Wales nicht mehr zu Großbritannien?”
Sie würde KH fragen müssen, ob sie etwas verpasst hatte.
Intensiv widmete sie sich ihrer frischen Ananas, der rosa Grapefruit, den Käsewürfeln und dem frischen Brot.
Nur nicht aufschauen, sonst würde wieder eine einsame, auf mondän getrimmte Alte versuchen, sie in ein Gespräch verwickeln wie gestern Abend an der Bar.
„Sie erinnern mich an eine Urlaubs-Bekanntschaft. Sind Sie schon länger hier? Ich komme aus Sachsen-Anhalt und Sie?“
***
Letzte Nacht hatte Ulla schlecht geschlafen.
Sie traute ihrer eigenen Interpretation nicht, Mama habe gelächelt.
„Du redest dir das schön, es geht ihr schlecht. Es ist ernst, todernst. Mach dich auf den Abschied gefasst. Sie ist 85!“
Doch dann setzte sich eine andere innere Stimme energisch durch: „Was willst du eigentlich? Du kennst doch deine Mutter! Was hätte sie im umgekehrten Fall gemacht? Wenn sie das Lächeln nicht gesehen hätte – sie hätte es erfunden!“
Ja, das stimmte, das passte zu Mamas unerschöpflichen Optimismus.
Mit dem festen Vorsatz, ab sofort diese Haltung ihrer Mutter zu übernehmen, schlief Ulla tief bis zum frühen Morgen.
***
Gerade deshalb wollte sie sich jetzt ihr Frühstück nicht durch irgendeine missmutige Alte verderben lassen.
Aber ein Blick in den Garten war unverfänglich. Sie erfreute sich am blauen Himmel, den Sonnenstrahlen auf Pool und Meer, den sich sanft wiegenden Palmen und den blühenden Alpenveilchen.
Eine plötzliche Bewegung ließ sie aufschrecken. Die beiden Gärtner stoppten abrupt ihre Arbeit und starrten direkt durch die Fenster in den Frühstücksraum.
Ulla folgte ihren Blicken.
Guardia Civil und Policia Local!
Zwei von ihnen gingen zielstrebig auf eine Sportlergruppe zu; vier andere verteilten sich im Raum.
Sie spürte einen Ellbogen in ihrem Rücken.
„Der vermisste Fahrradfahrer!“, zischte es hinter ihr.
Langsam drehte sie sich um. Sie hasste es, vertraulich angestoßen zu werden.
„Was, bitte?“, fragte sie langsam von oben herab in bester KH-Manier.
Sie blickte in das entzückte Gesicht der gestrigen Bar-Bekanntschaft, die plötzlich eine deutlich verjüngte Körperhaltung und eine freudige Miene zeigte.
„Seit Samstag! Der Fahrradfahrer!“
Die pechschwarz gefärbte Frau stand unvermittelt auf, zog sich das Tiger-T-Shirt glatt über die Rundungen an Hüfte und Bauch, schnappte mit ihren rot lackierten Fingern einen Teller und stieß unter dem Vorwand, sich neuen Essens-Nachschub zu besorgen, direkt mit dem jungen Vertreter der Policia Local zusammen.
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